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Branchen | Lateinamerika | Abfallentsorgung, Recycling

Kreislaufwirtschaft in Lateinamerika auf dem Vormarsch

Lateinamerika hinkt beim Thema Kreislaufwirtschaft noch hinterher. Neue Strategien sollen Abhilfe schaffen. Doch strukturelle Hürden bestehen weiter. 

Von Janosch Siepen | Bogotá

Jeder Einwohner Lateinamerikas produziert täglich 1 Kilogramm Müll. Das ist 0,26 Kilogramm mehr als der weltweite Durchschnitt, so Zahlen der Weltbank von 2018. Neuere Angaben liegen nicht vor. Beim Recycling hinkt die Region noch hinterher. Nur 4,5 Prozent aller Abfälle werden wiederverwertet, deutlich weniger als der weltweite Durchschnitt von 13,5 Prozent, berichtet die Interamerikanische Entwicklungsbank.

Zwei Drittel des Mülls landen auf regulären Mülldeponien. Der Rest wird meist auf offenen Müllhalden entsorgt oder verbrannt. Gleichzeitig stoßen die Deponien in vielen Ländern an ihre Kapazitätsgrenzen, während das Müllaufkommen weiter zunimmt. Der Handlungsdruck steigt – und das Interesse an Kreislaufwirtschaft wächst. Dies bietet Geschäftschancen für deutsche Unternehmen.

Nationale Strategien setzen auf Kreislaufwirtschaft

Mehrere Länder der Region haben in den vergangenen Jahren Gesetze zur Förderung der Kreislaufwirtschaft erlassen, darunter Chile, Kolumbien, Uruguay, Ecuador und Peru. In Mexiko-Stadt trat 2023 ein Kreislaufwirtschaftsgesetz in Kraft. Es soll Anreize für Unternehmen schaffen, Kreislaufmodelle einzuführen, beispielsweise durch ein freiwilliges Verfahren, bei dem kreislaufwirtschaftliche Kriterien bewertet und Siegel ausgestellt werden. In Brasilien hat der Senat im März 2024 dem Gesetzvorschlag PL 1.874/2022 zur Schaffung einer nationalen Kreislaufwirtschaftspolitik zugestimmt. Nun steht noch die Entscheidung der Abgeordnetenkammer aus..

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In Chile soll das Kreislaufwirtschaftsgesetz Ley REP dazu beitragen, die bislang sehr niedrigen Recyclingquoten zu steigern. Laut einer Zielmarktanalyse der AHK Chile ist gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, sich zu positionieren und Netzwerke aufzubauen. Besonders gefragt seien technische Verfahren zur Herstellung von Mehrwertprodukten aus Abfällen – speziell auch aus Deutschland.

In Kolumbien soll nach der Einführung einer nationalen Strategie für Kreislaufwirtschaft (ENEC) vor einigen Jahren nun das Programm "Basura Cero" aus dem nationalen Entwicklungsplan 2022-2026 die Müllverwertung fördern. Ein neues Modell für Abfallmanagement in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá sieht vor, dass ab 2026 ein Drittel weniger Müll auf der Deponie landet. Dabei sollen Anreize für Müllverwertung etabliert werden und es sind neue Müllsortieranlagen in Bogotás Peripherie vorgesehen. Esenttia, eine Tochter des Staatskonzerns Ecopetrol, arbeitet mit Partnerunternehmen am ersten Projekt für komplexes Chemierecycling in Lateinamerika, so Unternehmensaussagen. 

Ausgewählte Projekte in Lateinamerikas Abfallwirtschaft
Projektname

Investitionssumme (in Mio. US$)

StandProjektträger
Ersatzbrennstoffanlage Mérida (Mexiko)

163

Geplanter Betrieb ab 2024Ciclo, Alengo, Spontem
Abfallbehandlungszentrum Consimares (Brasilien)

100

Bauerlaubnis erteilt, Betrieb ab 2028Consórcio Intermunicipal do Lixo (Consimares)
Zentrum für industrielle Abfallwirtschaft CIGRI (Chile)

85

UmweltstudienCiclo
Energetische Abfallverwertungsanlage Araucanía (Chile)

80

Berufungsphase der UmweltprüfungWTE Araucanía
Abfallaufbereitungsanlage Mazatlán (Mexiko)

52

FrühphaseStadtverwaltung Mazatlán
Mülldeponie Los Ríos (Chile)

22

Im Bau, Betrieb ab 2024Stadtverwaltung Valdivia, Servimar
Biogasanlage Xalapa (Mexiko)

6

FrühphaseStadtverwaltung Xalapa
Umweltkomplex für Abfallmanagement Quito (Ecuador)

k.A.

