Special | Nordafrika | Krieg im Nahen Osten
Irankrieg: Nordafrikas Staaten unterschiedlich betroffen
Ägypten, Libyen, Tunesien, Algerien und Marokko spüren die Auswirkungen des Kriegs am Golf deutlich. Schwierigkeiten überwiegen, es gibt aber auch positive Effekte.
31.03.2026
Von Marcus Knupp, Verena Matschoß, Ullrich Umann | Kairo, Tunis, Casablanca
Die Wirtschaftsstruktur entscheidet: Gas- und Ölexporteure wie Algerien und Libyen profitieren von gestiegenen Preisen. Importländer wie Marokko oder Tunesien geraten dadurch unter Druck. Wer Produkte im Portfolio hat, deren Transport durch die Blockade der Straße von Hormus derzeit unterbrochen ist – etwa Düngemittel –, kann kurzfristig einspringen. Wer diese benötigt, blickt Engpässen entgegen. Auf den ersten Blick gibt es also Gewinner und Verlierer.
Ganz so einfach ist es bei genauerer Betrachtung jedoch nicht: Libyen exportiert zwar Rohöl, muss aber Benzin und Diesel importieren. Marokko und Tunesien können auf Basis ihrer Phosphatvorkommen Dünger herstellen, sind beim dafür notwendigen Ammoniak jedoch auf das Ausland angewiesen.
Energie: Preise entscheiden über Lieferströme
Als Region verfügt Nordafrika über reichlich fossile Brennstoffe. Öl, Gas und petrochemische Produkte aus Algerien und Libyen gehen aber überwiegend nach Europa. Entscheidend ist weniger die mangelnde Einigkeit der nordafrikanischen Staaten als Europas Zahlungsbereitschaft für höhere Preise.
Für Tunesien bleibt Algerien der mit Abstand wichtigste Erdgaslieferant. Ägypten dagegen fehlen derzeit Erdgaslieferungen aus Israel. Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, LNG) als Ersatz aus der Golfregion kann aktuell nicht geliefert werden. Auf dem Spotmarkt gehandeltes LNG aus anderen Regionen fließt zum höheren Preis eher nach Europa. Da Elektrizität am Nil überwiegend in Gaskraftwerken erzeugt wird, steigt der Strompreis. Die ägyptische Regierung reagierte darauf Ende März 2026 mit einem Sparprogramm: Ab 21 Uhr sollen Geschäfte und Restaurants schließen, Billboards werden abgeschaltet und die Straßenbeleuchtung reduziert. Sonntags gilt Homeoffice. Wie groß der Effekt dieser Maßnahmen ist, bleibt abzuwarten.
Neuer Schwung für Erneuerbare?
Eine größere Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen macht Länder resilienter gegenüber Versorgungskrisen. Nordafrika ist dafür gut aufgestellt: Die solare Einstrahlung erreicht in der Sahara Höchstwerte, auch die Bedingungen für Windenergie sind lokal sehr gut. In Ägypten und Marokko haben erneuerbare Energien bereits einen relevanten Anteil am Strommix, Tunesien und Algerien liegen dagegen noch zurück. In allen Ländern der Region schreitet der Ausbau aber voran. Das große Potenzial für Erneuerbare prädestiniert sie zudem als Produktionsstandorte für grünen Wasserstoff.
Rohstoffe und Vorprodukte: Überraschende Abhängigkeiten
Ein Problem sind die zu geringen Raffineriekapazitäten, die den inländischen Bedarf nicht vollständig decken. Die Golfstaaten haben in den vergangenen Jahrzehnten große Raffineriekapazitäten aufgebaut. Viele petrochemische Produkte werden daher durch die Blockade der Straße von Hormuz auf dem Weltmarkt knapp. Für die Länder Nordafrikas sind das neben Treibstoffen vor allem Vorprodukte für die Düngerproduktion.
Marokko und Tunesien stellen zwar Phosphat-Ammoniak-Dünger her, müssen das notwendige Ammoniak aber importieren. Algerien ist dank seiner Erdgasvorkommen bei der Produktion von Stickstoffdüngern weitgehend autark. Den durch die Nahostkrise entstandenen Mehrbedarf an Düngemitteln kann der marokkanische Großproduzent OCP wegen der zunehmenden Probleme beim Import von Ammoniak kaum auffangen. Auch Algeriens Düngemittelanlagen von Fertial oder Asmidal können nur einen Teil der Lücke schließen. Zusätzliche Projekte zur Entwicklung des algerischen Phosphatsektors stärken mittelfristig die Exportbasis.
