Wirtschaftsumfeld | Ukraine | Wirtschaftsstruktur
Krieg verändert Struktur der ukrainischen Wirtschaft
Wirtschaftszweige gewinnen an Bedeutung, die für die Verteidigung des Landes und für die Exportwirtschaft wichtig sind. Regionen fernab der Front werden wichtiger.
30.03.2026
Von Waldemar Lichter | Warschau
Der Krieg hat die Wirtschaftsstruktur der Ukraine tiefgreifend verändert. Sie wandelt sich kriegsbedingt von einer rohstoff- und agrargeprägten hin zu einer stärker dienstleistungs- und rüstungsorientierten Volkswirtschaft. Wo vor 2022 Schwerindustrie, Metallurgie und Landwirtschaft die tragenden Säulen bildeten, verschiebt sich der Schwerpunkt zunehmend Richtung Dienstleistungen und verarbeitende Industrie.
Krieg schwächt ehemalige Spitzenbranchen
Der deutlichste strukturelle Verlierer sind Bergbau und Metallurgie. Ihr Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) geht zurück. Ursache ist vor allem der Verlust der Stahlwerke in Mariupol (Iljitsch und Asowstal), die rund 40 Prozent der ukrainischen Stahlproduktion ausmachten. Hinzu kommen verdoppelte Stromkosten – 70 Prozent der Stromerzeugungskapazitäten sind zerstört oder nicht verfügbar, sowie der Verlust von 15 bis 20 Prozent der Belegschaft durch Mobilisierung und mindestens verdoppelte Logistikkosten.
Auch die Landwirtschaft hat an Gewicht verloren. Ihr Anteil am BIP ohne Forstwirtschaft und Fischerei fiel von über 10 Prozent (2021) auf 7,1 Prozent (2024). Rund 25 Prozent des Staatsgebiets sind vermint, bis zu sieben Millionen Hektar Ackerland nicht nutzbar. Die Anbauflächen für Weizen, Mais und Gerste liegen 27 bis 37 Prozent unter dem Vorkriegsniveau. Gleichzeitig stieg der Anteil der Agrarprodukte an den Gesamtexporten auf rund 56 Prozent (2025) – weil die Metallexporte noch stärker einbrachen.
Sektoren | Anteil am BIP |
|---|---|
Dienstleistungen, darunter: | 69,6 |
| Öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung | 23,3 |
| Groß- und Einzelhandel | 13,8 |
| Transport, Lager, Post | 5,3 |
| Information und Kommunikation | 4,7 |
| Finanz- und Versicherungsdienstleistungen | 3,5 |
Verarbeitendes Gewerbe | 9,7 |
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei | 8,4 |
| Energie-, Wasser- und Abfallwirtschaft | 5,7 |
| Bergbau | 4,6 |
Baugewerbe | 2,0 |
Neue Vorzeigesektoren entstehen
Demgegenüber stehen einige Gewinnerbranchen. Der Dienstleistungssektor dominiert mit einem Anteil von fast 70 Prozent am BIP. Die Informations- und Telekommunikationsbranche (IKT) spielt dabei eine Schlüsselrolle: Der IT-Sektor erwirtschaftete 2024 einen Umsatz von etwa 6,5 Milliarden Euro und beschäftigte 303.000 Fachkräfte. Sein Anteil an den Dienstleistungsexporten erreichte im 1. Halbjahr 2025 rund 43 Prozent.
Die markanteste Verschiebung betrifft die Verteidigungsindustrie. Ihr Produktionsvolumen verzehnfachte sich seit 2022 und erreichte 2024 ein Volumen von rund 10 Milliarden US$. In diesem Sektor sind inzwischen rund 800 staatliche und private Unternehmen tätig – darunter zahlreiche ausländische Hersteller. Da dieser Industriebereich zum Maschinenbau zählt, steigt der Anteil dieser Sparte an den Industrieumsätzen: von unter 6 Prozent in 2021 auf über 9 Prozent in den ersten elf Monaten 2025.
