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Wirtschaftsumfeld | Südosteuropa | Konjunktur

Südosteuropa wächst überdurchschnittlich stark

EU-Fördermittel eröffnen gute Perspektiven. Hohe Energiepreise und die schwächere Konjunktur in der EU dämpfen aber das Wachstum 2024. Zudem belasten regionale Konflikte.

Von Christian Overhoff | Bonn

Auch wenn das internationale Umfeld schwierig bleibt und große Abwärtsrisiken bestehen, haben sich die Konjunkturaussichten für 2024 in den meisten Volkswirtschaften Südosteuropas deutlich aufgehellt. Hohe Energiepreise und eine sinkende Nachfrage in der EU dämpfen aber die positive Entwicklung. 

Russlands Angriff auf die Ukraine und die zunehmenden Spannungen mit China haben viele Unternehmen veranlasst, ihre Lieferketten zu überdenken. Südosteuropa ist auf einem guten Weg, sich als alternativer Produktionsstandort zu etablieren. Bereits im Jahr 2023 wuchs die Region im EU-Vergleich überdurchschnittlich.

Unterstützung erhält das Wirtschaftswachstum 2024 von einer deutlich nachlassenden Inflation und sinkenden Leitzinsen. So fällt etwa in den sechs Westbalkanstaaten der Rückgang der Inflation auf durchschnittlich 3,8 Prozentpunkte pro Jahr. Auch in den meisten anderen Ländern Südosteuropas wird sie markant sinken, mit Ausnahme Bulgariens und der Türkei.

Erhebliche Risiken liegen in einer Fortsetzung der Rezession in Deutschland, einer Eskalation der Kriege in der Ukraine und Gaza sowie in Störungen der Lieferketten wie derzeit im Roten Meer.

EU unterstützt finanziell und hält Fenster gen Westen offen

Die EU-Fördermittel sind eine wichtige Stütze für die Mitgliedsländer Griechenland, Bulgarien, Rumänien und Zypern. Diese finanzieren damit vor allem Projekte in den Bereichen Infrastruktur und Energie. Anderen Ländern in der Region bietet die EU eine Zukunftsperspektive. Bosnien und Herzegowina und die Republik Moldau erhielten 2022 den Status als Beitrittskandidaten. Auch das Kosovo zog nach und hat den Beitritt beantragt. Ein neuer Wachstumsplan soll den Westbalkan fit für den Beitritt zur Europäischen Union machen.

Fördermittel und Tourismus treiben griechische Wirtschaft voran

Das griechische Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird 2024 real um 2,3 Prozent wachsen, erwartet die Europäische Kommission in ihrer Herbstprognose. Im Jahr 2025 soll sich das Wirtschaftswachstum fortsetzen. Die Finanzmittel aus dem EU-Aufbaufonds bleiben die treibende Kraft der Wirtschaft und mobilisieren Investitionen.

Der Tourismus wird weiterhin ausschlaggebend zum BIP-Wachstum beitragen. Im Jahr 2023 wird der Branchenumsatz voraussichtlich auf knapp 19,5 Milliarden Euro steigen. Für das Jahr 2024 geht das griechische Finanzministerium von einem Zuwachs der Einnahmen auf rund 21 Milliarden Euro aus.

Rumänien wächst trotz hoher Inflation

Auch in anderen südosteuropäischen EU-Ländern wächst das BIP 2024 voraussichtlich stärker als im Vorjahr. Im Jahr 2023 konnte Rumänien nur mit einem realen Wachstum von 2 Prozent punkten. Nun rechnet das Wiener Institut für Wirtschaftsvergleiche (wiiw) damit, dass die Wachstumsrate 2024 auf 3 Prozent steigen wird.

Hauptwachstumstreiber ist die Binnennachfrage. Für 2024 plant die Regierung vor dem Hintergrund mehrerer Wahlen eine deutliche Rentenerhöhung. Diese würde umgerechnet rund 11,2 Milliarden Euro oder 3 Prozent des BIP kosten. Chancen bietet das Land vor allem beim Ausbau der Energie- und Verkehrsinfrastruktur und als Nearshoring-Standort. Außerdem fließen erhebliche Mittel aus EU-Fördertöpfen nach Rumänien. Die größten Risiken für das Wachstum liegen in der hohen Inflation sowie einer abflauenden Nachfrage aus dem Ausland.