Vormachbarkeitsphase, Betrieb ab 2027EMGIRS
Energetische Abfallverwertungsanlage San Pedro de Macorís (Dominikanische Republik)

k.A.

FrühphaseStreamline Integrated Energy
Quelle: BNamericas 2024

Privatsektor spielt entscheidende Rolle – und eröffnet Chancen

In Brasilien drängt die Zeit. Bis Anfang August 2024 müssen Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern alle nicht regulären Müllhalden schließen. Der entsprechende Plan des Umweltministeriums erfordert Investitionen von 5 Milliarden US-Dollar (US$). Dabei setzen die Städte und Gemeinden zunehmend auf öffentlich-private Partnerschaften und Betreibermodelle. Im 1. Quartal 2024 befanden sich 208 Vorhaben in der Pipeline, für die Investoren gesucht werden. Die steigende Nachfrage nach Deponiegas macht die Projekte immer attraktiver. Gleichzeitig investieren Brasiliens Zucker-Ethanol-Industrie, der Papier- und Zellstoffsektor sowie Großkonzerne des Agribusiness in effizientere Verfahren zur Reststoffverwertung und Bioenergiegewinnung

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Fokus auf PET

Laut einer Studie der Investmentgesellschaft für Kreislaufwirtschaft Circulate Capital sucht Brasiliens Industriesektor nach Lösungen für sein Verpackungsmanagement. Es bestehe eine hohe Nachfrage nach recyceltem Polyethylenterephthalat (PET). Dies gilt auch für Mexiko. Wegen der steigenden Nachfrage nach wiederverwerteten Kunststoffen baut der Verpackungshersteller Envases seine Recyclinganlage in Zentralmexiko aus. Das Unternehmen PetStar möchte bis 2027 seine Anlagen erweitern und in neue Sammelstellen investieren.

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Deutsches Unternehmen baut erste Ersatzbrennstoffanlage Lateinamerikas

Deutsche Unternehmen sind führend in der Branche. So baut die Firma Alengo im mexikanischen Mérida zusammen mit Partnerunternehmen eine Anlage zur Herstellung von Ersatzbrennstoffen (Refuse-derived fuel, RDF). Die Anlage wird die erste ihrer Art in Lateinamerika sein und soll Abfälle in Pellets umwandeln, ein Brennstoff, der bislang hauptsächlich in Europa verwendet wird. Latasa Reciclagem, Brasiliens größter Aluminiumrecycler, setzt auf Sortiersysteme des Kölner Unternehmens Steinert. Die Firma Eggersmann liefert Kompostumsetzer an Patrón in Mexiko. Die größten Sortieranlagen in Lateinamerika, unter anderem in Brasilien und Mexiko, setzen auf Sortiertechnologie von Stadler aus Baden-Württemberg.

Viele Mülldeponien sind voll

In vielen Ländern kommen die Deponien an ihr Kapazitätslimit – oder haben dieses schon überschritten. In Kolumbien hatte 2022 mehr als jede zehnte Deponie die vorgesehene Lebensdauer überschritten. Mehr als ein Viertel der Halden hat eine Restlaufzeit von weniger als drei Jahren.

Im Umland der chilenischen Hauptstadt Santiago stehen in den nächsten Jahren zwei Großdeponien vor der Schließung. Mittelfristig wird in Chile Technologie zum Aus- oder Neubau von Deponien benötigt. Allerdings sind die Planungs- und Genehmigungsprozesse langwierig und die Umsetzung von Projekten kann an Gegenwind aus der Bevölkerung oder politischem Widerstand scheitern. 

