Wirtschaftsausblick | Türkei

Die türkische Wirtschaft wächst trotz Risiken weiter

Wachstum, sinkende Inflation und eine fragile Stabilisierung prägen den Ausblick. Innen- und geopolitische Risiken erhöhen jedoch die Unsicherheit für Unternehmen.

Von Katrin Pasvantis | Istanbul

Wirtschaftsentwicklung: Stabilisierung wackelt durch Konflikte

Die türkische Wirtschaft wächst weiter, jedoch mit geringeren Raten. Nach Prognosen des Internationalen Währungsfonds dürfte das Bruttoinlandsprodukt 2026 um rund 3,4 Prozent steigen, nach 3,6 Prozent im Jahr 2025. Konsum und Exporte bleiben die zentralen Treiber. Die restriktive Wirtschafts- und Geldpolitik zeigte zuletzt Wirkung. Die Inflation ging langsam zurück und das Vertrauen in die Lira verbesserte sich.

Diese Stabilisierung gerät jedoch zunehmend unter Druck. Geopolitische Spannungen, insbesondere der Krieg in Iran, belasten das Vertrauen. Hinzu kommen innenpolitische Ereignisse. Dazu zählt die Absetzung des Vorsitzenden der Oppositionspartei CHP, Özgür Özel, durch ein Gericht im Mai 2026.

Die Lira steht erneut unter Abwertungsdruck. Die Zentralbank greift daher verstärkt in den Devisenmarkt ein. Dabei werden zuvor aufgebaute Puffer bei den Devisenreserven wieder abgebaut. Im März 2026 veräußerte die Türkei US-Staatsanleihen im Umfang von rund 14 Milliarden US-Dollar.

Der Tourismussektor ist ein wichtiger direkter und indirekter Wirtschaftsfaktor und sorgt üblicherweise in den Sommermonaten für hohe Devisenzuflüsse. Diese füllen das Polster der Zentralbank für Wechselkursinterventionen auf. Aktuell ist die Buchungslage jedoch schwach. Der Krieg in Iran führt zu Zurückhaltung bei internationalen Gästen.

Die weitere wirtschaftliche Entwicklung hängt maßgeblich von der innen- und geopolitischen Lage ab. Die Risiken durch regionale Konflikte, innenpolitische Entwicklungen und die Unsicherheit im Welthandel bleiben hoch.

Exportchancen bleiben trotz schwacher Lira begrenzt

Die aktuell schwache Lira verschafft Exporteuren in der Türkei Preisvorteile. Sie verteuert jedoch auch importierte Rohstoffe und Vorprodukte und belastet die stark importabhängige Industrie. Trotz der Abwertung gilt die Währung weiterhin als tendenziell überbewertet.

Hinzu kommt eine schwächere Nachfrage in wichtigen Märkten wie der EU, was die Ausfuhren 2026 voraussichtlich bremst. Die Exporte stiegen 2025 lediglich moderat um 4 Prozent im Jahresvergleich, während die Importe um 6 Prozent zulegten.

Konsum statt Sparen stützt die Nachfrage

Die Teuerung bleibt trotz eines Rückgangs hoch. Die jährliche Inflationsrate sank von 70 Prozent im April 2024 auf 32 Prozent im April 2026. Die Preissteigerung schwächt die reale Kaufkraft der privaten Haushalte. Gehaltserhöhungen zu Jahresbeginn glichen Verluste nur kurzfristig aus. Die Geldentwertung begünstigt den Konsum, da Sparen für viele Haushalte wenig attraktiv ist.

Auch die Produzentenpreise signalisierten eine Entspannung. Der Rückgang ist maßgeblich auf die Desinflationsstrategie zurückzuführen. Diese basiert auf fiskalischer Konsolidierung, moderatem Lohnwachstum und strenger Geldpolitik. Seit März 2026 hat sich der Trend jedoch umgekehrt. Der Irankrieg wirkt der Desinflation entgegen und treibt die Inflation vor allem über die Energiepreise. Die Zentralbank stoppte daher ihren Lockerungskurs. Sie hält die Leitzinsen seit Januar 2026 bei 37,0 Prozent. Zuvor hatte sie diese schrittweise von 50,0 Prozent im März 2024 gesenkt.

Top-Thema: Finanzierungsengpässe bremsen wirtschaftliche Aktivitäten

Besonders kleine und mittelständische Unternehmen in der Türkei haben es weiterhin schwer zu investieren. Neben hohen Zinskosten verschärft eine anhaltend restriktive Kreditvergabe die Finanzierungsschwierigkeiten. Hinzu kommt die schwache Lira. Sie belastet die Aufnahme und Bedienung von Fremdwährungskrediten. Die hohe Wechselkursvolatilität erschwert langfristige Planungen und verlässliche Kostenkalkulationen. Gleichzeitig sind die Lohnkosten deutlich gestiegen.

Ausländische Investoren zeigen Zurückhaltung

Einige Unternehmen planen trotz schwieriger Bedingungen Kapazitätserweiterungen, vor allem exportorientierte Firmen. Neue ausländische Investoren bleiben jedoch zurückhaltend. Eine wichtige Ausnahme bildet die Automobilindustrie. Dank der Zollunion mit der EU ist die Türkei ein attraktiver Produktionsstandort für den europäischen Markt. Entsprechend investieren ausländische Konzerne - insbesondere aus China - in der Türkei verstärkt in die Elektromobilität.

Für 2025 meldete die türkische Statistik ausländische Direktinvestitionen in Höhe von knapp 8 Milliarden US$. Die Angaben erfassen gemeldete Vorhaben, nicht immer umgesetzte Projekte. Die größten ausgewiesenen Zuflüsse kamen aus den Niederlanden, Luxemburg, Deutschland, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Deutschland bleibt damit ein bedeutender Investor in der Türkei. Ende Februar 2026 waren laut türkischer Statistik 8.665 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung im Land tätig.

Staatliche Investitionen sind auf dem Prüfstand

Finanzminister Şimşek hat den öffentlichen Institutionen ein striktes Sparprogramm auferlegt. In das öffentliche Investitionsprogramm werden nur noch zwingend notwendige Projekte aufgenommen. Auch laufende Vorhaben werden zunehmend auf ihren Bedarf und ihre Priorität hin überprüft.

Deutsche Perspektive: Exporte Anfang 2026 rückläufig

Türkische Importeure reagieren wegen Finanzierungsschwierigkeiten und der schwachen Lira besonders preissensitiv. Dies verschlechtert die Wettbewerbsposition ausländischer Anbieter. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen stiegen die Importe der Türkei aus Deutschland 2025 jedoch im Jahresvergleich um 11 Prozent auf 30 Milliarden US$. Die türkischen Gesamtimporte nahmen im gleichen Zeitraum um nur 6 Prozent zu. Vor allem die Lieferungen von Pkw legten deutlich zu. Deutschland belegte damit Rang 3 der wichtigsten Lieferländer, hinter China (+10 Prozent auf 50 Milliarden US$) und dem Energielieferanten Russland (-4 Prozent bei 42 Milliarden US$).

Anfang 2026 zeigt sich jedoch eine Abschwächung: Die Lieferungen aus Deutschland lagen im Jahresvergleich niedriger, sodass sich von Januar bis April insgesamt ein Minus von 3 Prozent ergibt. 

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