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Unternehmen orientieren sich nach Westen
Der Krieg hat die wirtschaftsgeografische Landkarte der Ukraine grundlegend verändert. Westliche und zentrale Regionen (im Ukrainischen Oblasten) entwickeln sich zu wirtschaftlichen Hubs mit hoher Investorennachfrage. Die Standorte im Osten und Süden leiden hingegen unter dem unmittelbaren Sicherheitsrisiken.
- Kyjiw behält als politisches und wirtschaftliches Zentrum seine dominante Stellung. Die Hauptstadtregion zeichnen die höchste Wirtschaftsleistung, die größten Investitionszuflüsse und eine breite Branchenbasis aus.
- Im Osten des Landes bleibt Dnipropetrowsk ein bedeutender Industrie- und Logistikstandort mit Schwerpunkten in Metallurgie und Maschinenbau.
- Charkiw wird trotz Frontnähe weiterhin als strategischer Technologie- und Industriehub eingeordnet, verfügt über eine starke Hochschul- und Forschungsbasis und das dort ansässige IT- und Hightech-Cluster zählt landesweit zu den am weitesten entwickelten.
- Im Süden fungiert Odessa als Transitknotenpunkt mit Hafeninfrastruktur, Logistik und Potenzial für grüne Energie. Aber das Gravitationszentrum verschiebt sich spürbar nach Westen.
- Lwiw entwickelt sich zur zweitgrößten Wirtschaftsregion der Ukraine. Sie wird zum dynamischen Industrie-, IT- und Logistikzentrum mit starker EU-Anbindung. Sie bietet hohes Investitionspotenzial, da die Kriegsschäden vergleichsweise gering sind, die Baunachfrage steigt und eine große Finanzierungslücke besteht. Auch deutsche Unternehmen wissen dies zu schätzen: Leoni betreibt zwei große Kabelbaumwerke in der Oblast. Die benachbarte Region Iwano-Frankiwsk hofft von diesem Erfolg zu profitieren.
- Im Zentrum des Landes hat sich Winnyzja als besonders investorenfreundlicher Standort mit Industriepark, IT- und Technologiepark sowie einem starken Cluster für landwirtschaftliche Produktion und Verarbeitung etabliert. Die Region zählt zu den leistungsstärksten Agrarexportgebieten des Landes.
Deutsche Unternehmen folgen den Trends
Auch deutsche Unternehmen entziehen sich nicht der Verlegung des Wirtschaftsschwerpunkts. Trotz des andauernden Krieges engagieren sich zahlreiche Firmen im Land – nicht nur als Lieferanten, sondern auch mit Direktinvestitionen und Produktionskapazitäten. Ein anschauliches Beispiel für diese Entwicklung liefert das deutsch-tschechische Unternehmen Time&Space Ukraine, das im westukrainischen Stryi für internationale Kunden fertigt.
"Die Ukraine ist ein außergewöhnlicher Standort. Neben geringeren Kosten finden wir hier qualifizierte, lernfähige und zuverlässige Mitarbeitende",
sagt Michaela Macharik, Geschäftsführerin des Auftragsfertigers. Natürlich brächte der Krieg Unsicherheiten mit sich, die Standortattraktivität bliebe aber weiter hoch. Die Ukraine sei längst kein klassisches Billiglohnland mehr, erklärt Macharik: "Sondern ein Produktionsstandort, der Effizienz, Qualität und Einsatzbereitschaft verbindet".
Das Land bleibt ein attraktiver Zukunftsmarkt und potenzieller Investitionsstandort. Geschätzt werden qualifizierte Arbeitskräfte, wettbewerbsfähige Produktionskosten und die strategische Lage des Nearshoring-Standorts. Die EU‑Beitrittsverhandlungen versprechen eine schrittweise Annäherung an EU‑Standards. Das bilaterale Handelsvolumen hat weiter deutlich zugelegt: Deutsche Exporte in die Ukraine übertreffen den Warenverkehr mit Russland inzwischen klar.