Special | Arabische Golfstaaten | Krieg in Nahost
Krieg in Iran trifft Öl- und Gassektor der Golfstaaten
Steigende Ölpreise stärken die Golfstaaten nur scheinbar. Entscheidend ist, ob Energie weiter verarbeitet und zuverlässig exportiert werden kann.
20.03.2026
Von Heena Nazir | Dubai
Steigende Ölpreise wirken für die Staaten des Golf-Kooperationsrats (GCC) auf den ersten Blick entlastend. Ihr wirtschaftlicher Nutzen bleibt jedoch begrenzt, solange Krieg und Angriffe die Energieinfrastruktur und Exportketten beeinträchtigen. Trotz aller Diversifizierungsbemühungen hängen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Kuwait, Oman, Katar und Bahrain weiterhin stark vom Öl- und Gassektor ab. Rohöl- und Gasausfuhren sichern weiterhin einen Großteil der Exporterlöse und finanzieren in vielen Ländern Staatshaushalte in erheblichem Umfang.
Hohe Preise allein sichern keine Staatseinnahmen
Wie stark diese Abhängigkeit ist, zeigt der fiskalische Break-even-Ölpreis. Er beschreibt das Preisniveau, das für einen ausgeglichenen Staatshaushalt erforderlich ist. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) lag er 2025 in Katar, Oman und den VAE bei 45 bis 57 US-Dollar (US$) je Barrel. Saudi-Arabien und Bahrain benötigen deutlich höhere Preise, um Defizite zu vermeiden.
Vor diesem Hintergrund gewinnt der jüngste Preisanstieg besondere Bedeutung. Die US-Energiebehörde Energy Information Administration (EIA) rechnet damit, dass Brent-Rohöl in den kommenden zwei Monaten zeitweise über 95 US$ je Barrel steigt. Für 2026 hob sie ihre Preisprognose um 37 Prozent auf durchschnittlich 79 US$ an.
Dennoch entscheidet im aktuellen Krieg weniger das Preisniveau über den wirtschaftlichen Effekt als die Frage, ob Förderung, Verarbeitung und Export störungsfrei funktionieren. Erst dann lassen sich höhere Preise tatsächlich in zusätzliche Einnahmen umsetzen.
Auch die Gegenmaßnahmen der großen Verbraucherländer ändern daran wenig. Die Internationale Energieagentur (IEA), eine Organisation wichtiger Industrieländer für Energiemärkte und Versorgungssicherheit, beschloss am 11. März 2026 die koordinierte Freigabe von 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven. Diese Maßnahme dürfte Preisspitzen kurzfristig dämpfen, sie ersetzt jedoch keine Ausfälle in der Förderung, Verarbeitung und beim Export. Solange die physische Versorgung aus der Golfregion gestört bleibt, dürfte die geopolitische Risikoprämie am Ölmarkt hoch bleiben.
Angriffe treffen die gesamte Energiekette
Die Verwundbarkeit zeigt sich längst nicht nur auf See. Förderanlagen, Raffinerien, Lager, Exportterminals und Hafenlogistik bilden eine eng verzahnte Wertschöpfungskette. Fällt ein Glied aus, trifft das nicht nur den Rohölexport, sondern auch die Weiterverarbeitung zu Ölprodukten und deren Weitertransport.
Besonders deutlich wird dies in den VAE und in Saudi-Arabien. Nach mehreren Angriffen kam es am Exportterminal Fujairah der VAE zu Unterbrechungen der Verladungen. Das Shah-Gasfeld blieb nach einem früheren Angriff außer Betrieb. Die Rohölproduktion der VAE sank laut Reuters seit Kriegsbeginn um mehr als die Hälfte.
Saudi-Arabien reduzierte seine Förderung nach Stilllegung der Offshore-Felder Safaniya und Zuluf um rund 2 Millionen auf rund 8 Millionen Barrel pro Tag. Wie stark die betroffenen Anlagen beschädigt sind und wann sie wieder voll einsatzfähig werden, lässt sich bislang kaum verlässlich einschätzen. Gerade diese Unsicherheit erschwert die Planung und belastet die gesamte Energiekette der Region.
LNG-Sektor unter besonderem Druck
Noch sensibler reagiert der Flüssigerdgassektor (Liquefied Natural Gas, LNG). Katar steht für rund 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels. Nahezu alle Ausfuhren passieren die Straße von Hormus. Am 18. März griff Iran den zentralen LNG-Komplex des Landes an, der über eine Verflüssigungskapazität von 77 Millionen Tonnen pro Jahr verfügt. Daraufhin stellte QatarEnergy, der staatliche Energiekonzern Katars, die Produktion vorübergehend ein und erklärte höhere Gewalt bei Lieferungen.
