Wirtschaftsumfeld | Krieg im Nahen Osten
Schockwellen am Golf: Risiken für Energie, Lieferketten und Handel
Die Eskalation am Persischen Golf verändert Rahmenbedingungen für Energie, Logistik und Investitionen – mit Folgen für deutsche Firmen.
06.03.2026
Von Peter Schmitz | Bonn
Vor allem Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Katar standen selbst in Krisenzeiten für Sicherheit und Stabilität. Dieses Bild ist nun angekratzt. Was bislang als Worst-Case-Szenario galt, ist zur Realität geworden: eine Blockade der Straße von Hormus.
Unter normalen Bedingungen verlassen täglich rund 18 bis 20 Millionen Barrel Rohöl den Golf über die Meerenge. Das entspricht etwa 20 Prozent der globalen Nachfrage. Bei Flüssiggas, kurz LNG, liegt der Anteil der Region nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) am Welthandel sogar bei rund 25 Prozent. Allein Katar steht für etwa ein Fünftel des globalen LNG‑Aufkommens.
Straße von Hormus als Nadelöhr: Asiatische Länder leiden am stärksten
Sollte die Blockade der Meerenge anhalten, wären asiatische Staaten am stärksten von der Energiekrise betroffen, allen voran Japan und Südkorea, gefolgt von Indien, das rund die Hälfte seiner Ölimporte aus den arabischen Golfstaaten bezieht. China ist mengenmäßig zwar der größte Abnehmer von Golföl, jedoch weniger abhängig als viele Nachbarstaaten. Deutschland wäre hingegen weniger von direkten Lieferausfällen betroffen, da es seine Energieimporte hauptsächlich aus Norwegen, den USA und Kasachstan und Libyen bezieht. Mittelfristig könnte sich jedoch insbesondere bei LNG der Wettbewerb zwischen Europa und Asien verstärken.
Doch auch Europa und Deutschland spüren die Auswirkungen. Der Ausfall der Öl- und Gaslieferungen lässt die weltweiten Energiepreise explodieren. Lag der Rohölpreis vor der Eskalation bei rund 72 US‑Dollar (US$) je Barrel, sprang er unmittelbar nach dem Angriff auf Iran auf über 82 US$. Noch stärker reagierte der Gaspreis. Am wichtigsten europäischen Handelsplatz lag der Preis Ende Februar bei etwa 31 Euro pro Megawattstunde. Am 3. März wurde die Marke von 50 Euro überschritten.
Drehkreuze im Stillstand –Geschäftsmodelle unter Stress
Die Golfregion verbindet Asien, Europa und Afrika. Häfen wie Dschebel Ali in Dubai und Luftfrachtdrehkreuze wie Dubai, Doha und Dschidda sind zentrale Verkehrsknoten. Besonders die VAE stehen für ein prototypisches Hub‑Modell. Handel, Logistik, Luftverkehr sowie finanz‑ und unternehmensnahe Dienstleistungen bilden das Rückgrat der Wirtschaft. Im Jahr 2024 fertigten die VAE 92 Millionen Passagiere ab. Bereits temporäre Einschränkungen an Häfen oder Flughäfen schwächen das Versprechen einer verlässlichen Drehscheibe.
In Katar ist der Logistiksektor zwar kleiner als in den VAE. Für den Export von Flüssiggas und die Versorgung des Landes mit Importen ist er enorm wichtig. Katars Wirtschaftsmodell basiert fast ausschließlich auf dem Export von Öl und vor allem Gas. Deren Förderung tragen rund 40 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Produktionsunterbrechungen oder Einschränkungen im Seeverkehr belasten sowohl den Staatshaushalt des Emirats als auch die petrochemische Industrie.
Einschätzung der AHK VAE zur aktuellen Lage vor Ort
"Die VAE sind seit Beginn des Iran-Konflikts direkt betroffen. Wir stehen in engem Austausch mit den deutschen Behörden und Unternehmen vor Ort. Die Firmen reagieren sehr professionell und resilient. Als Handels- und Logistikhub sowie als Tourismusziel spüren die VAE insbesondere Luftraumsperrungen und Transporteinschränkungen.
Die VAE haben eine diversifizierte Wirtschaft. Zurzeit ist noch nicht absehbar, inwieweit einzelne Wirtschaftsbereiche nachhaltig betroffen sein werden."
