Wirtschaftsausblick | Algerien
Hohe Energiepreise stützen Algeriens Wirtschaft
Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor stabilisieren 2026 die algerische Wirtschaft. Getragen wird das Wachstum zudem vom Konsum und den öffentlichen Investitionen.
01.06.2026
Von Verena Matschoß | Tunis
Top-Thema: Energiesektor im Fokus
Algerien profitiert derzeit von hohen, aber volatilen Energiepreisen infolge geopolitischer Spannungen im Nahen Osten. Da ein Teil der Förderfelder bereits eine reifere Phase erreicht hat, sind zusätzliche Investitionen erforderlich, um die Produktion zu stabilisieren und die internationale Nachfrage zu bedienen.
Der Minister für Kohlenwasserstoffe und Bergbau, Mohamed Arkab, kündigte daher bis 2030 Investitionen von rund 60 Milliarden US-Dollar für den Kohlenwasserstoffsektor an. Im April 2026 startete mit der "Algeria Bid Round 2026" eine internationale Ausschreibungsrunde für Explorations‑ und Produktionslizenzen im Öl‑ und Gassektor.
Algerien ist für die Europäische Union ein wichtiger Partner bei der Diversifizierung ihrer Erdgasversorgung. Im Jahr 2025 war das Land bereits zweitgrößter Pipelinegaslieferant der EU. Europäische Unternehmen bauen ihr Engagement weiter aus: So kündigte der italienische Energiekonzern ENI im April 2025 Investitionen von 8 Milliarden Euro in Algerien an.
Darüber hinaus hat Algerien mit weiteren internationalen Öl- und Gasfirmen neue Abkommen geschlossen. Im Oktober 2025 unterzeichnete Sonatrach beispielsweise mit dem saudi-arabischen Unternehmen Midad Energy einen Vertrag zur Exploration und Förderung von Kohlenwasserstoffen im Illiz-Becken.
Algerien verfolgt im Energiesektor eine Doppelstrategie: Während weiterhin erhebliche Mittel in die Öl- und Gasförderung fließen, treibt die Regierung parallel den Ausbau erneuerbarer Energien voran. Im Frühjahr 2026 wurden zwei neue Solarparks mit jeweils 200 Megawatt in Betrieb genommen. Langfristig plant Algerien den Aufbau von Erneuerbaren mit einer installierten Leistung von insgesamt 15 Gigawatt bis 2035.
Wirtschaftsentwicklung: Solides Wachstum 2026
Die zuletzt gestiegenen Preise für Energieträger ermöglichen weiterhin hohe Staatausgaben und Investitionen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet ein reales Wachstum der Wirtschaftsleistung von 3,8 Prozent, die Weltbank von 3,7 Prozent. Die Economist Intelligence Unit (EIU) ist mit rund 4,5 Prozent optimistischer. In den darauffolgenden Jahren dürfte die Dynamik nachlassen, falls die Energiepreise wieder sinken. Die starke Abhängigkeit von Öl- und Gasexporten und damit die Volatilität der Energiepreise sind eines der größten Risiken für die algerische Wirtschaft.
Diversifizierungsansätze zeigen erste Fortschritte
Für 2026 erwarten internationale Analyseinstitute weiterhin ein Wachstum der Bruttoanlageinvestitionen. Dieses wird allerdings geringer als in den Vorjahren ausfallen. Die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft ermöglichen Investitionen in weitere Wirtschaftsbereiche, wie dem Energiesektor, dem Bergbau, der Nahrungsmittel-, der Pharma- sowie der Automobilindustrie. Bei anhaltend hohen Energieeinnahmen kommen auch Projekte zum Infrastrukturausbau schneller voran. Ausländische Direktinvestitionen bleiben zwar unter ihrem Potenzial, profitieren aber von Anpassungen des Investitionsrechts seit 2022.
Gleichzeitig erschweren protektionistische Vorgaben und bürokratische Importverfahren den Marktzugang für Investoren. China gewinnt branchenübergreifend an Bedeutung. Größere Projekte mit chinesischer Beteiligung sind unter anderem im Agrar-, Automobil- und Bahnsektor geplant.
Bei wieder sinkenden internationalen Energiepreisen schrumpfen die finanziellen Spielräume der Regierung. Dann könnten auch Staatsausgaben und Investitionen reduziert werden. Ohne zusätzliche fiskalische Konsolidierung rechnet der IWF damit, dass die Staatsverschuldung - ausgehend von derzeit rund 60 Prozent des BIP - bis 2030 auf etwa 82 Prozent steigen könnte.
Investitionen führen zu steigenden Importen
Algerien ist Afrikas größter Produzent von Erdgas und gehört auch bei der Rohölförderung zu den wichtigsten Ländern. Entsprechend erzielt das Land den Großteil seiner Exporterlöse mit Rohstoffen – ein erhebliches Risiko. Fallen die globalen Energiepreise, sinken die Einnahmen und das Wachstum wird gebremst.
Die Investitionstätigkeit über zahlreiche Branchen hinweg führt zu steigenden Importen von Ausrüstungsgütern. Wichtigstes Lieferland bleibt China. Aufgrund höherer Importe und rückläufiger Exporte könnte die Handelsbilanz 2025 sogar wieder ins Defizit gerutscht sein.
Deutsche Perspektive: Ausfuhren nach Algerien konstant
Knauf, Siemens, Liebherr und BASF: Deutsche Unternehmen sind seit Jahrzehnten in Algerien präsent – trotz herausfordernder Marktbedingungen. Zu den wichtigsten Ausfuhrgütern zählen chemische Erzeugnisse, Maschinen und Kraftfahrzeuge. Laut Statistischem Bundesamt gingen die Ausfuhren von Kraftfahrzeugen und ‑Teilen im Jahr 2025 um 36 Prozent zurück. Dies könnte daran liegen, dass Fahrzeugimporte weiterhin stark reglementiert sind.
Durch die rege Projekttätigkeit in der Industrie ist Algerien für deutsche Hersteller von Maschinen und Anlagen ein interessanter Absatzmarkt. Die Exporte von Maschinen stiegen laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2025 um 23 Prozent auf 462 Millionen Euro. Insgesamt blieben die deutschen Ausfuhren 2025 damit stabil bei rund 2,1 Milliarden Euro. Im 1. Quartal 2026 gingen die deutschen Exporte allerdings um 5,6 Prozent zurück.
Die deutschen Einfuhren stiegen 2025 um etwa 11 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro. Dieser Trend setzte sich im 1. Quartal 2026 mit einem Wachstum um 20 Prozent fort. Da ein Großteil auf Öl und Ölprodukte entfällt, ist ihre Entwicklung stark preisgetrieben. Langfristig könnte grüner, mit erneuerbaren Energien erzeugter Wasserstoff eine größere Rolle spielen.
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