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Start-up-Märkte in Ostasien: Unterschiede schaffen neue Chancen

Die Start-up-Landschaft in Ostasien befindet sich im Wandel: China verliert an Schwung, während Taiwan, Japan und Südkorea an Bedeutung gewinnen.

Jürgen Maurer

Von Jürgen Maurer | Taipei

Asien ist in hohem Maß dynamisch und entwickelt sich von der Werkbank der Welt zu einem Innovationszentrum. Im Jahr 2024 stand die Region für gut 57 Prozent der industriellen Fertigung weltweit und vier der Top 5 Innovationscluster im Ranking der World Intellectual Property Organisation (WIPO) lagen 2025 in Ostasien. Eine Schlüsselrolle nehmen viele Länder in der Entwicklung von Zukunftstechnologien für Transport, Energieversorgung und die produzierende Industrie ein. Schlüssel dafür sind Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen und Start-ups.

Ostasien verliert im Start-up-Ranking 2026 zwar an Schwung: Die Subregion, bestehend aus China, Japan, Südkorea und Taiwan, ist die einzige Region weltweit, die im Ranking zurückfällt. Der Rückgang erfolgt allerdings von einem hohen Niveau und basiert in erster Linie auf der Schwäche des chinesischen Ökosystems. Das zeigt das von der Forschungsplattform StartupBlink veröffentlichte "Global Ecosystem Ranking 2026".

Die vier Länder Ostasiens liegen sehr nah beieinander

Während Chinas Start-up-Sektor deutlich geschrumpft ist, wachsen die anderen Akteure der Region weiter. Im Ranking 2026 sticht insbesondere Taiwan hervor, das deutlich schneller als Japan und Südkorea wächst. Im Vergleich zu 2025 ist China zwei Plätze nach hinten gerutscht. Taiwan ist hingegen fünf Plätze aufgestiegen. Infolgedessen liegen im "Global Ecosystem Ranking" alle vier ostasiatischen Start-up-Ökosysteme im Bereich zwischen Platz 15 und 20.

Allerdings gibt es innerhalb der Region deutliche Unterschiede. Jedes der vier Start-up-Ökosysteme folgt seiner eigenen Entwicklungslogik, die von der Marktgröße, der Industriestruktur und dem politischen Umfeld geprägt ist. Große Ballungsräume wie Beijing, Seoul, Tokyo und Taipei stehen für unterschiedliche Modelle unternehmerischer Dynamik.

Deutliche Unterschiede bei Größe und Skalierbarkeit

China verfügt über ein riesiges und vielfältiges Start-up-Ökosystem. Der große Binnenmarkt ermöglicht ein rasantes Wachstum und die Skalierung neuer Geschäftsmodelle. Viele Start-ups profitieren von engen Verbindungen zu großen Technologiekonzernen.

Auch Südkorea hat sich in den vergangenen Jahren zu einem dynamischen Start-up-Zentrum entwickelt. Sein Ökosystem wird stark von großen Unternehmensgruppen (Chaebols) geprägt, die als Partner, Investoren und Kunden fungieren. Staatliche Unterstützung sorgt für zusätzlichen Schwung.

Japan verfolgt ein anderes Modell. Im internationalen Vergleich ist sein Start-up-Ökosystem weniger dynamisch, bleibt jedoch stabil und stark forschungsorientiert. Innovation ist oft in etablierten Branchen verankert, insbesondere in der Robotik und der industriellen Fertigung.

Taiwan hingegen verfügt über ein relativ kleines Start-up-Ökosystem. Aufgrund des begrenzten Binnenmarktes orientieren sich viele Firmen schon früh international. Gleichzeitig profitiert Taiwan von seiner starken industriellen Basis, insbesondere in der Halbleiter- und Hardwareproduktion.

Der Zugang zu Kapital variiert erheblich

Auch wenn Chinas Start-up-Markt stark reguliert ist, bieten sich hier reichlich Finanzierungsmöglichkeiten. Südkorea verbindet umfangreiche staatliche Förderprogramme mit aktiven privaten Investitionen, was zu einem vergleichsweise dynamischen Finanzierungsumfeld führt.

In Japan erfolgten Exits traditionell über Börsengänge (IPO). Das Investitionsumfeld veränderte sich jedoch im Jahr 2025 durch die Einführung strengerer Zulassungsanforderungen für den Growth-Markt der Tokioter Börse. Infolgedessen werden sich die Finanzierungen stärker auf Wachstumsphasen konzentrieren und die Investitionen in der Frühphase zurückgehen. 

Taiwans Risikokapitalmarkt ist vergleichsweise klein. Start-ups sind daher häufig auf strategische Industriepartner oder internationale Investoren angewiesen. Wie auch in Japan ist das Exit-Umfeld überwiegend von Börsengängen geprägt. Fusionen und Übernahmen spielen eine eher untergeordnete Rolle.