Gleichzeitig bekommt das OCP-Vorhaben, grünen Wasserstoff und daraus Ammoniak künftig vor Ort herzustellen, neuen Aufwind. Ägypten will anstehende Wartungsarbeiten an Raffinerien aufschieben, um kurzfristig den Ausstoß hoch zu halten.
Transport und Logistik: Alternative Handelsrouten
Wenn das Rote Meer zu unsicher ist, fahren Schiffe von Asien nach Europa zunehmend ums Kap der Guten Hoffnung. Davon profitieren Umschlaghäfen wie Tanger oder Nador im Norden Marokkos. Können Exporte aus den Golfstaaten nicht über die Straße von Hormus transportiert werden, verlagern sich Routen über Land ans Rote Meer und weiter an die ägyptischen Mittelmeerhäfen. Vor kurzem noch belächelte Projekte wie eine Eisenbahnverbindung von Saudi-Arabien über den Sinai ans Mittelmeer gewinnen damit an strategischer Bedeutung.
Kurzfristig wird der Transport aber vor allem teurer, nicht nur auf Fernhandelsrouten, sondern auch lokal. Benzinpreise steigen oder werden mit höheren staatlichen Zuschüssen subventioniert. Das betrifft Konsumenten direkt beim Tanken, etwa in Marokko, oder durch gestiegene Preise öffentlicher Verkehrsmittel wie in Ägypten. In Tunesien bleiben die Spritpreise dank Subventionen bislang stabil. Das dämpft kurzfristig Inflation und soziale Spannungen, erhöht aber bei steigenden Weltmarktpreisen den Druck auf die Staatsfinanzen.
Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln
Der Irankrieg verschärft die Risiken für die Nahrungsmittelversorgung in Nordafrika mehrfach über steigende Energie‑, Transport‑ und Düngemittelpreise. Die importabhängigen Länder stehen unter besonderem Druck, da höhere Kosten die Landwirtschaft belasten und staatliche Subventionssysteme strapazieren. Tunesien könnte von solchen Preissteigerungen besonders stark betroffen sein, da es dort in der Vergangenheit bereits zu Versorgungsengpässen bei Grundnahrungsmitteln gekommen ist.
Investitionen: Abhängigkeit von den Golfstaaten auf dem Prüfstand
Ägypten hat in den letzten Jahren von Megainvestitionen aus den Golfstaaten stark profitiert. Abu Dhabi etwa stellte 2024 neben der Anlage von 11 Milliarden US-Dollar (US$) in ägyptische Staatspapiere 24 Milliarden US$ für den Bau einer neuen Stadt am Mittelmeer (Ras El-Hekma) bereit. Was wird aus solchen Investitionen, wenn die Golfstaaten ihr Geld zur Reparatur der eigenen Infrastruktur benötigen? Für das traditionell klamme Ägypten ist das eine zentrale Frage. Für Tunesien spielten neben Direktinvestitionen aus den Golfstaaten in der Vergangenheit auch Kredite zur Finanzierung des Staatshaushalts eine Rolle.
Der Krieg verdeutlicht gleichzeitig die Verwundbarkeit räumlich konzentrierter Infrastrukturen. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben mit großem Erfolg Datenzentren und Server für die ganze Region angesiedelt. Nach iranischen Angriffen waren einige Webseiten auch in anderen arabischen Ländern zeitweise lahmgelegt. Der Ausbau erneuerbarer Energien könnte hier neue Perspektiven für alternative Standorte schaffen, etwa in Ägypten oder Marokko.
Dienstleistungen: Licht und Schatten
Für Marokko, Tunesien und Ägypten ist der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle. Derzeit gilt: Je weiter vom Kriegsgeschehen entfernt, desto besser. Reisende weichen vom östlichen Mittelmeerraum und der Golfregion nach Westen aus. Ägypten verliert Buchungen, Marokko gewinnt. Gleichzeitig könnte eine generelle Zurückhaltung der Reisenden die Branche in der Region insgesamt belasten. Höhere Energiekosten treffen Hotels und Restaurants, vor allem aber erhöhen sie die Flugpreise.
Mittelfristig stellt sich die Frage, ob Unternehmen Dienstleistungen etwa in den Bereichen IT oder Finanzen aus den Golfstaaten an andere Standorte verlagern. Hier positionieren sich vor allem Marokko und Ägypten, etwa mit Offshore-Zonen wie dem Casablanca Financial District oder dem Central Business District der neuen Verwaltungshauptstadt bei Kairo. Bei IT‑Dienstleistungen ist Tunesien ein wichtiger Nearshoring‑Standort für europäische Unternehmen.
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