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Chile setzt auf Reformkurs und Rohstoffboom

Steuersenkungen, schnellere Genehmigungsverfahren und ein schlankerer Staat sollen Investitionen ankurbeln. Rückenwind kommt von der globalen Nachfrage nach Kupfer und Lithium.

Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile

Trotz guter Voraussetzungen wächst die chilenische Wirtschaft 2026 schwächer als erwartet. Viele bewerten die vergangenen vier Jahre unter der linksgerichteten Regierung von Gabriel Boric aus wirtschaftlicher Sicht als "verloren". Doch schon zuvor hatte Chile stark an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Dies zeigt das Ranking zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit des International Institute for Management Development. Zwar steht Chile lateinamerikaweit weiter auf Platz 1. Doch der Handlungsdruck ist groß.

43. Platz

belegte Chile 2026 in der IMD-Rangliste der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Im Jahr 2016 lag der Andenstaat noch auf Platz 36.

Mit dem Gesetzesvorhaben "Ley para la Reconstrucción Nacional y Desarrollo Económico y Social" will die neue chilenische Regierung unter dem seit März amtierenden Präsidenten José Antonio Kast nun eine umfassende wirtschaftspolitische Reformagenda aufsetzen. Die sogenannte "Megarreforma" umfasst Steuererleichterungen, Investitionsanreize und einen Umbau staatlicher Verfahren.

Ziel ist es, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und die Wettbewerbsfähigkeit Chiles nicht nur gegenüber regionalen Konkurrenten wie Peru, Argentinien oder Brasilien wieder zu stärken. Das Abgeordnetenhaus hat die Gesetzesvorlage bereits gebilligt. Gegenwärtig wird sie im Senat diskutiert. Allerdings sind hier die Mehrheitsverhältnisse schwieriger.

Steuererleichterungen für Unternehmen

Für Unternehmen stehen vor allem umfangreiche steuerliche Entlastungen im Mittelpunkt. Geplant ist eine Senkung der Unternehmensgewinnsteuer bis 2029 von derzeit 27 auf 23 Prozent (OECD-Durchschnitt 2025: 24,2 Prozent). Darüber hinaus soll die Steuer auf Kapitalgewinne, die aktuell 10 Prozent beträgt, vollständig entfallen. Investitionsprojekte mit einem Volumen von mindestens 50 Millionen US-Dollar (US$) sollen für 25 Jahre steuerliche Stabilität erhalten. Zudem sieht die Reform steuerliche Erleichterungen für die Rückführung von im Ausland erzielten Investitionsgewinnen vor. 

Auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie Privatpersonen sollen profitieren. Für die formale Einstellung neuer Mitarbeiter sind staatliche Zuschüsse vorgesehen. Im Wohnungsbau plant die Regierung eine zeitweilige Mehrwertsteuerbefreiung sowie zusätzliche Fördermittel. Allein die staatlichen Wohnungsbauhilfen nach den schweren Bränden der vergangenen Jahre sollen auf umgerechnet rund 435 Millionen US$ steigen. Darüber hinaus ist eine Grundsteuerbefreiung für selbst genutzte Wohnungen von Personen über 65 Jahren vorgesehen. 

Wichtige Maßnahmen im Überblick

Steuerpolitik

  • Senkung der Unternehmensgewinnsteuer von 27 auf 23 Prozent bis 2029
  • Vollständige Abschaffung der Steuer auf Kapitalgewinne (derzeit 10 Prozent)
  • Steuerliche Stabilitätsgarantie über 25 Jahre für Projekte ab 50 Millionen US$
  • Steuererleichterungen für die Rückführung im Ausland erzielter Investitionsgewinne

Arbeitsmarkt und Wohnungsbau

  • Zuschüsse für KMU bei der formalen Einstellung neuer Mitarbeiter
  • Ausweitung der Wohnungsbauhilfen auf rund 435 Millionen US$
  • Vorübergehende Mehrwertsteuerbefreiung für den Wohnungsbau
  • Grundsteuerbefreiung für selbst genutzte Wohnungen von Personen über 65 Jahren

Schnellere Genehmigungen

  • Synchronisierung von Genehmigungsprozessen verschiedener Behörden
  • Einrichtung einer interministeriellen Taskforce zur Beschleunigung von Verwaltungsverfahren
  • Verpflichtung von Gerichten, innerhalb von 60 Tagen auf projektbezogene Klagen zu reagieren
  • Überprüfung von 43 unter der Vorgängerregierung erlassenen Umweltschutzdekreten

Gegenfinanzierung

  • Kürzungen der Staatsausgaben in allen Ressorts
  • Verkleinerung des Staatsapparates, unter anderem über Frühverrentungsprogramme
  • Höhere Staatseinnahmen durch angestrebtes stärkeres Wirtschaftswachstum

 

Schnellere Verwaltungsverfahren

Ein zentrales Anliegen ist die Beschleunigung staatlicher Genehmigungs- und Verwaltungsverfahren. Dazu sollen Genehmigungsprozesse verschiedener Behörden besser aufeinander abgestimmt und eine interministerielle Taskforce eingerichtet werden. Zudem sollen Gerichte verpflichtet werden, innerhalb von 60 Tagen auf projektbezogene Klagen zu reagieren. Bislang konnten entsprechende Verfahren nach Angaben der Regierung bis zu 20 Monate dauern. 

