Wirtschaftsumfeld | Mexiko | Arbeitskräfte
Fachkräfte
Ein Plus ist die engagierte junge Arbeitnehmerschaft in Mexiko, ein Minus die Tatsache, dass Unternehmen in der Regel inhouse ausbilden müssen.
23.01.2026
Von Björn Lisker | Mexiko-Stadt
Mexiko hat seine Wirtschaft seit drei Jahrzehnten konsequent auf die Bedürfnisse des US-Markts ausgerichtet und sich als Produktionsstandort auch für hochwertige Güter etabliert, darunter Autos, optische Geräte und IT-Produkte. Zudem ist das Land ein wichtiger Standort für die Luft- und Raumfahrt.
Die Bevölkerung ist jung, das Durchschnittsalter beträgt 29 Jahre. Wer Personal für eine Vertriebsniederlassung sucht, wird geeignete Bewerbende finden. Hinzu kommt in der Regel ein großes Engagement der Beschäftigten, das von den Vertretern deutscher Unternehmen immer wieder hervorgehoben wird. Ein Beispiel hierfür ist Nicola Schill, Geschäftsführerin von Diehl Aviation de México, die derzeit die Fertigungsstätte des Unternehmens in Querétaro aufbaut. Hier sollen Produkte für das Kabineninterieur von Flugzeugen gefertigt werden, mit strikten Qualitätsanforderungen. Nicola Schill erklärt: "Unsere Produktionsprozesse sind noch sehr wenig automatisiert. Vieles wird in Handarbeit gefertigt, und dies hat zur Wahl des Standorts Mexiko beigetragen. Wir fühlen uns wirklich gut aufgehoben hier, denn die Menschen haben eine große Leistungsbereitschaft, wenn es darum geht, Prozesse per Hand umzusetzen.“ Allerdings ist es kaum möglich, Schulabgänger sofort in die Prozesse zu integrieren, denn die Ausbildung, insbesondere an staatlichen Schulen, gilt als defizitär. Die spezifische Ausbildung findet deshalb in den Unternehmen selbst statt, das gilt auch für Diehl Aviation.
Duale Ausbildung in deutscher und mexikanischer Variante
Bei der Berufsausbildung können Unternehmen in einigen Branchen auf die duale Ausbildung zurückgreifen. Wählen können sie dabei in spezifischen Berufen zwischen dem deutschen und dem angepassten mexikanischen Modell. In beiden Fällen sind deutsche Partnerorganisationen eingebunden, um die Ausbildung landesweit auf- und auszubauen. Diese Berufsbildungspartnerschaft trägt auch der Tatsache Rechnung, dass Mexiko nach den USA Deutschlands zweitwichtigster Handelspartner in Amerika ist. Rund 2.100 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung sind im Land registriert.
Die Qualifizierung der Mitarbeitenden hat allerdings häufig eine unerwünschte Folge: Ihr Wert auf dem Arbeitsmarkt steigt. Sehr schnell bekommen sie dann Angebote von der Konkurrenz.
Die Fluktuation der Beschäftigten ist hoch
"Wenn ein deutscher Mittelständler Mitarbeiter zur Ausbildung ins Mutterhaus nach Deutschland entsendet, sind sie nach der Rückkehr natürlich attraktiv für Mitbewerber", sagt Eva Lora, Geschäftsführerin des auf europäische Mittelständler fokussierten Personalvermittlers Acensblue mit Sitz in Querétaro. "Deswegen ist es mittlerweile üblich, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber einen zeitlichen Horizont vereinbaren, in dem die qualifizierte Kraft im Unternehmen verbleibt. Will sie es früher verlassen, kann man sie rechtlich nicht daran hindern, aber sie muss dann für die Ausbildung eine finanzielle Entschädigung zahlen", erklärt Lora.
Einen völligen Schutz für das ausbildende Unternehmen bietet eine solche Vereinbarung nicht. "In der Praxis übernimmt dann eben das abwerbende Unternehmen die Ablösesumme, weil Fachkräfte mit einer solchen Qualifikation so begehrt sind. Das haben wir selbst schon schmerzhaft erlebt", sagt Mario Loske, seit zehn Jahren Geschäftsführer beim Hersteller für Sondermaschinen Strama-MPS mit Sitz in Puebla. Anders als in Deutschland sei die Loyalität der Arbeitnehmer in Mexiko eher schwach ausgebildet.
Vertrauen aufbauen ist wichtige Aufgabe
Dramatisieren will Loske die Thematik aber nicht: "Man muss wissen, dass man auf Mexikos Arbeitsmarkt mit diesen Herausforderungen konfrontiert wird". Aber mit einiger Erfahrung gelinge es allen, damit klarzukommen, weiß Loske: "Schließlich sind die deutschen Firmen sehr erfolgreich hier im Land."
Loske, der ein Unternehmen mit 70 Beschäftigten führt, empfiehlt, nicht mit Lob zu sparen und Vertrauen aufzubauen. Ein Vertrauensverhältnis sei wichtig, damit die Mitarbeitenden ihre Hemmungen verlören, kritische Themen anzusprechen, etwa Probleme im Produktionsablauf. Kulturell besteht in Mexiko eine Abneigung gegen das Überbringen schlechter Nachrichten, da befürchtet wird, dies könne sich negativ auf das Ansehen des Überbringers der Nachricht auswirken.
Besonders hart ist der Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Industriekorridor, in dem mexikanische, US-amerikanische, europäische und zunehmend auch asiatische Unternehmen produzieren. Der Korridor zieht sich von Süden nach Norden durchs Land. Er beginnt südöstlich von Mexiko-Stadt mit den Bundesstaaten Puebla und Tlaxcala, umfasst den Großraum Mexiko-Stadt und den sie nördlich umschließenden Bundesstaat México, die nordwestlich der Hauptstadt gelegene "Bajío"-Region von Quéretaro bis San Luis Potosí, die Stadt Guadalajara im Bundesstaat Jalisco und den Großraum der Stadt Monterrey (im nördlichen Bundesstaat Nuevo León) sowie das benachbarte Saltillo (Bundesstaat Coahuila).
Die Arbeitslosenrate lag dem mexikanischen Statistikamt INEGI zufolge im September 2025 bei 2,6 Prozent. Doch bildet die Zahl nur einen Ausschnitt der Realität ab, denn der Großteil des Arbeitsmarkts ist informell: Im Oktober 2025 waren 55,7 Prozent der Erwerbspersonen im informellen Sektor beschäftigt.
Deutscher Arbeitsmarkt ist für mexikanische Fachkräfte wenig attraktiv
Die Anwerbung von mexikanischen Fachkräften für Unternehmen in Deutschland beschränkt sich bisher auf Beschäftigte in Pflegeberufen und vereinzelt im Tourismussektor. Eingebunden sind hier besonders die AHK Mexiko sowie die Carl Duisberg Centren. Allerdings mit gemischten Ergebnissen: Unzureichende Sprachkenntnisse und die langwierige, oft auch nur teilweise Anerkennung mexikanischer Abschlüsse erschweren die berufliche Integration in Deutschland.
Wer etwa im Pflegeberuf in Mexiko seit Jahren Spritzen setzt, darf dies in Deutschland deswegen noch lange nicht. Das führt zwangsläufig zu Unzufriedenheit.
Mexiko im weltweiten VergleichFolgende Karte ermöglicht den Vergleich zwischen zahlreichen Ländern weltweit. Bitte beachten Sie, dass die Werte in der Karte aus international standardisierten Quellen stammen und somit ggf. von Angaben aus nationalen Quellen im Text abweichen können. |