Logistiker optimieren ihre Prozessabläufe aus purer Notwendigkeit. Das eröffnet Anbietern von Digitalisierungs- und Robotiklösungen Chancen.
Die EU strebt in der Logistik eine Automatisierungsarchitektur an, die verschiedene digitale Systeme, auch länderübergreifend, vernetzt. Ab dem 9. Juli 2027 tritt die eFTI-Verordnung (Electronic Freight Transport Information) der EU, eine Lösung für den standardisierten Austausch elektronischer Transportdaten, verbindlich in Kraft. Behörden in ganz Europa sind dann verpflichtet, gesetzlich vorgeschriebene Fracht- und Transportdaten digital über zertifizierte Plattformen zu akzeptieren.
Insgesamt wandelt sich die Logistik durch digitale Prozesse von reaktiven Abläufen hin zu prädiktiven, teilautomatisierten Systemen zur Bewältigung von Kosten‑, Personal‑ und Volatilitätsrisiken.
Digitale Lösungen in der Intralogistik
- Software zur Steuerung von Terminals (Terminal Operating Systems, TOS)
- Plattformen zum Datenaustausch innerhalb von Häfen/Terminals (Port Community Systems, PCS)
- Zentrale Meldesysteme für Behörden in Häfen oder Hubs (Port Single Window, PSW)
- Unternehmensressourcenplanungssysteme (Enterprise Resource Planning, ERP)
- Lagerverwaltungssysteme (Warehouse Management System, WMS)
- Transportmanagementsysteme (Transport Management System, TMS)
- Systeme zum elektronischen Datenaustausch (Electronic Data Interchange, EDI)
- Fahrerlose Transportsysteme (Automated Guided Vehicles, AGV)
Nördlicher Adriaraum ist digitaler Vorreiter
An Italiens Adriaküste sind einzelne Häfen oder Terminals digital gut vernetzt, allerdings noch nicht durchgängig über die gesamte Transportkette von Schiff, Bahn und Lkw hinweg. Im Hafen von Triest ist bis Ende 2026 die Komplett-Digitalisierung aller Prozesse angestrebt.
In Kroatiens Logistiksektor sind WMS‑, TMS‑ und EDI‑Systeme technologischer Standard, Robotik, durch künstliche Intelligenz gestützte Steuerung und vollautomatisierte Prozesse jedoch noch nicht. Automatisierte Lagersysteme, Voice Picking sowie fahrerlose Transportsysteme sind vorwiegend bei Marktführern und in neuen Logistikzentren im Einsatz. Digitale Zwillinge etablieren sich in der Hafenlogistik, wo sie Umschlagprozesse, Verkehrsflüsse und Emissionen optimieren. Slowenien betreibt den Ausbau der digitalen Logistik ähnlich wie Kroatien. Hier hat das Unternehmen CargoX die Blockchain‑Technologie zu einem wichtigen Instrument für digitale und rechtssichere Transportdokumente entwickelt.
E-Commerce ist Wachstumstreiber
In Rumänien treibt der dynamisch wachsende E‑Commerce die Intralogistik. Der rumänische Onlinehandel setzte 2025 rund 8,1 Milliarden Euro um und wuchs gegenüber 2024 um 5 Prozent. So ist die türkische Plattform Trendyol seit ihrem Eintritt in den rumänischen Markt 2024 zum zweitgrößten E-Commerce Anbieter hinter dem Marktführer, der rumänischen Plattform eMag, aufgestiegen. Das künftige Marktpotenzial von E-Commerce zeigt die Durchdringungsrate des Onlinehandels im Vergleich: In Rumänien shoppten 2024 laut Statista Market Insights etwa 42 Prozent der Internetbenutzer online. In Deutschland lag dieser Anteil bei 74 Prozent.
Investitionsvorhaben in der Intralogistik
GTAI hat Investitionsvorhaben in der Region Südosteuropa recherchiert und eine Auswahl für deutsche Unternehmen zusammengestellt.
Kostendruck und Arbeitskräftemangel treiben Digitalisierung
Nicht nur positive Geschäftsaussichten sind Wachstumstreiber. Speditionen am Westbalkan beispielsweise stehen unter Druck, ihre logistischen Prozesse, die insbesondere in Nordmazedonien und Bosnien und Herzegowina noch stark von manueller Arbeit geprägt sind, effizienter zu gestalten. Das betrifft beispielsweise Lagerprozesse – von der Wareneingangsbearbeitung über die Kommissionierung bis zum Versand. Größere Logistikdienstleister, Handelsketten und industrielle Distributoren investieren deshalb verstärkt in digitale Systeme und automatisierte Lagertechnik wie WMS-, ERP-, Track‑and‑Trace-Anwendungen, Voice Picking, automatische Kleinteilelager oder Robotiklösungen.
In Ungarn drängen Arbeitskräftemangel und hohe Lohnkosten die Logistiker zu mehr Automatisierungslösungen. Allein zwischen 2020 und 2025 stiegen die Löhne im Bereich Transport und Lagerhaltung um rund 46 Prozent. Hinzu kommen Einsparpotenziale beim Flächenbedarf sowie eine geringere Fehleranfälligkeit automatisierter Systeme.
