Wirtschaftsausblick | Singapur
Singapur rechnet 2026 mit geringerem Wachstum
Die Wirtschaft Singapurs schlägt sich wacker trotz globaler Turbulenzen. Für deutsche Firmen bleibt der Standort attraktiv, doch die Konkurrenz wird intensiver.
20.04.2026
Von Alexander Hirschle | Singapur
Top-Thema: Wachsende Konkurrenz durch China erfordert neue Strategien
In Singapur wie auch in den anderen zehn Staaten des Verbands Südostasiatischer Nationen (Association of Southeast Asian Nations; ASEAN) wächst der Wettbewerbsdruck für deutsche Firmen durch Produkte aus China. Neben Konsumgütern gewinnen mittlerweile auch Restaurant- und Caféketten aus dem Reich der Mitte an Popularität. Auf dem Markt für Pkw haben chinesische Hersteller innerhalb von nur rund zwei Jahren die Marktführerschaft erobert und kamen 2025 auf knapp 20 Prozent der Neuregistrierungen. Viele Firmen aus China wie zum Beispiel Labubu nutzen Singapur als Sprungbrett in die Region. Die aktuelle US-Handelspolitik dürfte diese Entwicklung weiter verstärken. Um ihre Kapazitäten auszulasten, werden chinesische Akteur mit ihren Produkten stärker nach Südostasien ausweichen.
Nischen für Qualitätsprodukte "made in Germany" werden kleiner, wobei deutsche Unternehmen weiterhin gute Absatzchancen in Bereichen mit hohen Sicherheits- und Präzisionsanforderungen haben. Angesichts des intensiven Wettbewerbs reagieren einige Firmen mit unterschiedlichen Produktlinien und versuchen schnellere Lieferzeiten zu garantieren. Eine stärkere Präsenz vor Ort hilft zudem, Kundenkontakte aufzubauen.
Wie die anderen ASEAN-Länder strebt auch Singapur in Folge der US-Handelspolitik eine stärkere Diversifizierung seiner Handelspartner an, um der ökonomischen Umklammerung durch die USA und China zu entkommen. Nicht nur die Wirtschaftsbeziehungen mit Ländern in Afrika und Lateinamerika sollen künftig eine größere Rolle spielen. Auch das Interesse an Kooperation und Handel mit verlässlichen Partnern wie der EU und Deutschland dürfte künftig steigen.
Wirtschaftsentwicklung: Wachstumsdynamik lässt leicht nach
Die Wirtschaft Singapurs zeigt sich widerstandsfähiger als erwartet. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat im Jahr 2025 überraschend stark um 5 Prozent zugelegt. Die Auswirkungen des Krieges am Persischen Golf trüben allerdings die Erwartungen für das Jahr 2026, denn Friktionen im Welthandel treffen die kleine, offene Volkswirtschaft besonders. Ökonomen rechnen in den kommenden Monaten mit einer Anpassung der offiziellen Wachstumsprognose, die Anfang 2026 noch bei 2 bis 4 Prozent lag.
Der Stadtstaat bezieht 50 Prozent seiner Rohölimporte aus der Golfregion und ist drittgrößter Handelsumschlagplatz für Erdöl weltweit. Singapur hat zudem den größten Bunkerhafen der Welt und damit eine zentrale Bedeutung für die Treibstoffversorgung im internationalen Schiffsverkehr. Gestiegene Preise für Lebensmittel und Energie treiben die Inflation an und drücken auf den Konsum. Auch die Effekte der US-Handelspolitik auf wichtige Branchen wie Großhandel, Logistik und Transport dürften sich 2026 vollumfänglich zeigen.
Die verarbeitende Industrie präsentiert sich dynamisch. Der globale Boom der künstlichen Intelligenz (KI) sorgt für eine hohe Nachfrage nach Halbleitern und Elektronik und erhöht die Investitionstätigkeit. Unter anderem will Microsoft 5,5 Milliarden US-Dollar (US$) in die Ausweitung seiner KI-Infrastruktur in Singapur stecken.
Zukunftssektoren sichern Wachstum
Das mittelfristige Potenzialwachstum Singapurs liegt bei rund 2,5 Prozent pro Jahr. Auch langfristig sollen hohe Produktivitätsgewinne, Offenheit für die Nutzung digitaler Technologien, sehr gut aufgestellte öffentliche Institutionen und Infrastruktur sowie ein starker Fokus auf Bildung für überdurchschnittliches Wachstum sorgen, so eine Studie der DBS Bank.
Singapurs Regierung setzt dafür gezielt auf die Entwicklung von Zukunftssektoren und versucht die internationale Position des Stadtstaats in Bereichen wie Finanzdienstleistungen, KI, Präzisionsmedizin oder modernen Fertigungstechnologien auszubauen. Für deutsche Firmen ergeben sich daraus Kooperations- und Geschäftschancen, zum Beispiel bei 3D-Druck, Automatisierung, Halbleitern, Raumfahrt, nachhaltigen Materialien und Dekarbonisierung in der Industrie sowie KI-gestützter Diagnostik.
In den kommenden fünf Jahren will der Staat fast 30 Milliarden US$ in Forschung und Entwicklung investieren, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts auch in Zukunft zu sichern. Schwerpunkte der Aktivitäten sind der Gesundheitsbereich und Halbleiter. Daneben sollen die Grundlagenforschung, die Ausbildung von Wissenschaftlern sowie die Nutzung von KI und Datenanalyse gestärkt werden.
Deutsche Perspektive: Sicherer Hafen
Die Sogwirkung Singapurs bleibt trotz globaler Friktionen ungebrochen – teils wird sie sogar verstärkt. Dabei stellen die hohen Betriebs- und Lohnkosten weiterhin eine große Herausforderung dar. Doch dank wirtschaftspolitischer Stabilität, klarer Regularien und einer hochentwickelten Infrastruktur gilt Singapur als sicherer Hafen und hat in der Region kaum Konkurrenz zu fürchten. Gerade für deutsche Markteinsteiger in Südostasien ist es weiterhin die erste Adresse, ebenso für den Aufbau von Regionalzentralen oder als Standort für Forschung und Entwicklung.
Letzteres nutzen Universitäten wie die TU München für Kooperationen. Aber auch deutsche Firmen gehen Partnerschaften ein. Zum Beispiel hat Siemens 2025 gemeinsam mit Singapurs Forschungsagentur A*STAR die Entwicklung smarter und nachhaltiger Lösungen im Bereich Advanced Manufacturing vereinbart. Die Schaeffler Gruppe und die Nanyang Technological University entwickeln gemeinsam Technologien für Robotik und KI.
Singapur ist das einzige größere Land der ASEAN, in das Deutschland mehr exportiert als es von dort importiert, also einen Handelsbilanzüberschuss hat. Ein Großteil der deutschen Lieferungen verbleibt nicht in Singapur, sondern wird in andere Länder Südostasiens weitergeleitet. Im Jahr 2025 verringerte sich der Wert der deutschen Ausfuhren nach Singapur um knapp 3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Einfuhren aus Singapur legten um rund 13 Prozent zu.
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