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Chile setzt mit Reformpaket auf mehr Wachstum
Steuersenkungen, schnellere Genehmigungsverfahren und mehr Rechtssicherheit sollen Investitionen ankurbeln. Rückenwind kommt von der globalen Nachfrage nach Kupfer und Lithium.
14.08.2026
Am 4. August 2026 verabschiedete der chilenische Kongress das Reformpaket Ley para la Reconstrucción Nacional y Desarrollo Económico y Social. Mit der "Megarreforma" will die seit März 2026 amtierende Regierung unter Präsident José Antonio Kast neuen Schwung in die Wirtschaft bringen. Ziel ist auch, die Wettbewerbsfähigkeit insbesondere gegenüber regionalen Konkurrenten wie Brasilien, Peru oder Argentinien zu stärken.
Die Reform tut Not. Trotz guter Voraussetzungen wächst die Wirtschaft 2026 schwächer als erwartet. Auch in den Jahren davor blieb Chile unter seinen Möglichkeiten. Aus wirtschaftlicher Sicht bewerten viele die vergangenen vier Jahre unter der linksgerichteten Regierung von Gabriel Boric deshalb als verloren. Doch schon zuvor hatte Chile stark an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Dies zeigt das Ranking zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit des International Institute for Management Development (IMD). Zwar steht Chile lateinamerikaweit weiter auf Platz 1. Doch der Handlungsdruck ist groß.
belegte Chile 2026 in der IMD-Rangliste der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Im Jahr 2016 lag der Andenstaat noch auf Platz 36.
Mit dem Reformpaket soll jetzt vieles besser werden. Tatsächlich entspricht die Kombination aus niedrigeren Unternehmensteuern, Investitionsschutz und vor allem beschleunigten und abgespeckten Genehmigungs- und Gerichtsverfahren dem, was lokale und internationale Unternehmensvertreter seit Jahren anmahnen.
Umgekehrt stehen die infolge der Steuersenkungen drohenden Einnahmeverluste für Staat und Kommunen sowie die Aufweichung von Umweltgenehmigungsverfahren in der Kritik. Tatsächlich ist unklar, ob die sofort eintretenden Einnahmeausfälle mittel- bis langfristig durch Wirtschaftswachstum kompensiert werden. Überdies könnte die soziale Polarisierung im Land noch zunehmen.
Steuererleichterungen für Unternehmen
Für Unternehmen stehen vor allem umfangreiche steuerliche Entlastungen im Mittelpunkt. Beschlossen ist die stufenweise Senkung der Unternehmensgewinnsteuer bis 2029 von derzeit 27 auf 23 Prozent (OECD-Durchschnitt 2025: 24,2 Prozent). Darüber hinaus entfällt die Steuer auf Kapitalgewinne (aktuell 10 Prozent). Investitionsprojekte mit einem Volumen von mindestens 50 Millionen US-Dollar (US$) erhalten für mindestens 10 Jahre steuerliche Stabilität.
Investitionssumme (in Mio. US$) | Anzahl der Jahre mit steuerlicher Stabilität |
|---|---|
ab 50 bis 100 | 10 |
100 bis 350 | 15 |
ab 350 | 20 *) |
Für den Verkauf von neu errichteten Immobilien beschloss die Regierung eine auf ein Jahr befristete Befreiung von der Mehrwertsteuer. Für den Wiederaufbau von Häusern und kommunaler Infrastruktur nach den verheerenden Bränden 2024 und 2026 in Valparaíso, Biobío und Ñuble wird ein mit 1,3 Milliarden US$ ausgestatteter Fonds geschaffen. Beide Maßnahmen stoßen auf große Zustimmung der schwächelnden lokalen Bauwirtschaft.