Bulgariens Wirtschaft wächst kaum

In Bulgarien wirken sich die hohen Preise für Energie sowie eine abflauende Exportnachfrage besonders negativ auf das Wachstum aus. Die Wirtschaft wird 2024 wahrscheinlich nur um 1,5 Prozent zunehmen. Vor allem die schwache Konjunktur in der EU und deren gedämpfte Importe sowie eine anhaltend hohe Inflation belasten die Entwicklung. Hohe Energiepreise und Lohndruck treiben das Preisniveau in Bulgarien überdurchschnittlich in die Höhe. So steigt ab Januar 2024 etwa der monatliche Mindestlohn um 11,5 Prozent auf umgerechnet 443 Euro brutto.

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Moldau: Erholung der Kaufkraft der Haushalte stimuliert neues Wachstum 

Die moldauische Wirtschaft erholt sich weiter. Für 2024 wird ein reales BIP-Wachstum von 3,8 Prozent erwartet. Investitionen und der private Konsum werden die Konjunktur wieder beleben. Der private Verbrauch hat mit 89,7 Prozent den größten Anteil an der Wirtschaftsleistung des Landes.

Türkei kämpft mit neuer Geldpolitik gegen die Krise

Die Türkei vollzog nach der Mai-Wahl 2023 einen Kurswechsel hin zu einer restriktiveren Geldpolitik. Der Leitzins wurde bis März 2024 schrittweise von 8,5 auf 50 Prozentpunkte erhöht. Das Wirtschaftswachstum könnte sich im Jahr 2024 infolge der strafferen Geldpolitik laut Internationalem Währungsfonds auf 3 Prozent abschwächen. Weitere Herausforderungen sind eine hohe Arbeitslosigkeit und zunehmende geo- und innenpolitische Spannungen.

Viele Unternehmen sind skeptisch und befürchten weitere Kehrtwenden von Präsident Erdoğan. Ein Anlass könnten die im März 2024 anstehenden Kommunalwahlen sein. Erdoğan möchte Istanbul und Ankara von der Opposition zurückgewinnen. Noch zeigt die neue Geldpolitik keine positiven Auswirkungen für die Bevölkerung. Die Inflation verharrt weiterhin bei rund 65 Prozent. Zudem stoßen viele der jüngsten Maßnahmen, wie die Erhöhungen der Leitzinsen und Mehrwertsteuer, beim Volk auf Unmut.

Westbalkan bleibt auf Wachstumskurs

Die Wirtschaft auf dem Westbalkan bleibt auch 2024 auf Wachstumskurs. Das BIP der sechs Länder wird real um 2,6 Prozent zulegen, so das wiiw. Damit wächst die Region wieder ähnlich stark wie in den Vorjahren.

In Albanien und Montenegro gibt der blühende Tourismus weiter entscheidende Impulse. Serbien, Bosnien und Herzegowina und Nordmazedonien profitieren von soliden Direktinvestitionen aus dem Ausland und einer starken Inlandsnachfrage. Gleichzeitig leiden die Länder unter der abflauenden Konjunktur in der EU. Für ihr verarbeitendes Gewerbe ist die EU wichtigster Außenhandelspartner. In Kosovo stützen die Rücküberweisungen der Diaspora nach wie vor die Wirtschaft.

Regionale Konflikte auf dem Westbalkan

Das Jahr 2023 stand, wie in den Vorjahren, auf dem Westbalkan im Zeichen von Konflikten. Der Konflikt zwischen Serbien und Kosovo spitzte sich zu. Trotz zahlreicher Vermittlungsversuche der EU stand dieser im September 2023 kurz vor der Eskalation. Mittlerweile hat sich die Lage etwas entspannt.

In Bosnien und Herzegowina stellte der Präsident der Entität Republika Srpska, Milorad Dodik, weiterhin den gemeinsamen Bundesstaat infrage und drohte mit Abspaltung. Außerdem sympathisiert er offen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, dem er Anfang Januar 2023 einen Orden verliehen hat. 

Deutsche Exporte nach SüdosteuropaIn Millionen Euro; Veränderung in Prozent
Land

2023

Veränderung zur Vorjahresperiode

Albanien

400

16,3

Bosnien und Herzegowina

1.282

11,5

Bulgarien

5.856

5,3

Griechenland*

8.394

-1,0

Kosovo

349

7,2

Republik Moldau

548

2,0

Montenegro

179

34,2

Nordmazedonien

1.357

3,1

Rumänien

21.495

3,3

Serbien

4.427

9,9

Türkei*

30.697

13,8

Zypern*

826

7,5

* Destatis 2024.Quelle: Ostausschuss der deutschen Wirtschaft Februar 2024

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