Wirtschaftsausblick | Brasilien
Brasilien rückt ins Rampenlicht
Für deutsche Unternehmen gewinnt Brasilien stark an Bedeutung. Doch die Turbulenzen im Welthandel, hohe Zinsen und die Unsicherheit im Wahljahr bremsen 2026 die Wirtschaft.
18.06.2026
Von Gloria Rose | São Paulo
Top-Thema: EU-Mercosur-Abkommen als Lichtblick
Nirgendwo blicken deutsche Unternehmen so positiv in die Zukunft wie in Süd- und Mittelamerika. Dies geht aus dem jüngsten World Business Outlook der deutschen Auslandshandelskammern (AHK) hervor. Damit ist die Region ein Lichtblick in der kriselnden Weltwirtschaft. Dies, so der Bericht, liege auch an dem EU-Mercosur-Abkommen, das seit 1. Mai 2026 vorläufig angewendet wird.
Seitdem können Waren mit EU-Ursprung zollbegünstigt nach Brasilien eingeführt werden. Angesichts der hohen Unsicherheit im Welthandel gewinnt die Diversifizierung der Handelspartner für Brasilien stark an Bedeutung. Daher verhandeln die Mercosur-Staaten weitere Freihandelsabkommen mit Kanada, Südkorea und Vietnam sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Indonesien und Libanon.
Als Erdölexporteur wurde Brasilien von der Blockade der Straße von Hormus nicht so hart getroffen wie andere Länder. Allerdings ist die Agrarwirtschaft zu mehr als 85 Prozent von Düngerimporten abhängig und bleibt damit verwundbar, sollte der Krieg wieder aufflammen. Im Handel mit den USA spitzt sich die Lage erneut zu. Zusätzlich zu dem weltweiten US-Sonderzoll von 10 Prozent erwägt die US-Regierung, Produkte aus Brasilien mit Strafzöllen von bis zu 37,5 Prozentpunkten zu belegen. Laut dem brasilianischen Industrieverband CNI kann diese Maßnahme ab Mitte Juli mehr als ein Drittel der Exporte in die USA treffen.
Wirtschaftsentwicklung: Mäßigeres Wachstum im Wahljahr
Im Jahr 2026 setzt sich das Wachstum der brasilianischen Wirtschaft fort, wenn auch langsamer als 2025. Schon seit dem 2. Halbjahr 2025 kühlt sich die Konjunktur ab. Hauptgrund sind die hohen Zinsen. Im März 2026 leitete die Zentralbank eine vorsichtige Zinswende ein. Seitdem nahm sie den Leitzins Selic um 0,75 Prozentpunkte auf 14,25 Prozent zurück. Nach Einschätzung des Finanzmarkts könnte der Selic bis Ende 2026 auf 13,75 Prozent sinken.
Lula geht mit einem Vorsprung ins Rennen um seine vierte Präsidentschaft
Die dritte Amtszeit von Lula endet 2026. Doch der 80-jährige Politiker wird sich im Oktober erneut zur Wahl stellen. Auf Seite der Opposition stehen mehrere Kandidaten zur Auswahl, darunter Flávio Bolsonaro, der älteste Sohn von Ex-Präsident Jair Bolsonaro. Unabhängig vom Wahlausgang steht die nächste Regierung vor der Herausforderung, die stark steigende Staatsverschuldung einzudämmen. Im Wahljahr führt das fiskalpolitische Risiko zu Verunsicherung an den Finanzmärkten und zu entsprechend hoher Volatilität.
Die langfristigen Aussichten bleiben aber gut. Die 2023 beschlossene Steuerreform und die Digitalisierung tragen dazu bei, Bürokratie abzubauen und verbessern die Voraussetzungen für eine grüne Reindustrialisierung. Weitere Impulse hierzu schaffen die neue Industriepolitik, das Förderprogramm für die Kfz-Industrie, das Rahmengesetz für kohlenstoffarmen Wasserstoff sowie für den verpflichtenden Emissionshandel.
Agribusiness und Rohstoffe sorgen für Wachstum
Das Agribusiness bleibt ein Wachstumstreiber: Nach dem Rekordwachstum von 11,7 Prozent im Jahr 2025 wird der Sektor 2026 voraussichtlich um rund 2 Prozent zulegen. Der Dienstleistungssektor bleibt robust, getragen von der historisch niedrigen Arbeitslosigkeit von zuletzt 5,8 Prozent und steigenden Realeinkommen. Für 2026 erwarten Analysten einen Zuwachs von bis zu 2 Prozent. Der Sektor liegt heute bereits 20 Prozent über dem Niveau vor der Coronakrise.
