Wirtschaftsausblick | Argentinien
Präsident Milei muss weiter liefern
Argentiniens Wirtschaft wächst weiter. Der Reformkurs schreitet voran, doch viele Strukturprobleme bleiben. Das Land ist noch nicht "über dem Berg".
22.06.2026
Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile
Wirtschaftsentwicklung: Wachstum mit Bruchstellen
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Argentiniens legt 2026 voraussichtlich um 2,8 Prozent zu, so die OECD. Für 2027 erwarten die Analysten ein Plus von 3,5 Prozent. Damit bleibt das Wachstum hinter früheren Prognosen zurück. Kritisch sind der schwache Binnenkonsum und die stagnierenden Bruttoanlageinvestitionen.
Freuen durfte sich die Regierung zuletzt aber über Höherstufungen internationaler Ratingagenturen. Sie honorieren die Erfolge bei der Konsolidierung der Staatsfinanzen, der Bekämpfung der Inflation und der vorsichtigen Erholung der Devisenreserven.
Öl, Gas und Bergbau als neue Devisenbringer
Wichtigste Stütze bleibt die Landwirtschaft. Mit Blick auf die hervorragende Ernte 2025/26 prognostiziert die Handelsbörse in Rosario Exporteinnahmen von über 36 Milliarden US-Dollar (US$). Mit der steigenden Förderung von Öl und Gas könnte der Energiesektor 2026 auf einen Handelsüberschuss von 10 Milliarden US$ kommen, nach 2,3 Milliarden US$ 2025. Auch für Deutschland gewinnt Argentinien an Bedeutung. Anfang 2026 hat die bundeseigene SEFE einen Abnahmevertrag für Flüssiggas (LNG) über acht Jahre geschlossen. Im Rohstoffsektor herrscht Aufbruchstimmung. Die hohen Weltmarktpreise und das Förderprogramm RIGI treiben neue Mega-Projekte an.
Was ist das RIGI?
Das im Rahmen der Wirtschaftsreformen unter Präsident Milei eingeführte Investitionsanreizgesetz RIGI (Régimen de Incentivo para Grandes Inversiones) begünstigt Investitionen von mindestens 200 Millionen US$ in den Sektoren Energie, Infrastruktur, Technologie, Agrar- und Forstwirtschaft, Tourismus, Stahl, Öl, Gas und Bergbau. Es richtet sich an in- und ausländische Unternehmen.
Bislang wurden 17 RIGI-Projekte mit einem Volumen von knapp 30 Milliarden US$ genehmigt, darunter allein zehn im Bergbau mit einem Investitionsvolumen von knapp 20 Milliarden US$. Das jüngste ist Vicuña, ein Joint-Venture der Bergbauriesen BHP und Lundin mit dem Ziel, eine der weltgrößten Kupfer-, Silber- und Goldminen zu eröffnen.
In seiner aktuellen Form ist RIGI bis zum 22. Oktober 2026 befristet. Gegenwärtig liegt der Abgeordnetenkammer ein Gesetzesentwurf für ein "Super-RIGI" vor. Es soll Investitionen von über 1 Milliarde US$ mit noch weiterreichenden Anreizen fördern.
Handelsbilanzüberschuss, fast ausgeglichene Leistungsbilanz
Diese positiven Entwicklungen zeigen sich an den Ausfuhren: In den ersten vier Monaten 2026 wuchsen die Exporte um 21,5 Prozent, so das Statistikamt INDEC. Das Minus von 6,4 Prozent bei den Importen spiegelt hingegen den schwachen Binnenkonsum wider.
Top-Thema: Wie viel Ambivalenz erträgt ein Land?
Während Vertreter aus dem Agrar- und Rohstoffsektor Optimismus verbreiten, darben Bau, Einzelhandel und produzierendes Gewerbe. Das Land erlebt eine Deindustrialisierungswelle. Zur stockenden Binnennachfrage kommt der Druck durch die vom starken Peso begünstigten Einfuhren.
Nie zuvor konnten Importwaren, etwa über den chinesischen Online-Händler Shein, so billig und einfach bestellt werden. Im August 2025 verdrängte China Brasilien als wichtigstes Bezugsland. Zugleich verteuert der hohe Wechselkurs den Export.
Firmenpleiten und Arbeitsplatzverluste
Diese Umschichtung ist politisch gewollt, denn sie drückt die Inflation. Aber sie führt auch dazu, dass die Zahl der Unternehmen seit Amtsantritt Mileis im Dezember 2023 bis Februar 2026 um knapp 25.000 sank. Bis Mai 2026 verschwanden im formellen Sektor laut Arbeitsministerium fast 365.000 Arbeitsplätze – und das in einem Land, in dem ohnehin schon rund die Hälfte der Beschäftigten informell arbeitet.
Zugleich sinken die Reallöhne. Im Mittelstand müssen sich viele mit informellen Zweit- und Drittjobs bis zum Monatsende retten. Zwar ging die Armutsquote 2025 – vor allem dank der niedrigeren Inflation – von 31,6 auf 28,2 Prozent zurück, doch bleibt sie damit weiter hoch.
Die hochmechanisierten Sektoren Rohstoffe/Energie/Landwirtschaft ersetzen die im Gewerbe, Bau, Einzelhandel oder Tourismus verlorengehenden Arbeitsplätze nicht. Auch wird es Jahre dauern, bis Großprojekte spürbare Nachfrage in der lokalen Wirtschaft entfalten.
