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Polen holt im Außenhandel zu Frankreich auf
Polen hat bereits Italien und China als größte deutsche Handelspartner überholt. Im Jahr 2026 könnte das Land sogar an Frankreich vorbeiziehen - wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
12.01.2026
Von Christopher Fuß, Frauke Schmitz-Bauerdick | Warschau, Paris
Nur noch 4,8 Milliarden Euro trennen Polen und Frankreich in der Rangfolge der wichtigsten deutschen Außenhandelspartner. Das zeigt eine aktuelle Hochrechnung von Germany Trade and Invest (GTAI), basierend auf Daten des Statistischen Bundesamts (Destatis).
Während Deutschlands Handelsvolumen mit Frankreich 2025 voraussichtlich nur um 1,6 Prozent auf 185 Milliarden Euro gewachsen ist, legt Polen um 5,5 Prozent auf 180,2 Milliarden Euro deutlich stärker zu. Frankreich verteidigt damit knapp seinen Platz als viertgrößter Außenhandelspartner Deutschlands - vor Polen auf Platz 5. Das Handelsvolumen umfasst Importe und Exporte.
Der wichtigste Treiber der polnischen Aufholjagd ist die positive wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Laut Prognosen der Europäischen Kommission wächst Polens Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2026 um 3,5 Prozent, während Frankreich lediglich ein Miniplus von 0,9 Prozent erreicht.
Wachstum dank Investitionsprogrammen
Die Dynamik in Polen hilft dem Export deutscher Unternehmen. Laut Destatis stiegen zwischen Januar und September 2025 beispielsweise die Ausfuhren in der Warengruppe elektrische Maschinen und Geräte um 7,4 Prozent. Zu dieser Kategorie gehören unter anderem Elektroschalter, Spannungstechnik und Ausrüstung für Umspannwerke. Polen benötigt diese Produkte bei der Modernisierung seiner Stromversorgung.
Noch deutlicher fällt das Wachstum bei Schienenfahrzeugen und deren Komponenten aus. Hier kletterten die deutschen Exporte nach Polen um 25,5 Prozent, getrieben durch Investitionsprogramme der polnischen Eisenbahnverkehrsunternehmen.
In Frankreich hingegen geraten öffentliche und private Investitionen ins Stocken. Hintergrund sind die angespannte Haushaltslage und die unsichere innenpolitische Situation. Die obendrein schwache Kauflaune wirkt sich auf den wichtigen Automobilmarkt aus: Deutsche Fahrzeugexporte nach Frankreich gingen zwischen dem 1. und 3. Quartal 2025 um 8,8 Prozent zurück.
Es gibt jedoch Lichtblicke. Die Ausfuhren von Luft- und Raumfahrttechnik aus Deutschland nach Frankreich stiegen im gleichen Zeitraum um 38,5 Prozent. Dahinter stehen sicherheits- und verteidigungspolitische Projekte, mit denen Frankreich auf die Bedrohung durch Russland reagiert.
Die Auftragsbücher von Unternehmen wie Airbus, Dassault oder Safran sind gut gefüllt. Davon profitieren deutsche Zulieferer. Parallel entstehen neue Kooperationen: So hat das deutsche Verteidigungs-Start-up Helsing eine strategische Partnerschaft mit dem französischen KI-Unternehmen Mistral unterzeichnet.
Infrastruktur und Verteidigung sind Top-Themen in Polen
Ob solche Initiativen ausreichen, damit Frankreich seinen Rang als viertgrößter deutscher Handelspartner 2026 behaupten kann, ist jedoch offen. Polen lauert bereits. Das Land kündigt für 2026 eine Reihe großer Ausschreibungen an. Sollten sich deutsche Unternehmen hier als Lieferanten oder Technologiepartner durchsetzen, könnte Frankreichs Platz 4 tatsächlich unter Druck geraten.
