Branche kompakt | Indien | Kfz-Industrie
Branchenstruktur
Die Kfz-Branche ist für Indien volkswirtschaftlich wichtig und stellt zunehmend mehr Fahrzeuge her. Die Unternehmen investieren in neue Kapazitäten.
25.02.2026
Von Florian Wenke | Mumbai
Der Automobilsektor ist von hoher volkswirtschaftlicher Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Indien. Nach offiziellen Angaben trägt er rund 7 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. Die Branche beschäftigt – optimistisch geschätzt – zwischen 35 Millionen und 37 Millionen Menschen direkt und indirekt. Geht es nach dem derzeitigen "Automotive Mission Plan" der Regierung, sollen die Werte bis 2026 auf mindestens 12 Prozent des BIP beziehungsweise 65 Millionen Beschäftigte steigen. Die Erreichung dieser Ziele ist jedoch unrealistisch. Der Plan wird momentan überarbeitet und soll nach der Veröffentlichung die Marschroute bis ins Jahr 2047 definieren. Bereits 2026 könnte der neue Plan veröffentlicht werden.
Im Land sind sowohl heimische als auch internationale Hersteller ansässig. Zudem gibt es eine leistungsstarke Zulieferindustrie. Es werden alle wichtigen Bereiche der Wertschöpfungskette vor Ort abgedeckt. Die Zentren der Kfz-Branche sind in und um Pune, Chennai, Bengaluru sowie New Delhi. Auch im Bundesstaat Gujarat sind Kfz-Unternehmen in größerem Umfang anzutreffen. Kleine Zulieferer sind im ganzen Land verteilt.
Die Unternehmen produzieren überwiegend für den lokalen Markt. Insbesondere für Zweiradhersteller ist zudem der Export wichtig. Zahlreiche Zulieferer orientieren sich ebenfalls über die Landesgrenze hinaus und streben eine stärkere Einbindung in internationale Lieferketten an.
Das Produktionsvolumen erreicht einen neuen Rekord
Im Finanzjahr 2024/2025 (1. April bis 31. März) produzierten die Unternehmen erstmals mehr als 5,0 Millionen Pkw. Es waren 3,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Experten zeigen sich zuversichtlich, dass die Produktion von Pkw auch im laufenden und nächsten Finanzjahr weiter wachsen wird. Die Wachstumsraten werden im mittleren einstelligen Bereich im laufenden und kommenden Finanzjahr liegen. Die gute Konjunktur wird von einem anziehenden Konsum gestützt, den die Kfz-Hersteller ebenfalls spüren.
Die Fertigungskapazitäten der Hersteller wachsen
Die robusten und langfristigen Wachstumsaussichten sorgen für Zuversicht bei den Kfz-Herstellern. Dies spiegelt sich in den Investitionen wider. Eine Reihe von Unternehmen kündigte den Bau weiterer Werke an oder hat bereits damit begonnen.
Vor allem die japanischen Hersteller bauen ihre vorhandenen Produktionskapazitäten in Indien derzeit massiv aus. Sie sehen Indien als Alternative zum chinesischen Markt - ein Wachstumsmarkt, allerdings ohne den scharfen Preiskampf, der China derzeit kennzeichnet. Die japanischen Firmen investieren daher großflächig. Sie stecken ihr Geld in neue Werke, in den Ausbau bestehender Anlagen, aber auch in neue Modelle. Maruti-Suzuki möchte bis zum Ende des Jahrzehnts seine Produktionskapazitäten von aktuell 2,5 Millionen Pkw auf 4 Millionen Pkw steigern. Toyota will im gleichen Zeitraum 15 neue Modelle auf den Markt bringen und eine Produktionskapazität von 1 Million Fahrzeugen pro Jahr erreichen. Die japanischen Hersteller sehen Indien zunehmend als Produktionsstandort nicht nur für den lokalen Markt, sondern auch den Export. Honda plant ab 2027 mit der Fertigung eines Modells seiner Zero-Serie, das nach Japan und in andere asiatische Länder exportiert werden soll.