Attila Somogyi, Intralogistik‑Manager der KION Group AG für Ungarn, beobachtet seit zwei Jahren eine deutliche Zunahme der Nachfrage nach Automatisierungslösungen auf dem ungarischen Markt. Die KION Group zählt zu den weltweit führenden Anbietern von Gabelstaplern und Lagertechnik und ist unter anderem mit den Marken Linde und STILL präsent. Somogyi schätzt:
„2025 wurden in Ungarn rund 500 mobile Material‑Handling‑Roboter beschafft, bei einem weltweiten Absatz von etwa 50.000.“
Aufgrund der relativ hohen Investitionskosten automatisierter Lösungen im Vergleich zu manuellen Geräten seien in Ungarn Leasing‑ und Long‑Term‑Rental‑Modelle weit verbreitet.
Internationale Anbieter dominieren – und setzen Standards
Automatisierung der Logistik wird in Südosteuropa überwiegend durch internationale Technologieanbieter vorangetrieben. Dazu zählen Anbieter von Lagertechnik, Förderanlagen und Automatisierungslösungen sowie internationale Softwareunternehmen im Bereich ERP und WMS wie SAP, Omron Adept, Jungheinrich, Linde Material Handling, STILL oder SEW Eurodrive. Auch das deutsche Familienunternehmen SSI Schäfer und die österreichischen Anbieter LTW Intralogistics und KNAPP sind im Markt präsent.
Regionale Integratoren wie STAMH Group oder HAI Robotics übernehmen häufig die Implementierung und Anpassung dieser Lösungen an lokale Anforderungen. Partnerschaften zwischen internationalen Technologieanbietern und regionalen Integratoren erleichtern dabei den Marktzugang und die Umsetzung komplexer Projekte.
Wichtige Impulse geben Investitionen in moderne Distributionszentren. In Ungarn zählt der österreichische Logistikdienstleister Gebrüder Weiss zu den führenden Anbietern und gilt im Markt als Vorreiter bei Automatisierungsprojekten. Das Unternehmen nahm im April 2026 ein vollautomatisiertes Schmalganglager im westlich von Budapest gelegenen Páty in Betrieb. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit Jungheinrich realisiert und zählt zu den größten autonomen Lageranlagen in Ungarn. Darüber hinaus hat Gebrüder Weiss in Ungarn weitere Automatisierungslösungen, unter anderem für Kleinteillager und die Sendungsvermessung, eingeführt. Das Land gehört innerhalb des Konzerns zu den Pilotländern für die Einführung entsprechender Lösungen.
Für Thomas Schauer, Regionalleiter Zentral- und Südosteuropa bei Gebrüder Weiss, steht dabei vor allem die Frage im Vordergrund, ob sich Automatisierung bei den aktuellen Lohn- und Kostenstrukturen bereits wirtschaftlich rechnet:
„Ungarn ist technologisch anschlussfähig; ob automatisiert wird, ist weniger eine technische als eine wirtschaftliche Frage.“
Neuinvestitionen steigern Nachfrage nach Intralogistiklösungen
Der deutsche Einzelhändler Lidl errichtet ein modernes Logistikzentrum in Kiseljak in Bosnien und Herzegowina für über 100 Millionen Euro. Weitere Logistikzentren sind im ungarischen Kiskunfélegyháza für rund 130 Millionen Euro und bei Belgrad in Planung. Das polnische Modeunternehmen LLP (Reserved, Cropp, Sinsay) betreibt ein Logistikzentrum auf einer Fläche von 130.000 Quadratmetern im Norden Bukarests. Der Schuhhändler Deichmann betreibt ein 20.000 Quadratmeter großes regionales Vertriebszentrum bei Bukarest.
In Bukarest hat DHL Express Ende April 2026 ein neues Logistikzentrum eröffnet. Es verfügt über eine Sortierkapazität von 2.800 Paketen pro Stunde auf einer Fläche von 4.130 Quadratmetern. Die Investition in Bukarest unterstreiche das Potenzial des dynamischen Marktes Rumänien, teilte das Unternehmen mit. Auch die Darmstädter Samedaylogistics baut Logistikzentren in der Region.
Solche Projekte setzen neue Standards und erhöhen den Wettbewerbsdruck auf lokale Anbieter – und bieten weitere Geschäftschancen für deutsche Unternehmen entlang der Logistikkette.
Daneben gibt es in Südosteuropa im Segment Material Handling mindestens 30 bis 40 kleinere und mittelgroße chinesische Anbieter beziehungsweise Händler. Intralogistikexperten sehen dort jedoch häufig Defizite bei lokalen Servicenetzwerken sowie bei Prüf‑ und Zertifizierungsanforderungen.
Von
Kirsten Grieß,
Oliver Idem,
Dominik Vorhölter,
Hans-Jürgen Wittmann