Wirtschaftsausblick | Slowakei
In der Slowakei fehlen die Wachstumsimpulse
Die slowakische Wirtschaft leidet unter hohen Energiekosten, schwachen Exporten und bürokratischen Hürden. Den Unternehmen fehlen die Anreize, wieder mehr im Land zu investieren.
19.06.2026
Von Gerit Schulze | Bratislava
Top-Thema: Wachstumspaket gegen die Konjunkturflaute
In der Slowakei steigt der Druck der Unternehmerschaft, Anreize für Wachstum zu schaffen. Anfang Juni 2026 brachte die Regierung ein erstes Stabilisierungs- und Wachstumspaket auf den Weg, das aber weit hinter den Forderungen der Wirtschaft zurückbleibt.
Geplant ist, die Energiekosten zu senken, Investitionen zu fördern, den Arbeitsmarkt zu beleben und bürokratische Hürden abzubauen. Unternehmer sollen unter anderem niedrigere Stromverbrauchsteuern zahlen. Der Staat will Garantien für langfristige Stromlieferverträge gewähren und so für feste Preise bei industriellen Verbrauchern sorgen.
Für Einzelunternehmer sowie für Nebenverdienste steigt der Mindestumsatz, ab dem Sozialabgaben fällig werden. Um Investitionen in innovative Projekte anzukurbeln, richtet die Regierung zwei neue Fonds ein. Für Forschungsprojekte soll es Innovationszuschüsse geben, wenn mit Universitäten oder Start-ups kooperiert wird. Am Arbeitsmarkt ist eine erleichterte Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte geplant. Außerdem kündigte die Regierung Bürokratieabbau an: Einige Doppelmeldepflichten entfallen, Strafen für administrative Verstöße werden gesenkt, arbeitsmedizinische Routineuntersuchungen für Büroarbeitsplätze sind nicht mehr vorgeschrieben.
Wirtschaftsentwicklung: Irankrieg belastet den Binnenkonsum
Der Mix aus hoher Verschuldung, schwachem Wachstum und eingetrübtem Investitionsklima zieht die Slowakei nach unten. Alle drei großen Ratingagenturen stuften die Kreditwürdigkeit des Landes zuletzt ab. Neue Schulden werden damit teurer.
Während die Nationalbank und die Ratingagentur S&P 2026 lediglich einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,5 Prozent erwarten, hält die Regierung ein Plus von 0,8 Prozent für möglich. Mit diesem Wert rechnete auch die EU-Kommission in ihrer Frühjahrsprognose. Damit wäre die Slowakei Schlusslicht in Mittelosteuropa.
Da 2027 eine neue Regierung gewählt wird, ist damit zu rechnen, dass die Haushaltssanierung stockt und der Schuldenberg weiter wächst. Die bisherigen drei Konsolidierungspakete haben nach Einschätzung des Rats für Haushaltskonsolidierung (RRZ) die Wettbewerbsfähigkeit des Landes verschlechtert und dämpfen die wirtschaftliche Aktivität mittelfristig stark.
Aktuell belasten die Engpässe bei Energieträgern infolge des Irankriegs die Wirtschaft zusätzlich. Das erhöht den Druck auf die Inflation, die 2026 laut Nationalbank 3,9 Prozent erreichen wird.
Weniger Neuaufträge für Autobauer
Die energieintensive Industrie leidet besonders. Im 1. Quartal 2026 sank der Produktionswert im verarbeitenden Gewerbe um 1 Prozent gegenüber dem Vorjahr, vor allem wegen des geringeren Ausstoßes der Fahrzeugindustrie. Die Neuaufträge im Automobilsektor verringerten sich zwischen Januar und März um fast 7 Prozent. Auch die chemische Industrie verbuchte deutlich weniger Ordereingänge.
Die strauchelnde Industrie schwächt das Exportpotenzial. Wenn ab 2027 die Produktion im Volvo-Werk Košice hochfährt, könnte der Ausfuhrwert wieder stärker steigen.
Umsätze im Einzelhandel wachsen kaum noch
Der Privatkonsum wird 2026 laut Nationalbank keinen positiven Beitrag zum BIP leisten, da die Verbraucher ihr Geld zusammenhalten. Von Januar bis April 2026 stagnierten die Einzelhandelsumsätze. Im April verbuchten Supermärkte sogar einen Umsatzrückgang von 7 Prozent. Selbst der Onlinehandel schrumpft. Lediglich bei Informations- und Kommunikationstechnik sowie bei Haushaltsgeräten gibt es Zuwächse.
Dabei ist der Arbeitsmarkt trotz der schwachen Konjunktur relativ stabil. Im Jahresverlauf soll die Erwerbslosenquote nach Prognosen der EU-Kommission nur leicht auf 5,7 Prozent steigen. Viele Branchen suchen weiterhin Fachkräfte. Nach Untersuchungen des Personaldienstleisters Manpower wollen besonders Hotels und Gaststätten sowie der Automobilsektor Personal einstellen.
Allerdings steigen die Reallöhne kaum noch. Die Nationalbank NBS erwartet für 2026 lediglich einen nominalen Zuwachs in Höhe der Inflationsrate (3,9 Prozent).
Unternehmen investieren weniger
Negativ belasten die Wirtschaftsleistung außerdem die Bruttoanlageinvestitionen. Im 1. Quartal 2026 sanken sie um über 6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Für das Gesamtjahr erwartet die Nationalbank ein Minus von 0,7 Prozent und 2027 von -2,5 Prozent.
Das hängt zum einen mit dem Abschluss des größten Bauprojekts - der Autofabrik von Volvo in Košice - zusammen. Zum anderen mit allmählich ausgeschöpften EU-Fördermitteln aus dem Aufbau- und Resilienzplan.
Größere Investitionsprojekte stehen rund um den Winterhafen in Bratislava an, bei der Erweiterung einer Batteriefabrik in Voderady und bei der Modernisierung des Stahlwerks Košice nach der Übernahme durch Nippon Steel. Die deutsche Evonik plant neue Investitionen von 80 Millionen Euro.
Deutsche Perspektive: Standort verliert an Attraktivität
Deutschland als wichtigster Handelspartner ist von der Konjunkturschwäche der Slowakei besonders betroffen. Seit 2023 stagnieren die Ausfuhren in das Land. In den ersten vier Monaten 2026 sanken die deutschen Exporte dorthin laut Destatis sogar um 12 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Die Importe verringerten sich um 15 Prozent.
Zweistellige Zuwächse bei den deutschen Lieferungen gab es 2025 bei organischen Chemikalien und Pharmazeutika sowie bei Ölen und Fetten. Stark zurückgegangen war die slowakische Nachfrage nach deutschen Metallbearbeitungsmaschinen (-24 Prozent) und Telekommunikationsausrüstungen (-30 Prozent).
Bei der traditionellen Konjunkturumfrage der Deutsch-Slowakischen Auslandshandelskammer schnitt das Land so schlecht ab wie seit vielen Jahren nicht mehr. Nur 4 Prozent der befragten Unternehmen schätzen die Wirtschaftslage als gut ein. Vier von zehn Investoren würden sich heute nicht mehr für den Standort Slowakei entscheiden.
Weitere Informationen (zum Beispiel Rechtsinformationen oder Branchenberichte) finden Sie auf unserer Länderseite Slowakei.