Wirtschaftsumfeld | Arabische Golfstaaten | Investitionsprojekte
Golfstaaten: Energie- und Infrastrukturprojekte behaupten sich
Nach dem Rekord im Vorjahr schwächte sich im Jahr 2025 die Projektvergabe in den arabischen Golfstaaten ab. Energie- und Infrastrukturprojekte bleiben jedoch stark vertreten.
17.12.2025
Von Heena Nazir | Dubai
Nach mehreren Jahren sehr starken Wachstums werden in den arabischen Golfstaaten weniger Projekte vergeben. Von Januar bis Ende Oktober 2025 vergaben die Länder des Gulf Cooperation Council (GCC) Vorhaben im Wert von rund 192,1 Milliarden US-Dollar (US$) – 27 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Besonders in Saudi-Arabien hat sich das Vergabetempo deutlich verlangsamt. Kleinere Märkte wie Katar und Kuwait konnten dagegen zulegen. Bei vielen Großprojekten wurde der zeitliche Rahmen aus Kostengründen und wegen knapper Kapazitäten gestreckt. Zum GCC gehören neben Saudi-Arabien, Kuwait und Katar noch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Oman und Bahrain.
| Land | Januar bis Oktober 2025 | Veränderung 2025/2024 (%) | Bewertung / Trend |
|---|---|---|---|
| Saudi-Arabien | 80,1 | −42,6 | Deutlicher Rückgang durch Verzögerungen und Neupriorisierung bei Megaprojekten (u. a. NEOM, The Line). |
| Vereinigte Arabische Emirate (VAE) | 76,3 | −12 | Moderate Abkühlung nach starkem Vorjahr; stabile Pipeline in Bau, Energie und Logistik. |
| Katar | 20 | +10,3 | Zuwachs durch Gas-, Energie- und Industrieprojekte (North Field Expansion, LNG-Terminals). |
| Oman | 5,5 | −52 | Rückgang nach Projektabschlüssen im Energie- und Transportsektor; neue Vorhaben in Vorbereitung. |
| Kuwait | 9,0 | +33 | Dynamischer Anstieg durch neue Vergaben im Strom-, Wasser- und Bausektor (Az Zour IWPP II & III). |
| Bahrain | 1,2 | −55 | Weiterhin geringes Volumen, vor allem im Energie- und Infrastrukturbereich. |
| Gesamt GCC | 192,1 | −27,5 | Konsolidierungsphase nach Rekordjahren 2023/2024; Rückgang vor allem durch Saudi-Arabien geprägt. |
Bau schwächelt, Energie und Infrastruktur bleiben stabil
Der Rückgang bei der Projektvergabe fällt in den einzelnen Branchen unterschiedlich aus. Der Bausektor, lange der zentrale Wachstumstreiber der Region, ist besonders betroffen: Zwar entfällt weiterhin rund ein Drittel des Gesamtvolumens auf Bauprojekte, doch hohe Kosten und Fachkräftemangel bremsen neue Initiativen. Stabil zeigt sich dagegen der Energiesektor. Projekte der Stromversorgung machen rund ein Fünftel der Gesamtvergaben aus. Führende Vorhaben sind ein 5,2-Gigawatt-Solarprojekt in Abu Dhabi sowie und zusätzliche Investitionen in Speicherlösungen in den VAE.
Auch Öl- und Gasvorhaben bleiben ein zentrales Fundament des Marktes und stehen für knapp ein Viertel der Gesamtvergaben. Darüber gibt es bedeutende Investitionen in das Transportwesen und die Wasserwirtschaft. In Saudi-Arabien stehen der Ausbau der U-Bahn in Riad, neue Flughafenterminals und Straßen im Mittelpunkt der Vorbereitungen auf die Expo 2030.
