Special | Arabische Golfstaaten | Krieg im Nahen Osten

Lieferketten am Golf: Industrie muss auf neue Risiken reagieren

Der Golfkrieg belastet nicht nur den Energiehandel. Auch Vorprodukte wie Düngemittel, Aluminium und Helium geraten unter Druck und treffen internationale Lieferketten.

Von Heena Nazir, Hans Peter Pöhlmann | Dubai, Bonn

Die Anspannung im Golfraum verändert Lieferketten schon bevor Transporte tatsächlich ausfallen. Bereits die Erwartung möglicher Störungen führt dazu, dass Unternehmen ihre Beschaffung umstellen und mit höheren Fracht‑ und Versicherungskosten sowie längeren Laufzeiten kalkulieren. Das wiegt besonders schwer, weil die Region nicht nur Energiedrehscheibe ist, sondern auch zentrale industrielle Vorprodukte liefert. Rund ein Drittel des weltweiten Düngemittelhandels passiert laut Nachrichtenagentur Reuters die Straße von Hormus, ebenso große Mengen Schwefel und petrochemischer Basisstoffe.

Viele Güter aus dem Golf stehen am Anfang langer Produktionsketten. Petrochemische Grundstoffe fließen unter anderem in Kunststoffe, Verpackungen, Autoteile, Kabel, Dämmstoffe und Konsumgüter ein. Düngemittel sind für die Landwirtschaft relevant, Schwefel und Schwefelsäure wiederum für Metallurgie, Bergbau und chemische Prozesse. Steigende Preise und längere Laufzeiten treffen deshalb nicht nur einzelne Abnehmer, sondern zahlreiche Branchen von der Bauwirtschaft bis zur Elektronikindustrie.

Engpässe in zentralen Vorproduktketten

Die Staaten des Golf-Kooperationsrats (GCC) – Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Kuwait, Oman und Bahrain verantworten laut Gulf Petrochemicals and Chemicals Association rund 6 Prozent der weltweiten petrochemischen Kapazitäten. Zuletzt gingen 74 Prozent der petrochemischen Produkte in den Export. Für Harnstoff liegt der Weltmarktanteil bei rund einem Drittel, für Ammoniak bei rund einem Viertel und für Schwefel bei rund 45 Prozent. Der saudi-arabische Bergbaukonzern Ma’aden bedient nach eigenen Angaben 20 Prozent des globalen Phosphathandels. Mitte März 2026 lagen die Preise für Harnstoff aus dem Nahen Osten rund 40 Prozent über dem Vorkrisenniveau. Daran zeigt sich, wie rasch regionale Ausfälle oder Umleitungen auf die Weltmarktpreise durchschlagen.

Besonders sensibel ist der Markt für Schwefel und Schwefelsäure. Ein Viertel der globalen Schwefelproduktion kommt aus dem Nahen Osten, und etwa die Hälfte des weltweit seetransportierten Schwefelhandels führt durch die Straße von Hormus. Schwefelsäure lässt sich in vielen Industrieprozessen kaum ersetzen. Sie wird unter anderem für die Herstellung von Phosphatdüngern und für hydrometallurgische Verfahren benötigt, also für chemische Aufbereitungsprozesse, mit denen Metalle wie Nickel, Kupfer, Kobalt oder Uran aus Erzen gelöst werden.

Indonesiens Nickelindustrie bezieht rund drei Viertel ihres Schwefels aus der Region und verfügt oft nur über geringe Vorräte. Da diese Verfahren große Säuremengen benötigen, wirken sich Störungen dort besonders schnell auf die Produktion aus. Ähnliche Risiken zeigen sich im zentralafrikanischen Kupfergürtel, wo Unternehmen bereits vor Engpässen bei Prozesschemikalien wie Natriumcyanid und Flotationsmitteln warnen. Wegen der begrenzten Lager- und Transportfähigkeit lässt sich Schwefelsäure kurzfristig kaum ersetzen. Genau das erhöht die Verwundbarkeit dieser Lieferketten.

Aluminium: Schmelzen unter Druck

Die Staaten am Persischen Golf verfügen über eine Aluminiumschmelzkapazität von rund 7 Millionen Tonnen und damit über etwa 8 Prozent der Weltproduktion. Europa importierte 2025 rund 1,3 Millionen Tonnen Aluminium aus dem Nahen Osten und Ägypten. Störungen im Schiffsverkehr und steigende Energiekosten schlagen in diesem Markt daher besonders schnell auf Preise und Verfügbarkeit durch. Am 2. März überschritt der Preis an der London Metal Exchange die Marke von 3.250 US$ pro Tonne.

Das liegt auch an der Struktur der Branche. Aluminiumschmelzen gehören zu den energieintensivsten Industrieanlagen überhaupt. Sie benötigen eine stabile Gas- und Stromversorgung, kontinuierliche Rohstoffzufuhr und einen möglichst unterbrechungsfreien Betrieb. Fällt einer dieser Faktoren aus, steigt das Risiko technischer Schäden und hoher Wiederanlaufkosten. Produktionsstopps lassen sich deshalb deutlich schwerer abfedern als in weniger komplexen Industrien.

In Katar leitete Qatalum, ein Joint Venture von Hydro und QAMCO mit einer Jahreskapazität von 625.000 Tonnen, Anfang März einen kontrollierten Produktionsstopp ein, nachdem der Gasversorger das Unternehmen über eine bevorstehende Unterbrechung der Gasversorgung informiert hatte. Ein kompletter Neustart könnte 6 bis 12 Monate dauern. Inzwischen läuft die Produktion nur noch mit reduzierter Kapazität. Das zeigt, wie rasch eine Unterbrechung der Energieversorgung in reale Angebotsrisiken umschlagen kann.

