Sie sind ein ausländisches Unternehmen, das in Deutschland investieren möchte?

Wirtschaftsausblick | Ungarn

Ungarns Wirtschaft wartet auf die Wende

Die wirtschaftliche Stagnation hält an. Für 2026 sind die Aussichten auf eine Erholung gut. Ein möglicher Regierungswechsel könnte für zusätzliche Wachstumsimpulse sorgen. 

Von Kirsten Grieß | Budapest

Top-Thema: Die Wirtschaft schaut auf die Wahlen

Der Markt preist den politischen Wechsel in Ungarn längst ein: Der festere Forint deutet laut K&H-Bank darauf hin, dass Händler mit einer Niederlage von Ministerpräsident Viktor Orbán rechnen. In vielen Umfragen liegt die Tisza-Bewegung des Orbán-Herausforderers Péter Magyar vorn - zuletzt mit 45 zu 38 Prozent. Bis zur Parlamentswahl im April 2026 kann sich das Blatt wenden, doch erstmals seit 16 Jahren scheint ein Regierungswechsel möglich.

Analysten erwarten im Falle eines Oppositionssiegs wirtschaftliche Impulse, kurzfristig vor allem durch die Freigabe blockierter EU-Gelder. Magyar könnte zudem den Weg in Richtung Euro öffnen. Industriepolitisch kündigt Tisza einen Kurswechsel an: Die starke Abhängigkeit von der Automobilindustrie soll sinken. Fraglich bleibt, wie handlungsfähig die nächste Regierung wäre.

Denn der Verlust der Zweidrittelmehrheit gilt als wahrscheinlich. Mit einfacher Mehrheit wären die politischen Spielräume aber begrenzt. Dabei stehen harte Entscheidungen an: Unabhängig vom Wahlausgang muss Budapest die Ausgaben rasch senken, um das Haushaltsdefizit von fast 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) abzubauen und die Kreditwürdigkeit des Landes zu sichern.

EU-Förderung 2021 bis 2027

Ungarn kann bis 2027 rund 22 Milliarden Euro an Kohäsionsmitteln der EU und bis 2026 Zuschüsse über 5,8 Milliarden Euro sowie Kredite in Höhe von 3,9 Milliarden Euro aus dem EU-Wiederaufbaufonds abrufen. Brüssel blockiert die Auszahlung seit 2022 aufgrund von Defiziten bei der Rechtsstaatlichkeit und der Korruptionsbekämpfung. Ende 2023 erhielt Ungarn 1 Milliarde Euro aus dem Wiederaufbaufonds und trotz öffentlicher Kritik 10 Milliarden Euro aus dem Kohäsionsfonds. Eine Klage dagegen ist anhängig. Da die Reformbemühungen weiter als unzureichend gelten, könnte Ungarn sämtliche Wiederaufbaumittel und auch Teile der Kohäsionsmittel verlieren.

Wirtschaftsentwicklung: Die Konjunkturwende ist 2026 möglich

Bankenanalysten rechnen für 2026 mit einem Wachstum des BIP zwischen 2 und 3 Prozent, die Regierungsprognose liegt bei 3 Prozent. Damit rückt die lang erhoffte konjunkturelle Wende in greifbare Nähe - auch aus regierungsunabhängiger Perspektive. 

Im Jahr 2025 bleibt die Erholung jedoch aus: Die Wirtschaft wird das dritte Jahr in Folge stagnieren. Die offizielle Wachstumserwartung von über 3 Prozent wurde im Jahresverlauf mehrfach nach unten korrigiert. Der BIP-Zuwachs könnte letztlich bei etwa 0,5 Prozent liegen. Vor allem die Hoffnung auf eine industrielle Belebung erfüllte sich nicht. Getragen wird die Konjunktur bislang vor allem durch private und staatliche Ausgaben.

Der private Konsum wächst weiter 

Gestützt durch großzügige Wahlgeschenke dürfte der private Konsum auch 2026 der wichtigste Wachstumstreiber bleiben - zumindest bis zur Jahresmitte. Mit zeitlichem Abstand zur Wahl könnten einzelne Steuererleichterungen und Vergünstigungen gestrichen werden. Die ungarische Nationalbank (MNB) rechnet für 2026 mit einem Plus der Konsumausgaben von 4,4 Prozent und mit Reallohnzuwächsen von 4,5 Prozent.