Viele angekündigte Reformen stehen noch aus
Auf der Agenda stehen weiterhin eine Steuerreform, die vollständige Aufhebung der Kapitalverkehrskontrollen sowie die Reform der Justiz. Besonders die Steuerreform brennt vielen auf den Nägeln. "Das größte Problem im privaten Gewerbe sind die Steuern. Der Steueranteil an unseren Preisen liegt bei 50 Prozent, während Importprodukte lediglich auf 20 Prozent kommen, weil sie die vielen lokalen Steuern nicht zahlen müssen! So sind wir nicht konkurrenzfähig", beschreibt eine Unternehmerin ihre Situation. Erste Fortschritte gibt es immerhin bei der Arbeitsrechtsreform, doch in trockenen Tüchern ist auch sie noch nicht.
Kernpunkte der Arbeitsmarktreform
- Reform der Arbeitsgerichtsbarkeit: Die Regierung will die stark gestiegene Zahl arbeitsrechtlicher Klagen eindämmen. In den letzten Jahren nahmen insbesondere Kündigungs- sowie Mobbing- und Belästigungsfälle deutlich zu, teils mit erheblichen finanziellen Risiken für Unternehmen. Neue Gerichtsbarkeiten sollen zu objektiveren Verfahren beitragen und formelle Beschäftigung fördern.
- Flexiblere Tarifabschlüsse: Kollektivverträge müssen nicht mehr zwingend landesweit gelten. Künftig sind Abschlüsse auf Provinz- oder unter bestimmten Bedingungen auch auf Unternehmensebene möglich. Dies stärkt die Anpassung an regionale Unterschiede.
- Mehr Transparenz bei Gehaltsabrechnungen: Arbeitgeber müssen künftig detailliert ausweisen, welche Beträge aus welchem Grund einbehalten werden. Ziel ist höhere Nachvollziehbarkeit für Beschäftigte.
- Digitalisierung und Entbürokratisierung: Verfahren werden vereinfacht, etwa durch digitale Krankschreibungen. Zudem können Arbeitgeber bei Verdacht auf Gefälligkeitsatteste eine offizielle ärztliche Zweitmeinung einholen lassen.
Vorläufig heißt die Devise: Durchhalten und hoffen, dass der Aufschwung bald in der Masse ankommt - und die Wahlen 2027 abwarten. Doch selbst wenn die Umfragewerte für Milei aktuell nicht gut aussehen, gibt es aus Sicht des Großteils der Bevölkerung derzeit keine Alternative.
Deutsche Perspektive: Leichte Katerstimmung, aber hohes Interesse
Nach dem guten Jahr 2025 hat sich die Lage bei den deutschen Exporten gedreht. Laut Destatis lieferte Deutschland in den ersten vier Monaten 2026 Waren für 760 Millionen US$ nach Argentinien, rund 20,6 Prozent weniger als vor Jahresfrist und sogar knapp unter dem Exportvolumen der ersten vier Monate 2024.
Der "Bestellrückstau" scheint damit aufgelöst. Hinzu kommt die Konkurrenz aus Asien. Dies trifft das größte Segment "Teile und Zubehör für Kfz" besonders stark. "Es ist eben sehr verlockend, statt des teuren Originalersatzteils eines zu kaufen, das nur ein Drittel kostet", so ein deutscher Unternehmensvertreter. Auch bei den Exporten von Medizintechnik gab es deutliche Einbußen, vor dem Hintergrund der Sparmaßnahmen im Gesundheitssektor.
Doch nicht überall läuft es schlecht: Nach wie vor begehrt sind deutsche Autos. Und bei Maschinen zur Lebensmittelzubereitung gab es einen großen Sprung nach oben. "Das Potenzial des Landes ist nach wie vor vielversprechend", sagt Julietta Barra, Leiterin Außenwirtschaft der AHK Argentinien. Die Rahmenbedingungen für internationale Geschäfte hätten sich bereits erheblich verbessert. Die Zahl der Besuche aus Wirtschaft und Politik sei stark gestiegen. "Viele glauben an die allmähliche Erholung des Binnenmarktes und hoffen auf positive Effekte des EU-Mercosur-Abkommens."
Bislang ist die Zeit allerdings zu kurz für eine Beurteilung des Abkommens. Doch während Argentinien etwa seine Honigquoten in die EU binnen Wochen fast ausgeschöpft hat, sind die Erwartungen vieler Importeure begrenzt.
Importeure mit Skepsis gegenüber Mercosur-Abkommen
Für viele Kunden akzeptable Waren aus China kosten heute oft nur die Hälfte oder ein Drittel weniger als vergleichbare deutsche Produkte. Zollsenkungen für EU-Waren können diesen Preisvorteil nur teilweise ausgleichen und greifen teils erst nach Übergangsfristen von bis zu 15 Jahren. Skepsis besteht zudem gegenüber dem erforderlichen Ursprungsnachweis: Importeure zweifeln, ob insbesondere kleine und mittlere EU-Lieferanten angesichts geringer Liefermengen den bürokratischen Aufwand auf sich nehmen – zumal die Zollkosten meist vom Kunden getragen werden.
Dessen ungeachtet sehen international aufgestellte Firmen vor Ort wie etwa der Metallverarbeiter Sin Par ein stärkeres Interesse aus Europa, etwa durch Vertretungsanfragen aus Polen, Spanien und auch Deutschland. Geschäftsführerin Cristina Arheit begrüßt das Interesse, befürchtet aber, dass es für europäische Firmen schon zu spät sein könnte. "Ich würde lieber in Deutschland kaufen als in China, aber in der gegenwärtigen Preissituation ist das einfach nicht drin."
Abzuwarten bleibt auch, welche Folgen das im Februar 2026 mit den USA unterzeichnete Handels- und Investitionsabkommen für Drittstaaten hat.
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