Zusätzliche Risiken entstehen durch Verzögerungen bei Bauxit- und Aluminiumoxidlieferungen. Rund 16 Prozent des globalen Aluminiumoxidhandels passieren die Straße von Hormus. Damit ist nicht nur der Export fertigen Aluminiums verwundbar, sondern bereits die vorgelagerte Versorgung mit zentralen Einsatzstoffen. Für Abnehmer in Europa steigt dadurch das Risiko von Preisaufschlägen, Lieferverzögerungen und kurzfristigen Engpässen.

Helium ist für Hightechindustrien schwer ersetzbar

Besonders empfindlich reagiert die Hightechindustrie auf Heliumengpässe. Katar stellt etwa ein Drittel der globalen Heliumproduktion. Ausfälle dort entziehen dem Markt monatlich mehr als 5 Millionen Kubikmeter. Die Spotpreise haben sich bereits verdoppelt. Anders als bei vielen anderen Industriegasen ist die Substitution hier nur sehr eingeschränkt möglich. Das macht den Markt besonders anfällig für Ausfälle.

Helium wird unter anderem für die Halbleiterfertigung, Glasfaserproduktion, Medizintechnik und kryogene Anwendungen benötigt. In der Chipindustrie dient hochreines Helium zur Waferkühlung, für Lecktests und in Ätzprozessen. Fällt die Versorgung aus oder verteuert sie sich deutlich, trifft das deshalb nicht nur einen einzelnen Rohstoffmarkt, sondern ganze Hightech-Wertschöpfungsketten, vor allem in Asien.

23.03.2026 Special | Asien | Krieg im Nahen Osten
Wie die Golfkrise Asiens Energie- und Industrieversorgung bremst

Die Länder Asien-Pazifiks sind abhängiger von Öl und Gas aus Nahost als andere Weltregionen. Die Schließung der Straße von Hormus erzwingt Notmaßnahmen, aber auch Strukturwandel.

Südkorea bezog 2025 rund zwei Drittel seiner Heliumimporte aus Katar und ist damit besonders stark betroffen. Auch Japan weist eine hohe Abhängigkeit auf, weil ein erheblicher Teil der Importe über das LNG- und Heliumdrehkreuz Ras Laffan läuft. Betroffen sind damit ausgerechnet Länder, die besonders eng in globale Elektronik- und Halbleiterketten eingebunden sind.

Auch Unternehmen in der Europäischen Union spüren die Folgen. Laut bne IntelliNews deckt die EU rund 40 Prozent ihres Heliumbedarfs über Katar. Polen ist der einzige EU-Produzent und kann nur rund 8 Prozent der regionalen Nachfrage abdecken. Unternehmen wie Linde und Air Liquide spielen deshalb eine zentrale Rolle bei Verteilung und Zwischenlagerung, unter anderem über das Helium-Untergrundspeicherwerk in Gronau-Epe in Deutschland. Die europäische Industrie ist damit unmittelbar von funktionierenden Import- und Verteilstrukturen abhängig.

Technologieführer in der Halbleiterproduktion sind direkt betroffen. Samsung und SK Hynix verfügen laut Fusion Worldwide über Heliumvorräte für rund 6 Monate. Bei länger anhaltenden Lieferausfällen müssen sie jedoch mit Produktionsverzögerungen rechnen. Auch TSMC, Intel und weitere internationale Chipfertiger sind abhängig. Hersteller von Festplattenlaufwerken wie Seagate und Western Digital melden laut Fusion Worldwide zudem Preissteigerungen von 20 bis 30 Prozent, weil Festplatten ab 10 Terabyte Helium als Füllgas benötigen und keine Substitute verfügbar sind. Auch die Raumfahrt- und Medizintechnik, etwa Hersteller von Magnetresonanztomografen, sind von den Lieferengpässen unmittelbar betroffen.

Wie klein- und mittelständische Unternehmen jetzt reagieren sollten

Kurzfristig (bis zu 3 Monate)

  • Abhängigkeit analysieren: Prüfung aller Produkte mit Bezug zu Aluminium, Helium, Schwefel, Düngemitteln und Petrochemie.
  • Alternative Lieferanten anfragen: Südostasien, Nordamerika, EU‑Binnenmärkte, Indien.
  • Transportwege diversifizieren: Routen außerhalb des Persischen Golfs prüfen (Suez‑Alternativen, Westafrika, Mittelmeer).
  • Versicherungen aktualisieren: Wartezeiten, Kish‑Zone (Hochrisikogebiet vor der iranischen Küste), Higher War Premiums neu kalkulieren.
  • Sicherheitsbestände erhöhen: Ziel: Puffer für 6 bis 12 Wochen, besonders bei Vorprodukten mit geringer Substituierbarkeit.

Mittelfristig (in 3 bis 12 Monaten)

  • Dual Sourcing etablieren: Verträge mit Zweit‑/Drittlieferanten abschließen.
  • Vertragsgestaltung anpassen: Force‑Majeure‑Klauseln, Flexibilitätskorridore, Preisgleitklauseln erweitern.
  • Technologische Substitution prüfen: Bei Helium, Düngemitteln und ausgewählten petrochemischen Stoffen.
  • Nearshoring nutzen: Einkauf von Chemikalien, Spezialgasen, Halbfertigwaren verstärkt in EU‑Standorte verlagern.
  • Transparenz in Tier‑2/3-Lieferketten erhöhen: Einsatz digitaler Monitoring‑Tools (Material‑ und Routenüberwachung).