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Ägypten modifiziert seine Wasserstoffstrategie

Megaprojekte zur Produktion von grünem Wasserstoff stoßen weltweit auf Umsetzungsprobleme. Ägypten zieht Konsequenzen und nimmt kleinere Anlagen sowie lokale Nutzung in den Blick.

Von Marcus Knupp | Berlin

Planen ist eine Sache, die Verwirklichung der Pläne eine andere. Das zeigt sich derzeit weltweit bei großen Vorhaben zur Produktion von grünem, also auf Basis von erneuerbaren Energien erzeugtem Wasserstoff. Das Potenzial ist groß, aufgrund der guten Bedingungen für die Solarenergie insbesondere in Wüstenländern wie Saudi-Arabien, Namibia, Mauretanien oder Ägypten. Für Verzögerungen sorgt regelmäßig eine "Henne-Ei-Problematik": Investoren der Megaprojekte warten auf feste Abnahmezusagen - und potenzielle Abnehmer warten auf verbindliche Liefergarantien und -preise.

Ägypten: Über 30 Vorhaben in der Pipeline

Vielen Absichtserklärungen (MoU) stehen daher bisher nur sehr wenige tatsächliche Investitionen gegenüber. Die Weltklimakonferenz COP27 im Badeort Sharm-el-Sheikh 2022 war für Ägypten der Startschuss für den Aufbau einer lokalen Wasserstoffökonomie. Zahlreiche internationale Konsortien vereinbarten in den Jahren 2023 und 2024 MoU mit den ägyptischen Behörden zum Bau von riesigen Produktionsanlagen für grünen Wasserstoff auf Basis von Solar- und Windenergie. Als Ziel formulierte die Regierung, 5 bis 8 Prozent des Weltmarkts für die neue Energieressource erobern zu wollen. Das gesamte Investitionsvolumen der ins Auge gefassten Vorhaben würde über 80 Milliarden US-Dollar (US$) betragen.

Projekte, die bis zur Jahreswende 2025/26 über Machbarkeitsstudien hinausgekommen sind, lassen sich allerdings an einer Hand abzählen. Am weitesten fortgeschritten sind die Vorhaben der Konsortien um die Unternehmen Fertiglobe, Mopco und Acwa, wo es Abnahmeverträge oder - bei Acwa - eine Finanzierung gibt (s. Tabelle). Diese Projekte nutzen zum Teil bestehende Infrastruktur und passen Anlagen an, anstatt alles neu zu bauen. Damit sinken die in eine Gesamtkostenanalyse (Levellized Cost of Hydrogen) eingehenden Investitionen und ebenso die Risiken für Verzögerungen, Kostensteigerungen etc. 

Große Zahl von Wasserstoffprojekten in ÄgyptenAuswahl wichtiger Vorhaben
Unternehmen

Investition (Mio. US$)

Elektrolysekapazität (MW)

Produktionsvolumen (beabsichtigt, 1.000 t/Jahr)Anmerkungen; Ort
Fertiglobe (VAE), Scatec (N), Orascom Construction (EGY)

k.A.

100

Ammoniak (259)Abnahmevertrag über H2 Global (D) 2024; Produktionsaufnahme testweise 2026; Ain Sokhna
Mopco, Echtem, Scatec (N)

k.A.

240

Ammoniak (150)Abnahmevertrag mit Yara Clean Ammonium 2024; Ansiedlung neben bestehenden Anlagen des Düngemittelherstellers MOPCO; Planung; Produktionsaufnahme vorgesehen Ende 2027; Damietta
Acwa Power (Saudi-Arabien)

4.000

k.A.

Ammoniak (600)Finanzierung und Planung für erste Phase; Ausbau auf 2 Mio. t vorgesehen; geplanter Produktionsstart Phase 1 Ende 2028; SCZone
Ocior Energy (IND)

4.250

k.A.

Ammoniak (1.000)Machbarkeitsstudie und Rahmenvertrag liegen vor; Betriebsaufnahme 2028 geplant; Ain Sokhna
DAI Infrastruktur (D)

11.000

k.A.

Ammoniak (2.000)Elektrolyseure von Siemens Energy; als "Project Ra" in East Port Said; Planungsphase; Produktion für 2028 geplant
Hynfra (Polen)

10.600

692

Ammoniak (100)Regierungsvereinbarung und technische Planung ab 2024; Finanzierung und Standortwahl stehen noch aus; Produktion 1. Phase für 2030 geplant (1,6 Mrd. US$); spätere Erweiterung auf 1 Mio. t/Jahr
TAQA Arabia (EGY), Voltalia (F)

3.460

1.000

Ammoniak (k.A.)MoU *) Dezember 2022; Planungsphase; Ain Sokhna
Hyport Gargoub, DEME (B)

3.500

k.A.

Ammoniak (320)Abkommen mit Regierung 2024; Planungen für erste von 3 Phasen; Endkapazität 2 Mio. t Ammoniak/Jahr; Gargoub ist ein neuer Hafenstandort am Mittelmeer in West-Ägypten
BP (UK), Hassan Allam Utilities (EGY), Infinity Power, Masdar (VAE)

14.000

4.000

Ammoniak (k.A.)Konsortium will mehrere Projekte zusammenfassen; MoU und Framework Agreement abgeschlossen; weitere Studien laufen; Ain Sokhna
EDF (F), Zero Waste (VAE)

8 200

k.A.