Damit geraten nicht nur laufende Exporte unter Druck, sondern auch der geplante Kapazitätsausbau eines der wichtigsten LNG-Anbieter weltweit. Ursprünglich sollten ab dem 2. Halbjahr 2026 erste zusätzliche Mengen aus dem Projekt North Field East auf den Markt kommen. Bis 2027 wollte Katar seine LNG-Kapazität auf 126 Millionen Tonnen erhöhen, langfristig sogar auf 142 Millionen Tonnen.
Neben Rohöl und Gas exportieren die Golfstaaten auch raffinierte Produkte wie Diesel, Kerosin und petrochemische Vorprodukte. An Raffinerien und Terminals hängen zudem Stromversorgung, Industrieproduktion und Teile der Exportlogistik. Werden diese Anlagen gedrosselt, geraten auch nachgelagerte Lieferketten unter Druck.
| Anlage / Komplex | Land | Typ | Kapazität / Bedeutung | Status & Erläuterung |
|---|---|---|---|---|
| Ras Laffan Industrial City | Katar | LNG-Produktions- und Exportkomplex | LNG-Produktion entspricht rund 20 Prozent des globalen Angebots | Nach iranischen Drohnenangriffen auf Anlagen im Komplex stellte Katar am 2.3. die LNG-Produktion ein; am 4.3. wurde Force Majeure für LNG-Lieferungen erklärt. Weitere Angriffe am 18./19.3. mit umfangreichen Schäden. |
| Mesaieed Industrial Zone | Katar | Petrochemie- und Industriekomplex | Wichtiger Downstream-Standort | Treffer im Industriegebiet südlich von Doha; petrochemische und industrielle Anlagen betroffen. |
| Kharg Island | Iran | Rohöl-Exporthub, Terminals und Speicher | Abwicklung von rund 90 Prozent der iranischen Rohölexporte; Speicher von rund 30 Mio. Barrel | US-Angriffe trafen dort militärische Ziele; mögliche Schäden an Pipelines, Terminals und Tanks. Die genaue Beeinträchtigung der Ölinfrastruktur ist bislang unklar. |
| Fujairah Port / Oil Industry Zone | VAE | Exportterminal, Speicher- und Bunkerhub | 2025 im Schnitt mehr als 1,7 Mio. Barrel/Tag an Rohöl und Ölprodukten; 18 Mio. m³ Lagerkapazität | Mehrere Drohnenangriffe führten zu Bränden und unterbrachen Ölverladungen. ADNOC setzte Verladungen zeitweise aus; Fujairah liegt an der Ostküste außerhalb der Straße von Hormus. Angriffe stören somit den wichtigsten Ausweichkorridor der VAE. |
| Ruwais Industrial Complex / Ruwais Refinery | VAE | Raffinerie- und Downstream-Komplex | Gesamtkapazität bis zu 922.000 Barrel/Tag | Nach einem Drohnenangriff mit Brand wurde die Raffinerie vorsorglich heruntergefahren; Ruwais gilt als zentrales Downstream-Drehkreuz Abu Dhabis. |
| Shah Gas Field | VAE | Gasfeld / Gasverarbeitung | Eines der weltweit größten Sauergasfelder; laut Reuters Lieferung von rund 500 Mio. Kubikfuß Gas pro Tag an das Inland | Nach einem Drohnenangriff am 16.3. wurde der Betrieb ausgesetzt; der Angriff weitete die Störungen vom Öl- auf den Gassektor aus. |
| Habshan Gas Facility and Bab Field | VAE | Gasfeld / Gasverarbeitung | Zentrale Onshore-Gasdrehscheibe Abu Dhabis; wichtige Versorgung von Strom- und Industriesektor | Drohnenangriffe am 19.3. führten zu Unterbrechungen; leichte Debris-Schäden an Gasverarbeitungsanlagen. |
| Ras Tanura | Saudi-Arabien | Raffinerie- und Exportkomplex | Raffinerie mit 550.000 Barrel/Tag; zugleich kritischer Exportknoten | Am 2.3. nach Drohnenangriff vorsorglich heruntergefahren; Bericht über einen weiteren Angriff am 4.3. Versorgung des Binnenmarkts blieb laut saudi-arabischen Angaben gesichert. |
