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Tschechien zieht neuen Großinvestor an Land
Der deutsche Lastwagenhersteller Daimler Truck produziert künftig auch in Tschechien Lkw. Nahe Karlovy Vary baut der Konzern eine Fabrik für 25.000 Fahrzeuge pro Jahr.
01.04.2026
Von Gerit Schulze | Prag
Tschechien kann doch noch Großprojekte anziehen: Wirtschaftsminister Karel Havlíček verkündete am 31. März 2026 "eine der bedeutendsten Investitionen der letzten Jahre". Daimler Truck verlegt einen Teil seiner Produktion vom rheinland-pfälzischen Wörth am Rhein nach Cheb in Nordwestböhmen. Das bestätigte der deutsche Fahrzeugbauer in einer Pressemitteilung.
Wie der Wirtschaftsminister auf einer Pressekonferenz in Prag mitteilte, investiert Daimler Truck in der ersten Phase bis zu 8 Milliarden Tschechische Kronen (Kč, rund 330 Millionen Euro, Wechselkurs am 31. März 2026: 1 Euro = 24,51 Kč). Etwa 1.100 Arbeitsplätze sollen entstehen.
Investor sichert sich 65 Hektar Fläche
Die Fabrik entsteht auf einer Fläche von 65 Hektar im neuen Strategic Business Park Cheb, nahe der Autobahn D6. Baubeginn für die Daimler-Fabrik könnte laut Havlíček "im Laufe des Jahres 2027" sein. Die Produktion werde spätestens 2030 starten. Der Politiker verwies darauf, dass für das Projekt "keinerlei Investitionsanreize gezahlt werden". Das sei ein Unikum.
Tschechiens Wirtschaftsministerium rechnet mit einem jährlichen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt von umgerechnet 1,3 Milliarden Euro. Das wären zusätzliche 0,4 Prozent Wirtschaftsleistung für das Land. Außerdem sollen pro Jahr 550 Millionen Euro zusätzliche Steuereinnahmen in die Staatskasse fließen.
Erstmals wurde für die Vorbereitung des Grundstücks die neue staatliche Entwicklungsgesellschaft SIRS eingespannt. Sie bereitet landesweit große Baugrundstücke für Investoren vor. In Cheb erschließt SIRS ein Gewerbegebiet auf zuvor von der Stadt bereitgestellten Flächen und verkauft diese an den Investor. Aus den erzielten Erlösen bekommt die Gemeinde eine Vergütung von umgerechnet etwa 56 Millionen Euro, erklärte Wirtschaftsminister Havlíček.
Auch Wohnungen und soziale Infrastruktur entstehen
Für das Entwicklungsvorhaben stellt der staatliche Investitionsfonds zur Regionalförderung ebenfalls Mittel bereit. Sie sollen in den Wohnungsbau, neue Straßen- und Schienenwege, Krankenhäuser und Schulen fließen. Für umgerechnet 12 Millionen Euro wird außerdem der Bahnhof in Cheb umgebaut, um dort künftig mehr Güter auf die Schiene bringen zu können.
Die Entscheidung von Daimler Truck für die Investition hing laut einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) mit den Schwierigkeiten zusammen, die Produktion im Stammwerk Wörth effizienter zu organisieren. Die Kundenwünsche würden immer vielfältiger, was Längen, Kabinenformen und Getriebe der Lkw betrifft. Hinzu kämen neue Antriebsarten wie Elektro- oder Wasserstofffahrzeuge. Das führe zu einer aufwendigen Produktion, die an einem räumlich begrenzten Standort wie Wörth kaum mehr zu finanzieren sei, berichtete die FAZ.
Nähe und Liefernetzwerk sprachen für Tschechien
Warum ausgerechnet Tschechien das Rennen um die neue Fabrik machte, erklärte Jürgen Distl, bei der Marke Mercedes-Benz Trucks verantwortlich für die Fabriken, in der FAZ. Es sei eine Mischung aus Entfernung zu Kunden und Lieferanten, den Arbeitskosten, der Verfügbarkeit von Arbeitskräften und Grundstücken gewesen. Der Standort sollte über das Daimler-Lieferantennetzwerk gut bedienbar sein.
Rund 90 Kilometer südöstlich von Cheb, in Holýšov, produziert Daimler Buses Karosserien und Komponenten für Busse der Marken Mercedes-Benz und Setra. Das Unternehmen ist seit 1998 auf dem tschechischen Markt tätig und gehört ebenfalls zur Daimler Truck AG.
In Wörth und in Cheb werden künftig Fahrzeuge mit allen Antriebsarten produziert, also Diesel-, Elektro- und Wasserstoff-Lastwagen. Die Zulieferer des Konzerns – vor allem das Achsenwerk Kassel, die Motorenfabrik Mannheim und die Getriebeproduktion Gaggenau – werden beide Fabriken beliefern. Das Werk in Wörth bleibt weiterhin der zentrale und größte Teil des Unternehmens. Dort produzierte Daimler Truck 2025 rund 66.000 Fahrzeuge. Die Rekordjahresproduktion lag 2023 bei 97.000 Lkw.
Die neue Investition in Tschechien findet in einer strukturschwachen Region statt, die gerade die Transformation weg von der Braunkohleförderung bewältigen muss. Durch seine grenznahe Lage zu Bayern und Sachsen ist der Landkreis Cheb aber seit langem beliebt bei ausländischen Investoren. Der Business Park Cheb ist einer der größten Logistikstandorte Tschechiens. Dort betreibt Modehändler H&M ein riesiges Vertriebszentrum. Auch Tchibo, DHL und der Autoteilehersteller BWI gehören zu den Mietern.
Nur geringe Arbeitslosigkeit in der Region
Im Februar 2026 betrug die Arbeitslosenquote in dem Kreis 5 Prozent und lag damit unter dem Landesdurchschnitt von 5,2 Prozent. Bei den lokalen Arbeitsämtern waren über 3.000 Arbeitssuchende gemeldet. Im Nachbarkreis Sokolov, wo bis heute Braunkohle gefördert wird, erreichte die Erwerbslosenquote 8,1 Prozent.
Der Durchschnittslohn in der Region Karlovy Vary lag 2025 bei 42.000 Kč (1.700 Euro) und damit unter dem tschechischen Durchschnitt von 49.000 Kč (2.000 Euro).
Viel Tradition bei der Lkw-Produktion
Tschechien ist ein traditionsreicher Standort für die Lkw-Produktion. Vom Höchststand aus den 1990er Jahren ist das Land aber weit entfernt. Inzwischen gibt es mit Tatra Trucks nur noch einen größeren Hersteller. Er gehört zum führenden Rüstungskonzern Czechoslovak Group und hofft vor allem auf neue Aufträge aus dem Verteidigungssektor. Der Ausstoß bei Tatra im mährisch-schlesischen Kopřivnice schwankt zwischen 1.000 und 1.500 Lkw pro Jahr. Das neue Werk von Daimler Truck befördert Tschechien hinsichtlich der Stückzahlen also in eine ganz neue Ära bei der Produktion von Nutzfahrzeugen.