Wegen der hohen Finanzierungskosten dürfte die Industrieproduktion ähnlich wie 2025 nur um etwa 1,5 Prozent zulegen. Doch die Sektoren entwickeln sich sehr unterschiedlich. Während die verarbeitende Industrie stagniert, wächst die Rohstoffindustrie kräftig. Öl- und Gassektor, Bergbau, Agribusiness sowie Infrastrukturprojekte sorgen auch 2026 für Impulse.
Regierung Lula stimuliert den Konsum im Wahljahr
Infolge der anhaltend hohen Kreditkosten stolpern immer mehr Haushalte in die Schuldenfalle. Rund 30 Prozent sind mit ihren Zahlungen im Rückstand. Im Wahljahr schnürt die Regierung Konjunkturpakete im Gesamtwert von 45 Milliarden US-Dollar (US$). Das ist dreimal so viel wie das Investitionsbudget der Regierung im Jahr 2025. Sozialtransfers wie die höhere Grenze der Einkommenssteuerbefreiung und die Erhöhung des Mindestlohns stimulieren den privaten Konsum.
Hohe Zinsen belasten die Unternehmen
Schon seit Anfang 2025 ist das Vertrauen der Industrieunternehmen in Brasilien eingetrübt. Dies zeigt der Index ICEI des CNI. Hinzu kommt die Unsicherheit im Vorfeld der Wahlen. Zusammen mit der restriktiven Geldpolitik führt dies dazu, dass sich das Wachstum der Bruttoanlageinvestitionen 2026 auf 0,3 Prozent abschwächt, so die Prognose von Banco Bradesco. Für 2027 erwarten die Finanzinstitute aber wieder einen deutlichen Zuwachs der Investitionen.
Außenhandel: China ist wichtigster Handelspartner
Angetrieben von steigenden Preisen und einer höheren Ölförderung legt der Export 2026 deutlich stärker zu als im Vorjahr. Der Import wächst kontinuierlich und in fast allen Kategorien. Laut Prognosen der Regierung soll Brasiliens Handelsbilanzüberschuss 2026 einen Wert von 72,1 Milliarden US$ erreichen, 5,9 Prozent mehr als 2025.
Deutsche Perspektive: Brasilien gewinnt an Bedeutung
Deutschland ist Brasiliens drittwichtigstes Lieferland, nach China und den USA. Allerdings ist das Importvolumen aus China heute fünfmal so hoch wie das aus Deutschland. Deutsche Produkte genießen in Brasilien einen hervorragenden Ruf, können auf dem preissensiblen Markt aber nicht mit Waren aus der Volksrepublik mithalten. So geht es auch der lokalen Industrie. Brasilien trifft Schutzmaßnahmen. So wird es immer schwieriger, Zollerleichterungen über das Regime Ex-Tarifário zu erhalten.
Deutschland und Brasilien vertiefen ihre strategische Partnerschaft
Brasilien entwickelt sich zu einem zunehmend gefragten Partner – auch für Deutschland. Im April 2026 war Brasilien Partnerland der Hannover Messe. Im Umfeld der Messe fanden zudem die 42. Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage (DBWT) und die 3. Deutsch-Brasilianischen Regierungskonsultationen statt.
In einer gemeinsamen Erklärung bekräftigten die Regierungen ihre Absicht, ein Doppelbesteuerungsabkommen abzuschließen. Außerdem wurden 20 gemeinsame Projekte und Initiativen beschlossen, darunter Programme der Außenpolitik, der Rüstungszusammenarbeit und Verteidigungspolitik, außerdem bei Wirtschaftskooperationen, der digitalen Transformation, Forschung, Technologie und Raumfahrt sowie im Umwelt- und Klimabereich, dem Arbeitsrecht und bei Fair Trade.
Somit kommt das Inkrafttreten des EU-Mercosur-Abkommens für deutsche Firmen genau im richtigen Moment. Brasilien ist nicht nur ein großer Absatzmarkt, sondern auch ein wichtiger Beschaffungsmarkt, der den EU-Staaten den Zugang zu kritischen Rohstoffen sichern soll.
GTAI-Informationsangebote zu Brasilien
Weitere Informationen zu Brasilien bieten unter anderem die Publikationen Wirtschaftsstandort und Wirtschaftsdaten kompakt sowie die Reihe Branche kompakt. Ferner sind auf der GTAI-Länderseite Brasilien zahlreiche weitere Berichte zum Wirtschaftsumfeld, zu Branchen sowie zu Zoll- und Rechtsthemen zu finden. Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten bieten die Rubriken "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".
- Brasilien
- Wirtschaftsumfeld
- Außenwirtschafts-, Industriepolitik
- Konjunktur
- Wirtschaftsumfeld