Wirtschaftsausblick | Kasachstan
Kasachstans Wirtschaft zeigt sich unbeeindruckt von Nahostkrieg
Kasachstan setzt seinen Wachstumskurs dank sprudelnder Öleinnahmen fort. Inflation, Lieferkettenprobleme und die Abhängigkeit von Rohstoffen setzten das Land aber unter Druck.
23.04.2026
Von Viktor Ebel | Almaty
Top-Thema: Multiple Krisen können Kasachstans Wirtschaft bisher nichts anhaben
Der Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine im Jahr 2022 ging für viele europäische Volkswirtschaften mit gestiegenen Energiepreisen, gestörten Lieferketten und Investitionszurückhaltung einher. Kasachstan hingegen scheint gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen. Die Nachfrage nach Rohstoffen steigt, Transporte und Handel werden mehr und mehr nach Zentralasien verlagert. In- wie ausländische Unternehmen investieren in den Ausbau der Infrastruktur und der Industrie. Das sorgte in den letzten Jahren für ein starkes Wirtschaftswachstum und ein gestiegenes Interesse an dem Land im Herzen Asiens.
Auch auf den Handelskonflikt und den Kriegsausbruch am Persischen Golf reagiert die kasachische Wirtschaft resilient. Die Transportinfrastruktur ist weitestgehend intakt und bringt das schwarze Gold auf die Exportmärkte in Europa und Asien.
Mit seinen Häfen am Kaspischen Meer und seinem Eisenbahnnetz bietet Kasachstan eine alternative Route auf dem Landweg zwischen Europa und Asien, da Russland und nun auch der Iran aus verschiedenen Gründen nicht oder nur eingeschränkt als Transitländer infrage kommen. Dieser Korridor ist zu Land, aber aufgrund von Luftraumrestriktionen auch in der Luft zunehmend gefragt.
Wirtschaftliche Entwicklung: Gute Aussichten bei Exporten und Investitionen
Im Jahr 2025 expandierte die kasachische Wirtschaft um beeindruckende 6,5 Prozent. Trotz der volatilen Weltlage halten Experten der Economist Intelligence Unit (EIU) auch für 2026 ein reales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 5,3 Prozent für möglich. Andere Beobachter wie die Weltbank und die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) sind in ihren Frühjahrsausblicken ähnlich optimistisch und prognostizieren ein BIP-Plus von 4 bis 5 Prozent.
Kasachstans wichtigstes Exportgut Erdöl schlägt 2026 gleich zweierlei auf das Wirtschaftswachstum durch: Einerseits durch eine steigende Förderung, nachdem 2025 das größte Ölfeld des Landes erweitert wurde, andererseits durch hohe Ölpreise infolge der Sperrung der Straße von Hormus. Die steigenden Einnahmen aus den Erdölverkäufen dürften die Staatskasse deutlich füllen und die positive Investitionsdynamik der letzten Jahre aufrechterhalten.
Der Beitrag des Privatkonsums geht laut ADB zurück, was vor allem auf die anhaltend hohe Inflation zurückzuführen ist. Ein weiteres Risiko ist die Abhängigkeit vom Erdöl. Diese wird mittlerweile auch dadurch verschärft, dass teilweise durch Russland führende Pipelines Ziel ukrainischer Drohnenangriffe geworden sind. Beobachter mahnen daher, das Geschäftsklima weiter zu verbessern und die Diversifizierung der Wirtschaft voranzutreiben.
Investitionen: Transportgewerbe auf der Überholspur
Davon würden auch die Bruttoanlageinvestitionen profitieren, die laut EIU 2026 um 6 Prozent zunehmen sollen. Ein wichtiger Treiber sind staatliche Investitionen in die Infrastruktur. Zudem verzeichneten die Landwirtschaft und das verarbeitende Gewerbe 2025 starke Zuwächse. Eine gefüllte Projektpipeline dürfte die Investitionsdynamik hier auch mittelfristig aufrechterhalten.
