Wirtschaftsausblick | Nordmazedonien
Folgen des Nahostkonflikts dämpfen Nordmazedoniens Wachstum
Der Nahostkrieg bremst die Industrieproduktion. Öffentliche Investitionen, der Tourismus und die IKT-Branche sorgen für Wachstum. Deutsche Unternehmen realisieren neue Vorhaben.
29.06.2026
Von Hans-Jürgen Wittmann | Belgrad
Top-Thema: Nahostkrieg trübt Wachstumsaussichten ein
Der Irankrieg beeinträchtigt die wirtschaftliche Entwicklung in Nordmazedonien. Das Land ist nicht direkt abhängig vom Import fossiler Energieträger aus dem Nahen Osten. Steigende Energiepreise schwächen jedoch auch die Konjunktur wichtiger Handelspartner und Abnehmer in Mitteleuropa. Dazu zählen die krisengeschüttelte Kfz- und Elektroindustrie sowie der Maschinenbau. Eine Normalisierung der angespannten Lage ist frühestens ab Herbst zu erwarten.
Neue Initiative für beschleunigte EU-Annäherung
Auf dem EU-Westbalkan-Summit im Juni in Tivat bestätigte die Union die Mitgliedsperspektive Nordmazedoniens und stellte bei Umsetzung von Reformen eine privilegierte Partnerschaft als Vorstufe zur Vollmitgliedschaft in Aussicht. Die Regierung reformiert den Staat schrittweise, trotz eines Vetos Bulgariens. Das Nachbarland fordert die Aufnahme der Rechte der bulgarischstämmigen Minderheit in die nordmazedonische Verfassung. Zudem erhält Nordmazedonien aus dem EU-Wachstumsplan eine weitere Tranche von 66 Millionen Euro.
Handelsabkommen bindet Nordmazedonien enger an USA
Die USA reduzierten ihre Einfuhrzölle gegen Nordmazedonien auf 15 Prozent. Das Westbalkanland vereinbarte mit den USA einen Rahmen für ein künftiges Handelsabkommen, um den Marktzugang für nordmazedonische Firmen auszuweiten. Skopje baut im Gegenzug Zölle auf US-Industrie- und Agrargüter ab. Zudem errichtet Nordmazedonien eine Gaspipeline nach Griechenland, durch die ab 2027 US-Flüssiggas (LNG) ins Land strömen soll.
Wirtschaftsentwicklung: Bruttoinlandsprodukt wächst weniger stark
Nordmazedonien ist ein beliebter Produktionsstandort für europäische Firmen. Bergbau und Industrie tragen ein Fünftel zur Entstehung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bei. Hohe Energiepreise infolge des Irankriegs erhöhen die Produktionskosten und dämpfen die Industrieproduktion. Vor diesem Hintergrund senkt das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) im Vergleich zum Herbst seine BIP-Prognose um 0,5 Prozentpunkte auf 2,9 Prozent.
Öffentliche Investitionen in Infrastruktur kurbeln Wachstum an
Wichtigster Wachstumstreiber sind 2026 staatliche Investitionen. Skopje wird 2028 Kulturhauptstadt Europas. Regierung und internationale Geber stellen Mittel unter anderem für die Sanierung der Festung Kale bereit. Daneben fließen 80 Millionen Euro in Wasserversorgungssysteme in Straište, Pepelište und Lisiče, die von der Kreditanstalt für Wiederaufbau kofinanziert werden. Doch angesichts klammer öffentlicher Kassen dürfte das Haushaltsdefizit in diesem Jahr voraussichtlich bei rund 4 Prozent des BIP liegen – und damit über dem durch die Haushaltsregel vorgegebenen Wert.
Der Tourismus bleibt 2026 auf Wachstumskurs: 2025 stieg die Zahl ausländischer Gäste um 10 Prozent auf 916.000. Die Branche investiert in Modernisierungen bestehender und den Bau neuer Hotels.
Ausländische Direktinvestitionen (FDI) fließen vor allem in die Industrie. Die Einführung von SEPA macht Auslandsüberweisungen günstiger und damit FDI attraktiver. Doch 2025 brachen ausländische Investitionen um 60 Prozent auf rund 470 Millionen Euro ein. Hauptgrund ist die schwächelnde Wirtschaft in den EU-Abnehmerländern. Angesichts der hohen globalen Unsicherheit durch den Irankrieg dürften die FDI auch 2026 verhalten bleiben. Neue Vorhaben wurden dennoch verkündet. Der türkische Kfz-Teilehersteller Çaça Otomotiv investiert 21 Millionen Euro in ein Produktionswerk in Tetovo. Der Investmentfonds Alcazar plant einen 500 Megawatt-Windpark an der Grenze zu Serbien. Die Einzelhandelskette Spar eröffnet Filialen in Skopje.
Konsum: Steigende Inflation drückt auf die Kaufkraft
Der Irankrieg befeuert die Inflation. So hebt das wiiw die Prognose für den Verbraucherpreisindex um 1,2 Prozentpunkte auf 5 Prozent an. Eine Kompensation der fehlenden Kaufkraft der privaten Haushalte durch weitere Mindestlohnerhöhung plant die Regierung vorerst nicht. Den Konsum stützen Rücküberweisungen der nordmazedonischen Diaspora, darunter 160.000 Personen in Deutschland.
Außenhandel: IKT-Firmen steigern Ausfuhren
Nordmazedoniens Export wird von der Kfz-Zulieferindustrie getragen. Der wichtigste Handelspartner ist mit einem Anteil von rund 58 Prozent die EU, darunter als Großabnehmer Deutschland. Lokale IT-Firmen verzeichnen ein starkes Wachstum und trugen 2025 mit einem Volumen von 676 Millionen Euro bereits rund ein Fünftel zum nordmazedonischen Export bei. Damit übertreffen IT-Lösungen klassische Exportgüter wie Lebensmittel, Eisen oder Stahl.
Die Verschärfung des Einreiseregimes (EES) belastet die Lieferketten zwischen Nordmazedonien und der EU. Mit der strikten Anwendung des EES wird jede Überschreitung des visafreien Aufenthalts von Berufskraftfahrern aus Drittstaaten von 90 Tagen innerhalb von 180 Tagen geahndet. Vor allem in der Kfz-Industrie drohen bei Lieferverzögerungen erhebliche Vertragsstrafen.
Deutsche Perspektive: Langjähriger und bewährter Fertigungsstandort
Nordmazedonien entwickelt sich zur Werkbank auf dem Westbalkan sowie zu einem bedeutenden Nearshoring- und Beschaffungsstandort. Deutschland bleibt einer der wichtigsten Wirtschaftspartner Nordmazedoniens bei Industrie und Technologie. Rund 200 Firmen mit deutschem Kapital schaffen rund 26.000 Arbeitsplätze im Land.
Deutsche Unternehmen sind der drittgrößte Investor und halten dem Land die Treue. Gerresheimer investiert in die Erweiterung seines Produktionswerks in Skopje. Knauf erweitert seinen Standort in Debar für 40 Millionen Euro. Heidelberg Drucktechnik plant ein Montagewerk für Druckmaschinen. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) realisiert ein Regionalprojekt zur Kreislaufwirtschaft.
Weitere Informationen (zum Beispiel Zoll- und Rechtsinformationen sowie Branchenberichte) finden Sie auf der Länderseite Nordmazedonien.