| SAMREF Refinery, Yanbu | Saudi-Arabien | Raffinerie- und Downstream-Komplex | Raffinerie mit 400.000 Barrel/Tag am Roten Meer | Drohnenangriff am 19.3. Offiziellen Angaben zufolge nur geringe Schäden; Yanbu ist der einzige Exporthafen für Rohöl an der Westküste. |
| Sitra Refinery (Bapco) | Bahrain | Raffineriekomplex | 380.000 Barrel/Tag | Nach einem Angriff auf den Raffineriekomplex erklärte Bapco am 9.3. Force Majeure. Die Raffinerie verarbeitet vor allem saudisches Rohöl, das per Pipeline geliefert wird. Weiterer Angriff am 18.3. |
| Salalah Port | Oman | Hafen- und Tanklagerinfrastruktur | Wichtiges Lager- und Umschlagzentrum | Drohnen trafen am 11.3. Kraftstofftanks im Hafen; es kam zu Bränden, Maersk pausierte die Hafenoperationen. Oman betonte zugleich, die nationale Versorgung sei nicht unterbrochen. |
| Mina al-Ahmadi Refinery | Kuwait | Raffinerie | 466.000 Barrel/Tag | Schäden durch Debris, zwei Arbeiter wurden durch herabfallende Trümmer leicht verletzt. Am 19.3. Drohnenangriff und Brände. |
Katar und Kuwait droht massiver wirtschaftlicher Einbruch
Besonders schwer wiegt die Abhängigkeit von funktionierenden Exportwegen. Die Straße von Hormus ist der zentrale maritime Engpass der Region. Im Jahr 2025 passierten durchschnittlich rund 20 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte pro Tag dieses Nadelöhr – etwa ein Viertel des weltweit seegestützten Ölhandels. Zwar verfügen Saudi-Arabien und die VAE über begrenzte Ausweichrouten, doch deren Kapazitäten bleiben gering. Für Kuwait, Katar und Bahrain gibt es praktisch keine Alternativen. Oman profitiert von seiner Lage außerhalb der Meerenge, kann die strukturelle Verwundbarkeit der Region jedoch nicht ausgleichen.
| Land | Rohöl (einschließlich Kondensate) | Ölprodukte | Insgesamt |
|---|---|---|---|
| Saudi-Arabien | 5,4 | 0,8 | 6,2 |
| Irak | 3,3 | 0,3 | 3,6 |
| Vereinigte Arabische Emirate | 2,0 | 1,2 | 3,2 |
| Iran | 1,7 | 0,7 | 2,4 |
| Kuwait | 1,4 | 1,0 | 2,4 |
| Katar | 0,7 | 0,7 | 1,4 |
| Saudi-kuwaitische neutrale Zone *) | 0,3 | 0,0 | 0,3 |
| Bahrain | 0,0 | 0,2 | 0,2 |
| Straße von Hormus insgesamt | 15,0 | 4,9 | 19,9 |
Ein längerer Ausfall der Straße von Hormus ließe sich daher kaum kompensieren. Zwar würden steigende Öl- und Gaspreise die Exporterlöse der Golfstaaten zunächst erhöhen. In einem solchen Szenario wäre aber nicht mehr der Marktpreis entscheidend, sondern die Frage, ob sich Energie überhaupt noch verlässlich exportieren lässt. Genau darin liegt das eigentliche Risiko des aktuellen Krieges: Nicht eine schwächere Nachfrage, sondern unterbrochene Verarbeitungs- und Exportketten träfen die arabischen Golfstaaten am stärksten.
Darauf weisen inzwischen auch aktuelle Analysteneinschätzungen hin. Goldman Sachs geht in seinem Basisszenario zwar von einer schrittweisen Erholung der Ölflüsse ab April aus, warnt aber zugleich, dass eine längere Blockade der Straße von Hormus den schwersten Angebotsschock seit Jahrzehnten auslösen könnte. Barclays hält eine rasche Normalisierung binnen 2 bis 3 Wochen noch für ein beherrschbares Szenario, sieht bei einer Störung von 4 bis 6 Wochen jedoch bereits Ölpreise von 100 US$ je Barrel als plausibel an.
Bloomberg berichtete zudem unter Berufung auf Goldman Sachs, dass für besonders exponierte Volkswirtschaften wie Katar und Kuwait bei einer Blockade bis Ende April sogar ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um jeweils 14 Prozent denkbar sei. Damit würde ein längerer Ausfall der Wasserstraße den positiven Preiseffekt für die Energieexporteure rasch überlagern.