Gefährdet wird die Konsumdynamik durch die Inflation. Für dieses Jahr erwartet die MNB eine durchschnittliche Teuerung von 4,6 Prozent. Staatliche Preisbegrenzungen halten die Inflation seit dem Frühjahr künstlich niedrig, dürften aber nach der Wahl auslaufen. Für 2026 wird ein moderateres Preiswachstum prognostiziert. Doch durch das Auslaufen der Preisdeckel rechnen Analysten mit einer Inflation von rund 4 Prozent.

Die Investitionen ziehen langsam an

Neue Investitionsimpulse kommen voraussichtlich von den 2025 eingeführten staatlich subventionierten Unternehmenskrediten und Kapitalprogrammen. Ein Vorzugskredit für den privaten Wohnungskauf könnte die Hypothekenvergabe um bis zu 30 Prozent steigern, schätzt die österreichische Erste Bank. Das dürfte auch den Wohnungsbau ankurbeln. Bewegung könnte zudem in die staatlichen Infrastrukturinvestitionen kommen: Ungarn rechnet im Frühjahr 2026 mit hohen Vorauszahlungen aus dem SAFE-Programm, der EU-Kreditfazilität für Verteidigung.

Im 1. Halbjahr 2025 blieb die Investitionstätigkeit schwach, der Rückgang verlangsamte sich jedoch. Zur Jahresmitte schrumpften die Bruttoanlageinvestitionen auf Quartalsbasis nur noch um 1,1 Prozent, was Analysten als Signal einer allmählichen Bodenbildung werten. Auch die Unternehmensstimmung hellt sich auf: Der GKI-Index stieg im Oktober den dritten Monat in Folge. Für 2026 erwartet die MNB ein Investitionswachstum von 2 Prozent, das sich 2027 auf rund 4 Prozent beschleunigen soll.

Die Produktionsleistung könnte steigen

Für das verarbeitende Gewerbe ist 2026 zwar keine Trendwende in Sicht, doch die Produktionsleistung könnte spürbar anziehen. Neue Elektroautowerke von BMW und BYD sowie eine Batteriefabrik des chinesischen Branchenriesen CATL stehen vor dem Hochlauf. Ihr Ausstoß und Aufträge für Zulieferer dürften die Produktion antreiben.

Seit 2023 steckt die Industrie in der Krise. Betroffen sind nahezu alle Branchen, einschließlich der bislang robusten Kfz-Industrie. Offen bleibt, wie stark die Erholung ausfällt: BMW hat Ende Oktober die Serienproduktion des neuen iX3 gestartet, BYD verschob den Werkseröffnung jedoch auf das 2. Quartal 2026. Bei CATL wiederum kursieren Gerüchte, dass geplante Ausbauphasen auf Eis liegen.

Die Exporte erholen sich, Risiken bleiben

Die ungarischen Ausfuhren könnten 2025 wieder leicht zulegen. In den ersten acht Monaten stiegen die weltweiten Warenexporte gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 1,4 Prozent. Die Lieferungen nach Deutschland wuchsen mit 0,6 Prozent etwas langsamer.

Das könnte sich 2026 fortsetzen. Vor allem die Fahrzeugexporte sollten dank der neuen Produktionskapazitäten anziehen. Voraussetzung ist jedoch eine wachsende Nachfrage auf wichtigen Exportmärkten, allen voran in Deutschland. Handelspolitische Risiken bleiben bestehen.

Deutsche Perspektive: Zuversicht mit Vorbehalten

Deutsche Unternehmen investieren in Ungarn derzeit vor allem in Werkserweiterungen. Zahlreiche namhafte Hersteller realisieren Projekte im zweistelligen Millionenbereich. Unternehmen wie Rheinmetall, Siemens Mobility und Mercedes-Benz bauen zudem Forschungsaktivitäten auf. Insgesamt sprechen die Aktivitäten für ein anhaltend hohes Vertrauen in den Standort.

Ganz ungetrübt ist das Bild aber nicht: In der Herbstbefragung der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer (DUIHK) verweisen Mitgliedsunternehmen erneut auf schwierige wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen – etwa fehlende Berechenbarkeit und Transparenz von Regierungsentscheidungen. Viele blicken mit Spannung auf die Wahlen im Frühjahr, die den Kurs des Landes maßgeblich prägen könnten.

 

nach oben
Feedback
Anmeldung

Bitte melden Sie sich auf dieser Seite mit Ihren Zugangsdaten an. Sollten Sie noch kein Benutzerkonto haben, so gelangen Sie über den Button "Neuen Account erstellen" zur kostenlosen Registrierung.