Laut der Datenbank MEED Projects befinden sich Vorhaben im Gesamtwert von über 3 Billionen US$ in Planung oder Vorbereitung – in Machbarkeitsstudien, der Phase technischer Vorplanung oder Ausschreibung. Besonders diese Projekte könnten in den kommenden 12 bis 18 Monaten umgesetzt werden. Etwa die Hälfte von ihnen entfällt auf Saudi-Arabien.
| Projektname | Land | Branche | Status (Fortschritt) | Projektwert (Mrd. US$) |
|---|---|---|---|---|
| KACARE – Kernkraftwerksprogramm (Masterplan) | Saudi-Arabien | Energie | Hauptvertrag – Angebotsphase | 74 |
| ENOWA – Erneuerbare-Energien-Programm (55 GW, Masterplan) | Saudi-Arabien | Energie | Hauptvertrag – Präqualifikation | 46 |
| Group 42 – Project Stargate (4 GW) | VAE | Bauwesen | Machbarkeitsstudie | 32 |
| Marjan – Marjan Beach Development | VAE | Bauwesen | Designphase | 23 |
| Ministry of Transport – Neuer Greenfield-Flughafen | Bahrain | Transport | Machbarkeitsstudie | 10 |
| SIS – Sur Raffinerie und Petrochemiekomplex | Oman | Ölindustrie | Machbarkeitsstudie | 10 |
| PIF – Clean Hydrogen Plant | Saudi-Arabien | Chemie | Machbarkeitsstudie | 10 |
| QatarEnergy – North Field West Development (Upstream) | Katar | Gas | Technische Vorplanungsphase | 9 |
| QatarEnergy – North Field West Development (Downstream) | Katar | Gas | Machbarkeitsstudie | 9 |
| Acwa Power / OQ / Air Products – Salalah Green Hydrogen & Ammonia Project | Oman | Chemie | Machbarkeitsstudie | 9 |
Großereignisse und Energie im Fokus: Investitionsstrategien der GCC-Staaten
In Saudi-Arabien bildet die nationale Entwicklungsstrategie Vision 2030 den strategischen Rahmen. Der Fokus der Behörden verlagert sich von visionären Großprojekten hin zu zeitnah realisierbaren Vorhaben. Im Vordergrund stehen infrastrukturelle und städtebauliche Maßnahmen im Vorfeld der Expo 2030 in Riad und der Fußball-Weltmeisterschaft 2034. Auch wenn die Vergabe im Bausektor zurückgeht, bleibt die Projektliste umfangreich. Priorität erhalten Vorhaben mit unmittelbarem Bezug zu Großereignissen. Parallel stärkt die Regierung den Energiesektor sowie die Industrie, um die Versorgungssicherheit langfristig zu sichern.
In den VAE liegt der Investitionsschwerpunkt auf Energie, Wasserstoff und urbaner Infrastruktur. Jedoch gehen auch hier die Projektvergaben zurück. Langfristig dürften jedoch Investitionen in Infrastruktur und Zukunftstechnologien neue Impulse setzen. Die Emirate sind dabei breiter aufgestellt als andere GCC-Staaten: Neben einer aktiven Immobilienwirtschaft rücken Industrieansiedlungen, erneuerbare Energien und Digitalisierung in den Fokus.
Katar bleibt stark auf den Energiesektor ausgerichtet. Dabei steht vor allem Gasförderung im Mittelpunkt. In Kuwait zeigte sich 2025 ein positiver Trend: Die Investitionen legten dank neuer Vergaben im Strom-, Wasser- und Bausektor deutlich zu. Oman verfolgt eine selektivere Investitionspolitik. Im Fokus stehen strategische Infrastrukturprojekte, vor allem in den Branchen Transport, Energie und Industrie. In Bahrain, dem kleinsten Markt der Region, verharren viele Großvorhaben in der Planungsphase. Priorität haben derzeit Energie- und Transportprojekte. Staatliche Projekte vergibt die bahrainische Regierung aufgrund der hohen Staatsverschuldung nur sehr zurückhaltend.
Worauf müssen deutsche Unternehmen achten?
Hinter dem gemeinsamen Ziel, die Abhängigkeit vom Öl zu verringern und neue Wertschöpfungsfelder zu erschließen, sind die Bedingungen für Investoren in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich.