Das Transportgewerbe belegt laut Zahlen des kasachischen Büros für nationale Statistik mittlerweile Platz zwei bei den Investitionen in das Anlagevermögen. Damit hat die Branche, die vom aktuellen geopolitischen Umfeld profitiert, mittlerweile den traditionell wichtigsten Anlagesektor, den Bergbau, überholt.
Konsum: Verschärfung der Kreditvergabe bremst Privatverbrauch
Kasachstan hat seit Jahren mit einer hohen Inflation zu kämpfen. Im März 2026 betrug der Preisauftrieb gegenüber dem Vorjahresmonat 11 Prozent. Die EIU erwartet, dass die Inflation im weiteren Jahresverlauf auf diesem Niveau verharrt. Verantwortlich dafür sind vor allem steigende Preise für Nahrungsmittel, Dienstleistungen, Mieten und kommunale Dienste.
Konnte eine rege Kreditvergabe in den vergangenen Jahren den Konsum trotz starker Preissteigerungen noch ankurbeln, so stehen dem nun verschärfte Regeln für die Kreditvergabe entgegen. Die EIU rechnet bereits für 2026 mit einer gedämpften Entwicklung im privaten Konsum.
Außenhandel: Hoher Ölpreis verspricht mehr Exporterlöse
Wesentlich besser sieht es bei den Exporten aus, von denen über die Hälfte auf Erdöl entfällt. Ließ der niedrige Ölpreis die nominalen Ausfuhren 2025 noch leicht zurückgehen, könnte die durch den Irankrieg ausgelöste Energiekrise Kasachstan 2026 ein Rekordergebnis bei den Exporten bescheren. Das meiste schwarze Gold fließt in die EU. Metalle und Erzeugnisse daraus sowie Agrargüter verkauft Kasachstan vor allem nach Russland und China.
Anhaltende Modernisierungs- und Investitionsprogramme stärken auch den Importen den Rücken, die 2026 laut EIU mit einem Plus von 5 Prozent rechnen können. Zum Teil dürfte die Importdynamik aber auch auf Reexporte nach Russland zurückzuführen sein. Kasachstan bezieht Waren vor allem aus China und Russland. Deutschland steht auf Platz drei und ist ein wichtiger Lieferant von Maschinen, Kfz und -Teilen sowie Chemiewaren und pharmazeutischen Erzeugnissen.
Deutsche Perspektive: Ausbau der verarbeitenden Industrie birgt Geschäftschancen
Die Bandbreite deutscher Ausrüstungen beobachtet Germany Trade & Invest in Kasachstan immer wieder im Einsatz, so zuletzt bei Unternehmensbesichtigungen in Kasachstans drittgrößter Stadt Schymkent. Dort setzt Baustoffhersteller Heidelberg Materials auf Automatisierungssysteme von Siemens, Mess- und Steuertechnik der Qlar Group und Industriegetriebe von ZF Friedrichshafen.
Auch die Schymkenter Raffinerie setzt auf Siemens. Weiteren deutschen Maschinen beim Arbeiten zusehen kann man zudem beim Arzneimittelproduzenten Polpharma (Pumpen von Wilo und Abfüllanlagen von Syntegon Technology) und dem Hersteller von Transformatoren Alageum Electric (Hebetechnik von Goldhofer, Ausrüstungen der Carl Cloos Schweißtechnik und Hochspannungsmessgeräte von HIGHVOLT Prüftechnik Dresden).
Deutsche Technik präsentiert sich auf der größten Maschinenbaumesse Zentralasiens
Das breite Betätigungsfeld in Kasachstans Industrie lockte im April 2026 auch Delegationen aus Hessen und Thüringen nach Astana zur Kazakhstan Machinery Fair, wo sich die Teilnehmenden von den dortigen Geschäftschancen überzeugen konnten.
Für 2027 ist eine vom Bund geförderte offizielle Auslandsmessebeteiligung an der Fachschau zum Thema Maschinenbau im Gespräch. Der Schwerpunkt soll auf Service und Systemintegration gelegt werden.