Wirtschaftsausblick | Äthiopien

Treibstoffknappheit belastet Äthiopiens Konjunktur

Der Irankrieg bremst Äthiopiens Wachstum. Reformen öffnen den Markt, doch hohe Steuern, teure Importe und politische Risiken erschweren das Geschäft für Unternehmen.

Von Carsten Ehlers | Nairobi

Top Thema: Großprojekt Flughafen Bishoftu soll Luftverkehrskapazitäten stark ausweiten

Der Bau des Bishoftu International Airport (BIA) begann im Januar 2026. Seine Fertigstellung ist für 2030 geplant. Das Projekt zählt bereits zu den größten Infrastrukturvorhaben Afrikas. Für rund 10,7 Milliarden US‑Dollar (US$) entsteht nahe Bishoftu, etwa 45 Kilometer südöstlich von Addis Abeba, ein neuer internationaler Hub. Er soll den überlasteten Flughafen Bole ersetzen.

Der neue Airport ist zunächst auf 60 Millionen Passagiere jährlich ausgelegt und wäre damit Afrikas größter Flughafen. Für Ethiopian Airlines ist das Projekt ein strategischer Schritt zur Stärkung ihrer Marktposition. Konkurrenten wie South African Airways und Kenya Airways kämpfen seit Jahren mit finanziellen Schwierigkeiten.

Eine Hochgeschwindigkeitsbahn soll den von Zaha Hadid Architects entworfenen Airport mit der Hauptstadt verbinden. Trotz vorrangig lokaler Beschaffung von Baustoffen wie Beton und Stahl bleibt der Importbedarf bei Technik und Systemlösungen hoch. Daraus ergeben sich Geschäftsmöglichkeiten für Anbieter aus den Bereichen Flughafen-, Sicherheits- und Automatisierungstechnik.

Wirtschaftsentwicklung: Strukturelle Reformen stützen Wachstum, hohe Importpreise und Steuern bremsen

Äthiopien ist aufgrund seiner Nähe zur arabischen Halbinsel vom Irankrieg besonders betroffen. Das Land leidet seit April 2026 unter Treibstoffknappheit. Steigende Preise für Einfuhrgüter, insbesondere bei Treibstoff, importieren Inflation und dämpfen den Konsum. Hinzu kommt, dass die Golfstaaten in den letzten Jahren in Äthiopien zunehmend investiert haben. Experten befürchten, dass ihre Investitionen nun zurückgehen. 

Mehrere Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognose für das äthiopische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2026 gesenkt. Economist Intelligence Unit (EIU) erwartet nun 6,6 Prozent statt 7,6 Prozent zu Jahresbeginn. Dennoch bleibt das Wachstum im afrikanischen Vergleich hoch.

Mehrere Faktoren stützen die Entwicklung. Die Flexibilisierung des Wechselkurses Mitte 2024 verbesserte die Devisenverfügbarkeit. Die Inflation ist rückläufig. Die Statistikbehörde meldete für April 2026 eine Rate von 11,7 Prozent. Das liegt über dem Wert zu Jahresbeginn, jedoch deutlich unter den mehr als 30 Prozent bis Mitte 2024.

Darüber hinaus entwickeln sich derzeit der Bausektor und der Goldbergbau sehr dynamisch. 

Wahlen festigen Reformkurs der Regierung

Am 1. Juni 2026 fanden in Äthiopien Wahlen statt. Beobachter gehen davon aus, dass die Partei von Premierminister Abiy Ahmed die Mehrheit im Parlament behält und er im Amt bestätigt wird. Ahmed treibt seit mehreren Jahren Reformen voran, die die Wirtschaft liberalisieren und den Handel auch für Ausländer öffnen. Ausländische Unternehmen dürfen erstmals eigene Vertriebsniederlassungen gründen. Internationale Supermarktketten erhalten Zugang zum Einzelhandel. Zuvor waren Importlizenzen ausschließlich äthiopischen Akteuren vorbehalten.

Darüber hinaus wird der Finanzsektor liberalisiert. Der Internationale Währungsfonds begrüßt diesen Kurs und knüpft seine umfangreichen Finanzhilfen für den hochverschuldeten Staat an entsprechende Reformen.

Unternehmen sehen steigende Belastungen und strukturelle Risiken

Die Rahmenbedingungen bleiben für Unternehmen anspruchsvoll. Die Landeswährung Birr verliert weiter an Wert. Gleichzeitig erhöht der Staat seine Einnahmen, auch über neue Steuern. Unternehmen in Addis Abeba berichten von intransparenten und teils hohen Steuerforderungen. Das beeinträchtigt Planungssicherheit und Investitionen. Die negative Leistungsbilanz bleibt ein strukturelles Problem. Die Regierung will die Exporte steigern. Neben Gold, Kaffee, Blumen und Khat setzt sie auf Strom, Mineralien und Tourismus.

Die politische Stabilität bleibt fragil. In der Region Amhara liegt die Wirtschaft nach Einschätzung von Kennern seit Jahren weitgehend brach. Auch in Teilen Tigrays und Oromias bleibt die Sicherheitslage angespannt. 

Deutsche Perspektive: Exporte bleiben schwach trotz Marktpotenzial

Mit rund 130 Millionen Einwohnern ist Äthiopien einer der größten Märkte Afrikas, zugleich aber wenig erschlossen. Damit bietet er auch für deutsche Unternehmen großes Potenzial.

Die deutschen Ausfuhren nach Äthiopien sind in den vergangenen Jahren jedoch spürbar gesunken. Dieser Trend setzt sich auch 2026 fort. Im 1. Quartal lagen die deutschen Exporte bei 26,1 Millionen Euro. Das entspricht einem Rückgang von etwa 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im regionalen Vergleich fällt Äthiopien hinter kleinere Märkte wie KeniaTansania und Uganda zurück. Der Wertverlust des Birr am Devisenmarkt verteuert Importe aus Deutschland. Hinzu kommt eine in vielen Branchen hohe Dominanz chinesischer Produkte.

Noch vor wenigen Jahren galt Äthiopien als einer der aussichtsreichsten Investitionsstandorte in Ostafrika. Die wirtschaftlichen und politischen Risiken haben das Interesse deutscher Unternehmen jedoch gedämpft. Nur wenige deutsche Unternehmen sind mit eigener Präsenz vertreten. Die meisten arbeiten mit lokalen Distributoren.