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Wirtschaftsausblick | Äthiopien

Äthiopiens Wirtschaft: Dynamisch – trotz struktureller Risiken

Starkes Wachstum, Marktöffnung und Großprojekte bieten Chancen – doch deutsche Firmen sind bisher nur vereinzelt aktiv.

Von Carsten Ehlers | Nairobi

Top Thema: Baubeginn des neuen Flughafens in Bishoftu

Mit einem symbolischen Spatenstich hat Premierminister Abiy Ahmed am 10. Januar 2026 den Bau des neuen Megaflughafens gestartet. Der Bishoftu International Airport (BIA) soll bis 2030 fertig sein und zählt schon jetzt zu den größten Infrastrukturvorhaben Afrikas. Für rund 10,7 Milliarden US‑Dollar entsteht nahe Bishoftu ein neuer internationaler Hub, der den überlasteten Flughafen Bole ersetzen soll.

BIA ist zunächst auf 60 Millionen Passagiere jährlich ausgelegt und wird damit Afrikas größter Flughafen. Für Ethiopian Airlines markiert das Projekt einen strategischen Schritt, um die Position als führende Airline des Kontinents auszubauen, während Konkurrenten wie South African Airways und Kenya Airways seit Jahren mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfen.

Der von Zaha Hadid Architects entworfene Airport entsteht rund 45 Kilometer südöstlich von Addis Abeba und soll mit einer geplanten Hochgeschwindigkeitsbahn angebunden werden. Trotz lokaler Beschaffung von Baustoffen wie Beton und Stahl wird bei Technik und Systemlösungen ein hoher Importbedarf erwartet – ein potenziell attraktives Umfeld für deutsche Anbieter aus den Bereichen Flughafen-, Sicherheits- und Automatisierungstechnik.

Wirtschaftsentwicklung: Hohes Wachstum, aber die Bedingungen bleiben schwierig

Makroökonomisch zeichnet sich 2026 in der äthiopischen Wirtschaft eine spürbare Erholung ab: Die Weltbank prognostiziert ein reales Wirtschaftswachstum von 7,1 Prozent. Besonders dynamisch entwickeln sich derzeit der Bausektor und der Goldbergbau. Seit der Flexibilisierung des Wechselkurses Mitte 2024 hat sich die Verfügbarkeit von Devisen deutlich verbessert. Auch die Inflation ist nach Jahren massiver Preisniveausteigerungen rückläufig – die äthiopische Statistikbehörde meldete für Dezember 2025 eine Rate von "nur" 9,7 Prozent. Mit rund 130 Millionen Einwohnern bleibt Äthiopien dennoch einer der größten, zugleich aber am wenigsten erschlossenen Märkte des afrikanischen Kontinents.

Reformen öffnen die Wirtschaft des Landes

Diesen strukturellen Rückstand will die Regierung unter Premierminister Abiy Ahmed mit umfassenden Reformen adressieren. Neben der Wechselkursliberalisierung und der Öffnung des Handels für ausländische Anbieter wird aktuell der gesamte Finanzsektor schrittweise liberalisiert. Der Internationale Währungsfonds begrüßt diesen Kurs ausdrücklich und knüpft seine Finanzhilfen für den hochverschuldeten Staat an entsprechende Reformen.

Die Handelsöffnung birgt weitreichende Veränderungen: Erstmals können ausländische Unternehmen eigene Vertriebsniederlassungen im Land aufbauen, und internationale Supermarktketten erhalten Zugang zum äthiopischen Einzelhandel. Bislang waren Importlizenzen ausschließlich äthiopischen Akteuren vorbehalten – ein Hindernis, das auch deutsche Zulieferer jahrzehntelang zwingend in Partnerschaften mit äthiopischen Firmen führte.

Unternehmen berichten von schwierigen Bedingungen

Für Unternehmen bleiben die Rahmenbedingungen in Äthiopien anspruchsvoll. Zum anhaltenden Wertverlust des Birr und der weiterhin hohen Inflation tritt ein Staat, der seine Einnahmen dringend steigern muss – zunehmend über neue Steuern. Besonders Unternehmen in der Hauptstadt Addis Abeba berichten von intransparenten und teils willkürlich hohen Steuerforderungen, die Planungssicherheit und Investitionsbereitschaft beeinträchtigen.

Auch die politische Stabilität bleibt fragil. In der Region Amhara liegt die Wirtschaft nach Einschätzung von Kennern des Landes seit Jahren weitgehend brach, und auch in Teilen Tigrays und Oromias bleibt die Sicherheitslage angespannt. Berichtet wurde auch über Entführungen von Managern, die teilweise sogar zur Schließung von Betrieben führten.

Addis Abeba wandelt sich rasant

Die Hauptstadt erlebte in den vergangenen Jahren einen tiefgreifenden Wandel. Unter den Projektnamen Corridor Project und Addis Tomorrow wurden zentrale Verkehrsachsen modernisiert, alte Strukturen abgerissen und großflächig neu gebaut. Die Metropole präsentiert sich heute deutlich aufgeräumter, urbaner und architektonisch homogener – so sehr, dass Beobachter sie inzwischen als nahezu exterritorialen Raum innerhalb Äthiopiens beschreiben.

Dennoch bleibt der Handel mit Äthiopien auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Das Land kämpft weiterhin mit einem erheblichen Leistungsbilanzdefizit. Zugleich eröffnen sich neue Chancen: Der Export von Strom, die Erholung des Tourismussektors und steigende Erlöse aus dem Abbau von Mineralien dürften 2026 zu einem kräftigen Anstieg der Ausfuhren führen. Experten erwarten ein Exportvolumen von rund 8 Milliarden US‑Dollar – nahezu eine Verdoppelung innerhalb von zwei Jahren.

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GTAI-Informationen zu Äthiopien

Deutsche Perspektive: Zwischen Rückzug und vorsichtiger Hoffnung

Die deutschen Ausfuhren nach Äthiopien sind in den vergangenen Jahren spürbar gesunken. Zwischen Januar und November 2025 erreichten sie laut Statistischem Bundesamt nur 110,2 Millionen Euro – rund 13 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Damit fällt Äthiopien im regionalen Vergleich weiter zurück und liegt inzwischen deutlich hinter Märkten wie Kenia, Tansania und Uganda.

Auch 2026 bleibt das Umfeld für den bilateralen Handel schwierig. Der anhaltende Wertverlust des Birr verteuert Importe aus Deutschland, hinzu kommen höhere Transportkosten durch Umleitungen von Schiffsrouten über Südafrika.

Noch vor wenigen Jahren galt Äthiopien vielen deutschen Unternehmen als einer der aussichtsreichsten Wachstumsmärkte in Ostafrika. Doch die zunehmenden wirtschaftlichen und politischen Risiken im Land haben dazu geführt, dass nur wenige deutsche Firmen eine eigene Präsenz aufgebaut haben. Die meisten Unternehmen arbeiten über lokale Distributoren. Mit der schrittweisen Öffnung des Handels steigt jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass sich wieder mehr deutsche Anbieter für eigene Vertriebsniederlassungen interessieren.

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