In dieselbe Richtung weist die bereits laufende Überprüfung von 43 unter der Vorgängerregierung verabschiedeten Umweltschutzdekreten. Die vorgesehenen Anpassungen sollen Investitionsvorhaben insbesondere in rohstoffnahen Sektoren beschleunigen. 

Finanzierung über Sparmaßnahmen

Die Regierung möchte die Reformen vor allem durch niedrigere Staatsausgaben finanzieren. Sämtliche Ministerien müssen hierzu beitragen. Weitere Einsparungen sollen durch eine Verkleinerung des Staatsapparates erzielt werden. Gleichzeitig setzt die Regierung darauf, dass ein höheres Wirtschaftswachstum die Steuereinnahmen mittelfristig steigen lässt. 

Generell argumentiert die Regierung, dass die Reformen auch vor dem Hintergrund steigender fiskalischer Herausforderungen notwendig seien. Der Wirtschafts- und Sozialstabilisierungsfonds (FEES) beispielsweise verfügte Anfang 2026 nur noch über einen Marktwert von 3,9 Milliarden US$ und damit über deutlich geringere Reserven als wenige Jahre zuvor. Gleichzeitig stieg die Staatsverschuldung von rund 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2015 auf 41,5 Prozent Ende 2025. Im internationalen Vergleich bleibt die Verschuldung zwar moderat, der Anstieg reduziert jedoch den finanzpolitischen Handlungsspielraum des Staates. 

Internationales Umfeld eröffnet Chancen

Die Reformagenda fällt in eine Phase tiefgreifender globaler Veränderungen. Die Energiewende, der Ausbau von Rechenzentren, höhere Verteidigungsausgaben sowie Investitionen in künstliche Intelligenz (KI) erhöhen weltweit den Bedarf an Kupfer, Lithium und weiteren kritischen Rohstoffen. Nach Angaben von Schneider Electric werden für ein Rechenzentrum mit einer Leistung von 1 Gigawatt rund 65.800 Tonnen Kupfer benötigt. S&P Global erwartet bis 2040 einen Anstieg des weltweiten Kupferbedarfs um 50 Prozent auf 42 Millionen Tonnen. 

Als Land mit den weltweit größten Kupfer- und Lithiumreserven ist Chile gut positioniert, um von dieser Entwicklung zu profitieren. Gleichzeitig gewinnt die Erschließung weiterer Rohstoffe wie Kobalt oder seltene Erden an Bedeutung. 

Allerdings verschärft sich zugleich der Wettbewerb um Investitionen in Südamerika. Peru erlebt derzeit einen starken Bergbauboom, Argentinien wirbt mit dem Investitionsförderprogramm RIGI um neue Projekte, und Brasilien baut seine Produktion strategischer Mineralien aus. 

Vor diesem Hintergrund rücken vormals typisch chilenische Vorzüge wie politische Stabilität, Rechtssicherheit und effiziente Genehmigungsverfahren wieder stärker in den Fokus der Standortpolitik. Ob Chile seine Chancen nutzen kann, hängt entscheidend davon ab, ob die angekündigten Steuererleichterungen, die Beschleunigung von Genehmigungen und die Konsolidierung der Staatsfinanzen tatsächlich umgesetzt werden. Allerdings adressieren die angesprochenen Themen genau die Punkte, die auch viele deutsche Investoren in Chile seit Jahren bemängeln.

Cornelia Sonnenberg Geschäftsführerin der AHK in Santiago de Chile

Balanceakt zwischen China und den USA

Zusätzliche Herausforderungen ergeben sich aus der zunehmenden Rivalität zwischen den USA und China in Lateinamerika. Beide Staaten streben nach einem besseren Zugang zu strategischen Ressourcen zur Absicherung ihrer Lieferketten. Für Chile eröffnet dies Möglichkeiten, zusätzliche Investitionen anzuziehen, verlangt zugleich jedoch eine ausgewogene außenwirtschaftliche Positionierung zwischen seinem wichtigsten Handelspartner China und den politisch einflussreichen USA. Zuletzt signalisierten Vertreter der US-Entwicklungsfinanzierungsagentur DFC Interesse an Investitionen in kritische Mineralien, Verkehrsinfrastruktur, Gesundheit, Fintech und Landwirtschaft.