In Saudi-Arabien spielen großvolumige staatliche Initiativen und strikte Lokalisierungsvorgaben eine große Rolle. Die VAE setzen auf liberale Öffnung und attraktive Bedingungen für internationale Investoren. In Katar kommt staatlichen Projekte die entscheidende Rolle bei den Projektvergaben zu, Oman verfolgt einen reformorientierten, aber an Haushaltsdisziplin orientierten Kurs. Kuwait kämpft mit institutionellen Blockaden und Bahrain positioniert sich als kleiner, aber liberaler Nischenstandort. Für deutsche Unternehmen bedeutet das ein heterogenes Umfeld, das detaillierte Marktkenntnis, regionale Differenzierung und Anpassungsfähigkeit erfordert.
Empfehlenswert sind lokale Partnerschaften und Joint Ventures, um regulatorische Vorgaben zu erfüllen und Marktzugang zu sichern. Eine frühzeitige Teilnahme an Ausschreibungen sowie die Präsenz vor Ort – etwa durch Repräsentanzen oder Kooperationen mit Handelskammern – erhöhen die Erfolgschancen. Zudem sollten deutsche Firmen ihre Stärken in Technologie, Nachhaltigkeit und Effizienz klar herausstellen, um sich von Wettbewerbern abzugrenzen. Risikomanagement, flexible Projektstrukturen und die Beobachtung politischer Rahmenbedingungen sind für den langfristigen Erfolg entscheidend.
| Land | Lokalisierungsdruck | Eigentumsrechte (Auslandsbeteiligung) | Strategische Agenda | Handlungsempfehlung für deutsche Unternehmen |
|---|---|---|---|---|
| Saudi-Arabien | Sehr hoch – IKTVA-Programm (Industrialisierung) und Saudisierung; seit 2024 Regional Headquarters-Pflicht (RHQ) für Staatsaufträge | Bis zu 100 % Auslandsbesitz in den meisten Sektoren möglich (Genehmigung durch MISA); Ausnahmen in sensiblen Bereichen | Vision 2030 – Diversifizierung, Industrie, Lokalisierung | Frühe Präsenz in Riad, lokale Fertigungspartner und Saudisierungspflichten einplanen; langfristige Investitionsstrategie erforderlich. |
| Vereinigte Arabische Emirate | Mittel – In-Country Value (ICV)-Programme von ADNOC / MoIAT prägen öffentliche Vergaben | 100 % Auslandsbesitz auf dem Mainland in vielen Sektoren (seit Reform des Commercial Companies Law) | UAE Centennial 2071 – Zukunft, Technologie, Wasserstoff | Standortvorteile von Freizonen und "Mainland" kombinieren; ICV-Zertifikate und Innovationsbezug hervorheben. |
| Katar | Mittel – Tawteen-Programm mit lokaler ICV-Quote im Energie- und Industriebereich | Bis zu 100 % Auslandsbesitz möglich (Law No. 1/2019); 100 % in Free Zones; Genehmigungspflicht für einige Sektoren | Qatar National Vision 2030 – Diversifizierung über LNG-Überschüsse | Strategische Kontakte zu QatarEnergy, Ashghal und Qatar Free Zones Authority pflegen; lokale Referenzen und ICV-Nachweise sichern. |
| Oman | Hoch – strenge Omanization-Quoten für lokale Beschäftigung | Bis zu 100 % Auslandsbesitz nach Foreign Capital Investment Law (FCIL 2019) – Negativliste gilt | Vision 2040 – Nachhaltigkeit, Privatisierung, Digitalisierung | Projekte mit Ausbildungs- und Lokalisierungskomponente anbieten; PPP-Erfahrung und Finanzierungspartner hervorheben. |
| Kuwait | Mittel – Kuwaitization-Quoten, aber schleppende Umsetzung im Privatsektor | Bis 100 % Auslandsbesitz über KDIPA-Genehmigung möglich; außerhalb Free Zones oft 49 %-Grenze | New Kuwait 2035 – Modernisierung, Diversifizierung | Langwierige Entscheidungswege einplanen; Genehmigungen individuell absichern; lokale Partner früh einbinden. |
| Bahrain | Gering – liberal, kaum Lokalisierungsvorgaben | 100 % Auslandsbesitz in fast allen Branchen; kleine Negativliste | Economic Vision 2030 – Dienstleistungen, FinTech, Nachhaltigkeit | Optimaler Standort für regionale Service- oder Pilotprojekte; FinTech- und Logistikpotenziale nutzen. |