Martin Henkelmann, Geschäftsführer der Deutsch-Emiratischen Industrie- und Handelskammer (AHK)
Investorenvertrauen wichtig für Großprojekte in Saudi-Arabien
In Saudi-Arabien könnte der Konflikt Industrie und Logistik treffen und die Modernisierungsagenda "Vision 2030" bremsen. Bereits 2025 mehrten sich Berichte über Kürzungen und Verzögerungen bei Prestigeprojekten. Die angestrebte Diversifizierung mit dem Ausbau von Industrie, Logistik und Dienstleistungen hängt nicht nur von staatlichen Investitionsmitteln ab. Ebenso wichtig sind Investorenvertrauen und stabile Lieferketten. Je länger die Lage volatil bleibt, desto stärker werden Lieferketten angepasst. Das dämpft das Projekttempo und erhöht die Kosten.
Der Öl- und Gassektor trägt in Saudi-Arabien etwa 35 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. Zwar ist das Land nicht ausschließlich auf Häfen am Persischen Golf angewiesen und kann einen Teil des Außenhandels über das Rote Meer abwickeln. Doch lassen sich dort die Kapazitäten nur begrenzt substituieren.
Anders als in früheren Golfkrisen dürften zusätzliche Einnahmen aus höheren Öl‑ und Gaspreisen diesmal ganz oder teilweise ausbleiben, da beschädigte Anlagen oder eingeschränkte Transportwege die Produktion zeitweise begrenzen. Der entstehende Kostenschock für Handel, Bau und Dienstleistungen ließe sich damit kaum kompensieren.
Einschätzung der AHK Saudi-Arabien zur aktuellen Lage vor Ort
"Saudi-Arabien ist im Vergleich zu seinen Nachbarstaaten bislang nur in begrenztem Umfang Ziel von Angriffen gewesen. Ein bedeutender Vorfall war jedoch der Angriff auf die Raffinerie Ras Tanura in der Ostprovinz, die rund 5 Prozent der nationalen Ölproduktion ausmacht. Teile der Anlage mussten vorübergehend heruntergefahren werden.
Im Alltag bemüht sich das Land, Normalität zu wahren. Das öffentliche Leben läuft weitgehend weiter. Lokale Schulen sind geöffnet, internationale Schulen hingegen geschlossen. Ministerien, Behörden und saudische Unternehmen arbeiten regulär, während viele deutsche Firmen auf Homeoffice umgestellt haben. Einige Familienangehörige haben sich bereits zur Ausreise entschieden."
Dalia Samra-Rohte, Delegierte der Deutschen Wirtschaft für Saudi-Arabien, Bahrain und Jemen
Rund 1.800 deutsche Unternehmen sind in der Region aktiv
Aus Deutschland sind etwa 1.800 Unternehmen in den Ländern am arabischen Golf tätig. Großprojekte wie die Expo 2020 in Dubai, die Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar oder die Vision 2030 in Saudi-Arabien haben die Nachfrage aus Deutschland erhöht. Im Jahr 2025 lieferten deutsche Unternehmen Waren im Wert von knapp 25 Milliarden Euro in die Region, allen voran Maschinen und Ausrüstung. Zudem investieren immer mehr Unternehmen vor Ort, um den Markt besser bedienen zu können. Der Bestand deutscher Direktinvestitionen lag 2023 bei 6,3 Milliarden Euro und stieg zuletzt weiter an.
Abzuwarten bleibt, wie sich das Geschäft mit der Region weiterentwickelt. Nicht nur Öl und Gas dürften sich verteuern, sondern auch chemische Vorprodukte und Transportraten. Zusammen mit Versicherungsaufschlägen wirken sie wie eine Zusatzbelastung für Außenhandel und Lieferketten. Projektverschiebungen in den Golfstaaten dämpfen zudem das Geschäft und sind besonders für Branchen wie den Maschinen- und Anlagenbau, die Elektrotechnik sowie für Bauzulieferer relevant. Entscheidende Faktoren für die Auswirkungen sind Dauer und Intensität der Unsicherheit.
Land | Deutsche Exporte (Mrd. Euro) | Deutsche Importe (Mrd. Euro) |
|---|---|---|
Vereinigte Arabische Emirate | 11,4 | 1,8 |
Saudi-Arabien | 8,9 | 1,1 |
Katar | 1,9 | 0,5 |
Irak | 1,4 | 1,4 |
Iran | 0,9 | 0,2 |
Oman | 0,9 | 0,05 |
Bahrain | 0,4 | 0,3 |
Gesamt | 25,8 | 5.4 |
Vor Ort stehen die Deutsch-emiratische Industrie- und Handelskammer und die AHK Saudi-Arabien betroffenen Unternehmen zur Seite und unterstützen bei der Bewältigung der aktuellen Herausforderungen.