Technologischer Fokus prägt die Entwicklung von Start-ups in Ostasien

Die technologischen Schwerpunkte der vier Länder unterscheiden sich erheblich. Während China und Südkorea den Fokus auf skalierbare digitale Geschäftsmodelle legen, nutzen Japan und Taiwan ihre Stärken in den Bereichen Industrie und Deep Tech. Dies führt zu unterschiedlichen Entwicklungen bei Start-ups – insbesondere hinsichtlich der Entstehung von Einhörnern, also Start-ups mit einer Bewertung von mehr als 1 Milliarde US-Dollar.

China konzentriert sich auf digitale Plattformen, künstliche Intelligenz und E-Commerce. Eine schnelle Produktentwicklung und skalierbare Geschäftsmodelle haben zu einer hohen Anzahl von Einhörnern geführt.

Südkorea zeichnet sich durch digitale Geschäftsmodelle aus, insbesondere in den Bereichen Gaming und Fintech. Trotz seiner relativ geringen Marktgröße hat das Land eine vergleichsweise hohe Anzahl an Einhörnern hervorgebracht.

Japan sticht durch seine Stärken in den Bereichen Forschung, Robotik und industrielle Innovation hervor. Zunehmende Bemühungen großer Konzerne, internes geistiges Eigentum zu vermarkten, fördern Ausgründungen und Start-ups. Tokyo hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt, darunter die Schaffung von 100 Einhörnern bis 2027 - ein kaum erreichbares Vorhaben.

Taiwan ist besonders stark in den Bereichen Halbleiter, Hardware und Deep-Tech-Anwendungen. Als wichtiger Anbieter von vorgelagerten Technologien tragen seine Start-ups zur Innovation in zahlreichen Branchen bei, produzieren aber weniger Einhörner.

Regierungen greifen in unterschiedlichem Maße ein

In China und Südkorea gestalten die Regierungen die Entwicklung des Ökosystems aktiv durch gezielte Förderprogramme und direkte Eingriffe. Insbesondere in China geht eine starke staatliche Beteiligung mit regulatorischer Unsicherheit einher, was den Markteintritt und die Skalierung für Start-ups erschweren kann. In Südkorea wird die umfassende politische Unterstützung durch enge Verbindungen zu großen Konzernen ergänzt. Administrative Eingriffe und die strukturelle Abhängigkeit von den Chaebols sind zentrale Herausforderungen.

Japan legt hingegen Wert auf stabile und vorhersehbare Rahmenbedingungen. Rechtsstaatlichkeit, eine zuverlässige Infrastruktur und konsequente Unterstützung durch den öffentlichen Sektor untermauern das Ökosystem und machen es zu einem attraktiven Standort in einem zunehmend volatilen geopolitischen Umfeld. Zugleich kämpft Japan jedoch mit einer schrumpfenden Bevölkerung und einer langsamen Wachstumsdynamik.

Taiwan verfolgt einen eher indirekten politischen Ansatz. Die Entwicklung von Start-ups wird in erster Linie durch breit angelegte industriepolitische Maßnahmen und ausgewählte staatliche Initiativen gefördert und weniger durch groß angelegte, zentralisierte Programme. Dies hat zu einem Ökosystem beigetragen, das weniger auf schnelle Skalierung als vielmehr auf nachhaltige, technologiegetriebene Innovation ausgerichtet ist, insbesondere in Deep-Tech-Sektoren.

Fazit: Ostasien bleibt Start-up-Hochburg

Insgesamt bleibt Ostasien ein wichtiges globales Zentrum für Innovation und technologische Entwicklung, doch seine Dynamik verläuft zunehmend uneinheitlich. Während Chinas Ökosystem Anzeichen einer Verlangsamung zeigt, gewinnen kleinere und spezialisiertere Standorte an Bedeutung. Für internationale Unternehmen eröffnet dieser Wandel neue Möglichkeiten für eine gezielte Zusammenarbeit, insbesondere im Bereich von Nischentechnologien und der Integration in Wertschöpfungsketten.

Überblick: Ökosystem der Start-ups in Ostasien

 

China 

Japan 

Südkorea 

Taiwan 

Größe 

Sehr groß

Groß

Mittelgroß

Klein

Wachstumsdynamik 

Hoch, aber nachlassend 

Moderat 

Sehr hoch 

Moderat 

Innovationsschwerpunkt 

Plattformen, KI, E-Commerce 

Deep Tech, Robotik, industrielle Innovation 

Digitale Dienste, Gaming, Fintech 

Hardware, Halbleiter, Deep Tech, KI 

Kapitalzugang 

Breit, aber staatlich beeinflusst 

Zunehmend auf Wachstumsphasen konzentriert 

Aktiv und stark politisch gefördert 

Begrenzt; häufig durch Partner oder Investoren getrieben 

Rolle des Staates 

Sehr stark, interventionistisch 

Stark, stabil und berechenbar 

Sehr stark und wachstumsorientiert 

Moderat; vor allem über Industriepolitik