Vorhaben |
Investitionssumme
| Projektstand | Anmerkungen |
|---|---|---|---|
| Bau eines Werkes für Pkw durch Maruti Suzuki in Khoraj | 3.855 | Land erworben | Das Werk befindet sich nahe dem Automobilcluster in Sanand. Ausgebaut soll das Werk eine Kapazität von 1 Million Pkw pro Jahr erreichen. |
| Bau eines Werkes für Pkw und Traktoren durch Mahindra in Nagpur | 1.652 | Angekündigt | Das Werk soll vollständig ausgebaut auf eine Kapazität von 5 Millionen Pkw und 1 Million Traktoren kommen. Die Investitionssumme soll über 10 Jahre ausgegeben werden. Der Produktionsstart ist für 2028 geplant. |
| Ausbau einer Fabrik für Elektrofahrzeuge durch VinFast in Thoothukudi | 500 | Absichtserklärung unterzeichnet | Es handelt sich um die zweite Investmenttranche eines Investitionsplanes, der Investitionen von insgesamt 2 Milliarden US$ vorsieht. Das Geld fließt in Fertigungslinien für elektrische Busse und elektrische Roller. Das Gesamtwerk soll von einer jährlichen Kapazität von 50.000 Fahrzeugen auf 150.000 Fahrzeuge wachsen. |
| Wiederinbetriebnahme eines Fahrzeug- und Motorenwerkes durch Ford in Maraimalai Nagar | 370 | Absichtserklärung unterzeichnet | Ford hatte sich 2021 aus dem indischen Markt zurückgezogen. Nach der Wiederinbetriebnahme soll das Werk bis 2029 mit der Produktion beginnen und bis zu 235.000 Motoren und Antriebsstränge herstellen. |
| Bau eines Werkes für automatisierte Schaltgetriebe durch VE Commercial Vehicles in Ujjain | 60 | Angekündigt | Das Unternehmen ist ein Joint Venture zwischen Volvo und Eicher. Das Werk soll eine Kapazität von 40.000 12-Gang-Getrieben pro Jahr erreichen. |
Zu den Gründen für den Aufwuchs der Kfz-Fertigung in Indien gehören die wachsende Nachfrage und die Erwartung, dass diese noch Jahrzehnte anhalten wird. In Indien gibt es schätzungsweise erst 35 Pkw pro 1.000 Einwohner. In Deutschland beträgt der Vergleichswert 590 Pkw pro 1.000 Personen. Zudem hat sich in Indien mittlerweile ein leistungsfähiges Netz an Zulieferern etabliert, die in Mengen und Qualität den Anforderungen internationaler Kfz-Hersteller entsprechen können.
Zulieferer erwirtschaften höhere Umsätze
Nach einem erfolgreichen Jahr 2024/2025 mit Umsätzen in Höhe von knapp über 80 Milliarden US$, sehen die Automobilzulieferer ihre Umsätze weiter wachsen. Die Werte für das 1. Halbjahr des laufenden Finanzjahres 2025/2026 deuten darauf hin, dass ein noch besseres Branchenergebnis erzielt werden wird. Bisher stehen Umsätze von insgesamt 41,2 Milliarden US$ zu Buche.
Industrievertreter erwarten eine weiterhin robuste Nachfrage aus dem Inland. Hinzu kommt die positive Nachricht einer Einigung im Handelsstreit mit den USA. Sollten die US-Zölle tatsächlich von 50 auf 18 Prozent sinken, dann wird dies der Zulieferbranche weiteren Schub verleihen. Nordamerika steht für 27 Prozent der Branchenexporte und ist damit der wichtigste ausländische Absatzmarkt. Zunehmend wichtiger wird das Zuliefergeschäft im Bereich Elektromobilität. Branchenmeldungen zufolge macht E-Mobilität mittlerweile 5 Prozent der Umsätze von Zuliefern im Geschäft mit Herstellern (OEMs) aus.
Trotz der positiven Grundstimmung haben die Zulieferer mit Herausforderungen zu kämpfen. Dazu zählen die zuletzt deutlich gestiegenen Fracht- und Logistikkosten. Zudem stellen schwankende Preise für Rohstoffe sowie die teilweise eingeschränkte Verfügbarkeit kritischer Materialien wie beispielsweise Selten-Erd-Magneten Schwierigkeiten für die Firmen dar. Für viele deutsche Zulieferer ist die schwache indische Währung ein Problem, denn sie schmälert die Umsätze in Euro.
| Kategorie | 2024/2025 | Veränderung zum Vorjahr | 1. Halbjahr 2025/2026 | Veränderung zur Vorjahresperiode |
|---|---|---|---|---|
| Branchenumsatz | 80,1 | 10 | 41,2 | 7 |
| Lieferungen an Hersteller (Original Equipment Manufacturers; OEM) | 67,8 | 8 | 35,2 | 7 |
| Importe | 22,4 | 7 | 12.3 | 13 |
| Exporte | 22,9 | 8 | 12,1 | 9 |
| Verschleiß-, Reparatur-, Zubehör- und Tuningteile (Aftermarket) | 11,8 | 6 | 6,1 | 9 |
Wenngleich die Umsätze der heimischen Zulieferer weiter zunehmen, ist Indien nach wie vor auf Importe angewiesen, um die Nachfrage zu decken. Für 2025 (Januar bis einschließlich November) legten diese insgesamt deutlich zu. Rückläufig entwickelte sich lediglich die Einfuhr von Motoren. Hier verfügt Indien mittlerweile über zunehmend eigene Fähigkeiten. Nach Angaben des Branchenverbandes der Zulieferindustrie spielen Einfuhren aus anderen asiatischen Ländern eine deutlich größere Rolle als Importe aus Europa.
| Kategorie (HS-Code) | Jan. - Nov. 2025 | Veränderung | aus Deutschland Jan. - Nov. 2025 |
|---|---|---|---|
| Kfz-Elektrik (HS 8511, 8512) | 820,2 | 0,7 | 46,8 |
| Karosserien, Stoßstangen etc. (HS 8706, 8707, 8708) | 6.433,1 | 9,8 | 796,6 |
| Zündkabelsätze (HS 8544.30) | 122,8 | 11,3 | 9,6 |
| Motoren (HS 8407.31-34, 8408.20) | 383,4 | -13,2 | 2,4 |
| Getriebe und Getriebeteile (HS 8483.40) | 684,9 | 15,8 | 72,1 |
Summe | 8.444,4 | 8,0 | 930,1 |