Ammoniak als Schiffstreibstoff (1.000)MoU 2022; weitere Vereinbarungen mit ägyptischer Regierung 2024 und 2025; mit Bau eines Hafens; Planungsphase; Ras Sukhair
Air Liquide (F), United Energy Group (China)

k.A.

k.A.

Ammoniak (k.A.)MoU im März 2025; Sondierungsphase
Destiny Energy (Singapur)

210

k.A.

Ammoniak (100)im November 2025 als Projekt vorgestellt; frühe Planungsphase; SCZone
* AbsichtserklärungQuelle: Presse- und Unternehmensmeldungen

Levellized Cost of Hydrogen (LCOH)

Aufbauend auf dem Konzept der Levellized Cost of Energy (LCOE) zielt die Berechnung der LCOH auf die Kosten für eine erzeugte Einheit (Menge Wasserstoff) über den gesamten Erzeugungsprozess. Dieser reicht von der Planung und dem Bau der Anlagen über Rohstoffbeschaffung und Betriebskosten bis zum Vertrieb und schließlich der Entsorgung von Altlasten.

Regional konzentrieren sich die Vorhaben zur Produktion von grünem Wasserstoff in der Suez Canal Economic Zone (SCZone). Die Nähe zur Schifffahrtsstraße spielt dabei eine wesentliche Rolle. Unterstützend wirkt die Maßgabe der Regierung, bis 2030 den Anteil erneuerbarer Energien an der Elektrizitätserzeugung auf 42 Prozent zu erhöhen. Die bestehende Infrastruktur zur Stromübertragung ist allerdings ein Engpass dafür, so viele EE-Stromerzeugungsprojekte für grünen Wasserstoff umzusetzen. 

Maßgabe: klein und konkret

Die Analyse von Projekten zur Produktion von grünem Wasserstoff in Ländern wie Namibia zeigt: Vorhaben, die zunächst als Pilotprojekte konzipiert sind, werden schneller umgesetzt als Megaprojekte. Die Finanzierung eines Projekts zur Produktion von 5.000 oder 10.000 Tonnen im Jahr ist erst einmal viel einfacher. Funktioniert das Konzept, kann später vergrößert werden. Auch in Ägypten ziehen Projekte, die in einer ersten Projektphase kleiner starten, zum Teil an älteren Vorhaben vorbei.

Wichtig für die Umsetzung ist eine frühzeitige Vereinbarung über die Abnahme und Verwendung des Wasserstoffs oder seiner Derivate wie Ammoniak. Zwei der großen Wasserstoffprojekte in Ägypten verfügen über solche Abnahmeverträge und stehen der Verwirklichung damit am nächsten. Diese Überlegungen stehen auch hinter dem jüngsten Vorstoß der ägyptischen Regierung. Mit dem 2024 vorgestellten Mechanismus zum Emissionshandel (Voluntary Carbon Market) wird der Einsatz von Wasserstoff für energieintensive Unternehmen in Ägypten selbst attraktiver.

Lokale Verwendung verringert Transportprobleme

Der Transport von Wasserstoff, einem aufgrund der geringen Größe der Moleküle äußerst flüchtigen Gas, ist aufwendig und kostspielig. Ein Pipelinenetz zwischen den Kontinenten erscheint derzeit nicht praktikabel. Da Wasserstoff erst unter extrem hohem Druck flüssig wird, muss er für die Beförderung auf Tankschiffen zunächst mit Stickstoff zu Ammoniak verbunden werden. Aus diesem wird er am Bestimmungsort wieder extrahiert. Beide Schritte erfordern Energie und verringern so den Wirkungsgrad.

Alternativ könnten Wasserstoff oder Ammoniak gleich nahe der Produktionsstätte verwendet werden. Ammoniak als Schiffstreibstoff steht dabei weit oben auf der Liste. Für Ägypten ist dies attraktiv, da das Land mit dem Suezkanal über eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt verfügt. Der Ammoniak-Abnahmevertrag von Fertiglobe mit H2 Global aus Deutschland unterstreicht die Machbarkeit dieser Strategie. Der Einsatz in der Düngemittelindustrie ist ebenfalls naheliegend. Eine direkte Verwendung von grünem Ammoniak dafür ist bei dem Projekt von Mopco möglich.

Chancen zur Dekarbonisierung der Industrie

Ein zusätzlicher Anreiz für die lokale Verwendung des in Ägypten produzierten grünen Wasserstoffs ist die Möglichkeit, die Dekarbonisierung der Industrie voranzubringen. Damit könnte ein Zugang zum wichtigen europäischen Markt erhalten bleiben, der andernfalls durch Abgaben im Rahmen des Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) erschwert würde. Mit der Nutzung von grünem Wasserstoff könnten vor allem die Hersteller von Düngemitteln, Zement, Aluminium und Stahl ihren CO2-Ausstoß verringern.

Bereits heute wird, etwa in der Eisen- und Stahlindustrie Ägyptens, Wasserstoff in Prozessen eingesetzt. Dabei handelt es sich allerdings um sogenannten "grauen" Wasserstoff, der aus Erdgas gewonnen wird. Auch hierdurch lassen sich Emissionen verringern. Zudem ist der zukünftige Übergang zu grünem Wasserstoff einfach. So hat die Alexandria National Refining and Petrochemicals Company (ANRPC) die Energieversorgung einer Produktionseinheit 2025 von Schweröl und Erdgas auf Wasserstoff umgestellt. Die technische Ausführung lag bei Mitsubishi Power.

 

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