Was passiert mit den Siedlungsabfällen in der Region?Daten zu Siedlungsabfällen in Lateinamerika und der Karibik (Jahr: 2021)
Indikator

Menge in Millionen Tonnen

Jährliches Aufkommen an Siedlungsabfällen

230

Gesammelte Siedlungsabfälle

195

Siedlungsabfälle auf regulären Deponien

106

Nicht gesammelte Siedlungsabfälle und Siedlungsabfälle auf irregulären Deponien

94

Siedlungsabfälle mit unbekanntem Ziel

20

Aufbereitete Siedlungsabfälle

10

Quelle: UNEP, IDB (HUB Waste and Circular Economy) 2024

Strukturelle Hindernisse behindern Modernisierung

Zwar sind Länder wie Chile und Kolumbien schon recht weit bei der Gesetzgebung zur Abfallverwertung und gelten lateinamerikaweit als führend. Doch wegen niedriger Deponierungskosten bleiben Anreize für nachhaltige Abfalltechnologien aus. In den meisten Ländern Lateinamerikas ist die Deponierung die billigste und einfachste Variante, sich des Mülls zu entledigen. Niedrige Tarife sorgen dafür, dass sich andere Behandlungsmethoden kaum rentieren.

"Nachhaltigkeit in Lateinamerika ist ein heißes Thema"

Rafaela Craizer, Technische Direktorin des Beratungsunternehmens BlackForest Solutions Rafaela Craizer, Technische Direktorin des Beratungsunternehmens BlackForest Solutions | © MATTHIAS KAUFFMANN

Rafaela Craizer ist Technische Direktorin des Beratungsunternehmens BlackForest Solutions. Im Interview mit GTAI berichtet sie über Trends und Chancen in der Abfallwirtschaft in Lateinamerika.

Frau Craizer, welche Trends beobachten Sie in der lateinamerikanischen Abfallwirtschaft?

Aktuell erleben wir einen verstärkten Ausbau von Müllsortieranlagen in einigen Märkten Lateinamerikas, und der Sektor zieht erhebliche Investitionen an. Zugleich sind Regierungen zunehmend bereit, in Technologien zur Verwertung organischer Abfälle zu investieren. Nachhaltigkeit ist ein wichtiges und aktuelles Thema in Lateinamerika, auch wenn es bei der Implementierung noch Potenzial gibt. Beispielsweise wird im nächsten Jahr die UN-Klimakonferenz COP30 in Brasilien ausgerichtet. Zusätzlich gewinnen Fachmessen, wie die IFAT 2024 in São Paulo, an Bedeutung.

Welche Geschäftschancen gibt es für deutsche Unternehmen?

Deutsche Unternehmen haben gute Chancen von den positiven Entwicklungen zu profitieren, da sie einen guten Ruf genießen. Deutschland wird oft als Synonym für Kreislaufwirtschaft gesehen. Der Trend hin zu stärkeren Gesetzgebungen, beispielsweise zur erweiterten Herstellerverantwortung (EPR), sorgt dafür, dass künftig die Einhaltung von Nachhaltigkeitsstandards und Producer Responsibility-Organisationen (PRO) an Bedeutung gewinnen. 

Was sind Hürden?

Ähnlich wie in vielen anderen Märkten stellt die Finanzierung eine erhebliche Herausforderung im Sektor dar. Beispielsweise zahlt nur ein gewisser Anteil der Bevölkerung Abfallgebühren, während die operativen Ausgaben und Ausbaubedarfe steigen. Dadurch ist das System unterfinanziert und viele Behörden können nicht in notwendige Technologien und Infrastrukturen investieren. 

Was raten Sie deutschen Unternehmen, um im Sektor erfolgreich zu sein?

Da der Preis häufig noch ein entscheidender Faktor in der Region ist, sollten deutsche Firmen bei Produktion und Dienstleistungen so viel wie möglich lokal herstellen beziehungsweise auf lokales Personal setzen. Dadurch können Firmen aus Deutschland im Markt wettbewerbsfähig bleiben. Da viele große Unternehmen bereits präsent sind, kommt es darauf an, innovativ und kreativ zu sein.

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