Wichtige Maßnahmen im Überblick
Steuerpolitik
- Senkung der Unternehmensgewinnsteuer von 27 auf 23 Prozent bis 2029
- Vollständige Abschaffung der Steuer auf Kapitalgewinne (derzeit 10 Prozent)
- Steuerliche Stabilitätsgarantie von 10 bis 20 Jahren für Projekte ab 50 Millionen US$
- Steuererleichterungen für die Rückführung von im Ausland getätigten Investitionen
Arbeitsmarkt und Wohnungsbau
- Ausweitung der Wohnbauhilfen für Brandgebiete auf rund 1,3 Milliarden US$
- Vorübergehende Mehrwertsteuerbefreiung für den Wohnungsneubau
- Grundsteuerbefreiung für selbst genutzte Wohnungen von Personen über 65 Jahren
Schnellere Genehmigungen
- Synchronisierung von Genehmigungsprozessen verschiedener Behörden (nicht Teil der Megarreforma, aber Teil des Regierungsprogramms)
- Verpflichtung von Gerichten, innerhalb von 60 Tagen auf projektbezogene Klagen zu reagieren
- Überprüfung von 35 unter der Vorgängerregierung erlassenen Umweltschutzdekreten
- Neuordnung der Verfahren beim Fund von nationalen Kulturgütern durch die Denkmalschutzbehörde (Consejo de Monumentos Nacionales)
Gegenfinanzierung
- Kürzungen der Staatsausgaben in allen Ressorts
- Verkleinerung des Staatsapparates, unter anderem über Frühverrentungsprogramme (nicht Teil der Megarreforma, aber Teil des Regierungsprogramms)
- Höhere Staatseinnahmen durch angestrebtes stärkeres Wirtschaftswachstum
Schnellere Verwaltungsverfahren
Ein zentrales Anliegen ist die Beschleunigung staatlicher Genehmigungs- und Verwaltungsverfahren. Dazu sollen sich die verschiedenen beteiligten Behörden besser untereinander abstimmen. Zudem sollen Gerichte verpflichtet werden, innerhalb von 60 Tagen auf projektbezogene Klagen zu reagieren. Bislang dauerte entsprechende Verfahren bis zu 20 Monate.
In dieselbe Richtung weist die bereits laufende Überprüfung von noch 35 (zuvor 43) unter der Vorgängerregierung verabschiedeten Umweltschutzdekreten. Die vorgesehenen Anpassungen sollen Investitionsvorhaben insbesondere in rohstoffnahen Sektoren beschleunigen.
Finanzierung über Sparmaßnahmen
Die Regierung möchte die Reformen vor allem durch niedrigere Staatsausgaben finanzieren. Sämtliche Ministerien müssen dazu beitragen. Weitere Einsparungen sollen durch einen reduzierten Staatsapparat erzielt werden. Gleichzeitig wird auf steigende Einnahmen gesetzt, sobald die Wirtschaft wieder zulegt.
Generell argumentiert die Regierung, dass die Reformen auch vor dem Hintergrund steigender fiskalischer Herausforderungen notwendig seien. Der Wirtschafts- und Sozialstabilisierungsfonds (FEES) beispielsweise verfügte Anfang 2026 nur noch über einen Marktwert von 3,9 Milliarden US$ und damit über deutlich geringere Reserven als wenige Jahre zuvor. Gleichzeitig stieg die Staatsverschuldung von rund 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2015 auf 41,5 Prozent Ende 2025. Im internationalen Vergleich bleibt die Verschuldung zwar moderat, der Anstieg reduziert jedoch den finanzpolitischen Handlungsspielraum des Staates.
Internationales Umfeld eröffnet Chancen
Die Reformagenda fällt in eine Phase tiefgreifender globaler Veränderungen. Die Energiewende, der Ausbau von Rechenzentren, höhere Verteidigungsausgaben sowie Investitionen in künstliche Intelligenz (KI) erhöhen weltweit den Bedarf an Kupfer, Lithium und weiteren kritischen Rohstoffen. Nach Angaben von Schneider Electric werden für ein Rechenzentrum mit einer Leistung von 1 Gigawatt rund 65.800 Tonnen Kupfer benötigt. S&P Global erwartet bis 2040 einen Anstieg des weltweiten Kupferbedarfs um 50 Prozent auf 42 Millionen Tonnen.
Als Land mit den weltweit größten Kupfer- und Lithiumreserven ist Chile gut positioniert, um von dieser Entwicklung zu profitieren. Gleichzeitig gewinnt die Erschließung weiterer Rohstoffe wie Kobalt oder Seltene Erden an Bedeutung.
Allerdings verschärft sich zugleich der Wettbewerb um Investitionen in Südamerika. Peru erlebt derzeit einen Bergbauboom, Argentinien wirbt mit dem Investitionsförderprogramm RIGI um neue Projekte, und Brasilien baut die Produktion strategischer Mineralien aus.
Balance zwischen China und den USA
Zusätzliche Herausforderungen ergeben sich aus der zunehmenden Rivalität zwischen den USA und China in Lateinamerika. Beide Staaten streben nach einem besseren Zugang zu strategischen Ressourcen zur Absicherung ihrer Lieferketten. Das eröffnet Chile Möglichkeiten, zusätzliche Investitionen anzuziehen, verlangt zugleich jedoch eine ausgewogene außenwirtschaftliche Positionierung zwischen seinem wichtigsten Handelspartner China und den politisch einflussreichen USA. Zuletzt signalisierten Vertreter der US-Entwicklungsfinanzierungsagentur DFC Interesse an Investitionen in kritische Mineralien, Verkehrsinfrastruktur, Gesundheit, Fintech und Landwirtschaft.