Zu den wichtigsten Projekten in Polen gehört der geplante Großflughafen CPK, den Premierminister Donald Tusk Ende 2025 in "Port Polski" umbenannt hatte. Im Laufe des Jahres 2026 will die staatliche Projektgesellschaft entscheiden, wer das Terminal bauen wird. Der deutsche Baukonzern Hochtief bewirbt sich gemeinsam mit einem polnischen Partner um den Auftrag. Bereits zuvor hatte das Nürnberger Unternehmen Vanderlande Logistics GmbH den Zuschlag für die Gepäckförderanlage erhalten.
Auch im Bahnsektor geht die Modernisierung weiter. Das staatliche Beförderungsunternehmen PKP Intercity veröffentlichte Ende 2025 eine Ausschreibung für 20 Hochgeschwindigkeitszüge. Der deutsche Hersteller Siemens Mobility zeigt Interesse an dem Auftrag. Parallel dazu kündigte der Schienennetzbetreiber PKP PLK für das Jahr 2026 an, Bauprojekte im Wert von 2,3 Milliarden Euro zu veröffentlichen.
Polen finanziert viele der Investitionen mit EU-Geldern. Das Land wird 2026 laut der zuständigen Ministerin Katarzyna Pełczyńska-Nałęcz rund 42,7 Milliarden Euro aus Brüssel erhalten, so viel wie nie zuvor. Der Grund: Es ist das letzte Jahr, in dem Polen Mittel aus dem Corona-Wiederaufbaufonds abrufen darf.
Der Verteidigungssektor könnte ebenfalls neue Impulse für den Außenhandel setzen. Polens größter Rüstungskonzern PGZ unterzeichnete im Oktober 2025 eine Absichtserklärung mit Rheinmetall. Beide Unternehmen wollen ein Produktionszentrum für Unterstützungsfahrzeuge aufbauen. Das Vorhaben könnte 2026 konkrete Formen annehmen.
Ein weiterer Faktor im deutsch-polnischen Handel ist die Entwicklung der Konsumausgaben Polens. Die positive Stimmung der Verbraucher stärkt insbesondere die Textilbranche. Der Online-Modehändler Breuninger bezeichnet Polen mittlerweile als einen seiner strategisch wichtigsten E-Commerce-Märkte.
Frankreich überzeugt als Digital-Standort
Doch auch Frankreich bietet 2026 Chancen. Trotz knapper öffentlicher Mittel bleibt der Energiesektor auf Wachstumskurs. Großaufträge im Bereich Netzausbau und erneuerbare Energien eröffnen Möglichkeiten für Zulieferer von Maschinen und Komponenten. Gleichzeitig prognostiziert das französische Statistikamt INSEE eine Belebung des Fahrzeugmarkts. Kunden würden aufgeschobene Käufe aus dem Vorjahr nachholen.
Auch die Digitalwirtschaft bleibt ein Wachstumsfeld. Der französische Iliad-Konzern plant ein großes Rechenzentrum auf dem Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerks Montereau Vallée de la Seine. Bereits 2027 soll die Anlage im Wert von 4 Milliarden Euro den Betrieb aufnehmen. Deutsche Unternehmen könnten hier unter anderem bei Gebäudetechnik, Energieeffizienz und Luftreinhaltung zum Zuge kommen. Zudem wird spannend sein, wie sich die 2025 vereinbarte Kooperation zwischen dem deutschen Softwareentwickler SAP und dem französischen KI-Unternehmen Mistral weiterentwickelt.
Sondervermögen des Bundes lockt Firmen an
Das zukünftige Handelsvolumen zwischen Deutschland und Frankreich hängt jedoch nicht nur vom Export ab, sondern auch vom Import. Große französische Baukonzerne wie Vinci und Eiffage hoffen auf Großaufträge aus dem deutschen Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität. Polnische Firmen stehen ebenfalls in den Startlöchern. Der Energiespezialist Polimex Mostostal setzt darüber hinaus auf neue Absatzchancen beim geplanten Bau von Gaskraftwerken in Deutschland.
Damit scheint für Polen und Frankreich klar: Wer von beiden in Zukunft den 4. Platz in der Rangfolge der deutschen Außenhandelspartner einnehmen wird, hängt auch davon ab, wer mehr Großaufträge aus Deutschland ergattern wird.