Wirtschaftsumfeld | Lateinamerika | Konjunktur
Geopolitik, Rohstoffe, Reformen: Warum Lateinamerika gewinnt
Die lateinamerikanische Wirtschaft wächst zwar nur moderat. Reformen, Investitionen und strategisch wichtige Rohstoffe schaffen dennoch neue Chancen für deutsche Unternehmen. (Stand: 28.07.2026)
- Geopolitik rückt Lateinamerika in den Fokus
- Mexiko: USMCA-Frage belastet die Konjunktur
- Brasilien: Neue Regierung muss Staatshaushalt in Ordnung bringen
- Chile und Peru: Investitionen in Bergbau und Infrastruktur
- Kolumbien und Argentinien: Reformen im Fokus
- Zentralamerika und Karibik: Dynamische Nischenmärkte
- Deutsche Perspektive: Mercosur-Abkommen stärkt Zuversicht deutscher Unternehmen
Nirgendwo blicken deutsche Unternehmen so positiv in die Zukunft wie in Süd- und Mittelamerika. Das zeigt der jüngste World Business Outlook der deutschen Auslandshandelskammern (AHK). Die Region erweist sich damit als Lichtblick in der kriselnden Weltwirtschaft. Dazu trägt auch das EU-Mercosur-Abkommen bei, das seit dem 1. Mai 2026 vorläufig angewendet wird.
Geopolitik rückt Lateinamerika in den Fokus
Mehrere Trends spielen Lateinamerika in die Hände: Unternehmen diversifizieren ihre Lieferketten, Europa sucht neue Wirtschaftspartner und Investoren richten ihren Blick verstärkt auf die rohstoffreiche Region. Investitionen in Häfen, Logistik und neue Verkehrskorridore zwischen Atlantik und Pazifik verbessern zudem die Voraussetzungen für mehr Handel innerhalb Lateinamerikas und eine stärkere Einbindung in die Weltwirtschaft.
Weitere Dynamik bringen politische Weichenstellungen. Nach den Präsidentschaftswahlen in Kolumbien und Peru im Frühjahr 2026 sowie den Wahlen in Brasilien im Herbst stehen in wichtigen Volkswirtschaften Entscheidungen an, die Investitionen und Reformen maßgeblich prägen werden. In Kolumbien etwa hofft die Wirtschaft nach dem politischen Kurswechsel auf mehr Investitionssicherheit, insbesondere im Energie- und Bergbausektor. In Peru setzt die neue Regierung auf die Beschleunigung von Infrastrukturvorhaben und öffentlich-privaten Partnerschaften.
Gleichzeitig wächst die Wirtschaft Lateinamerikas nur moderat – und langsamer als die Weltwirtschaft. Immerhin könnte sich das Wachstum der Region 2027 beschleunigen. Nach einem vorausgesagten Plus von 2,2 bis 2,3 Prozent im Jahr 2026 rechnen die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) 2027 mit einer Steigerung des regionalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,5 beziehungsweise 2,7 Prozent.
Ein Blick auf die wichtigsten Volkswirtschaften der Region zeigt, wie sich diese Trends auf Wachstum, Investitionen und Geschäftschancen auswirken.
Mexiko: USMCA-Frage belastet die Konjunktur
Die Entscheidung der USA, das nordamerikanische Handelsabkommen USMCA nicht direkt um weitere 16 Jahre zu verlängern, sorgt in Mexiko für anhaltende Unsicherheit über die künftigen Handelsregeln in Nordamerika. Dies dämpft die Investitionstätigkeit und das Wirtschaftswachstum, insbesondere in der exportorientierten Industrie und der Automobilbranche.
Gleichzeitig profitiert das Land von einem starken Exportgeschäft in die USA. Treiber sind vor allem Lieferungen für KI-Rechenzentren, die Mexikos Außenhandel ankurbeln. Dies hat auch positive Auswirkungen auf deutsche Unternehmen vor Ort, die Komponenten für Rechenzentren, Elektronik und Stromversorgung liefern.
Brasilien: Neue Regierung muss Staatshaushalt in Ordnung bringen
Brasilien bleibt in einem veränderten globalen Umfeld ein wichtiger Wirtschaftspartner mit großem Potenzial. Im Jahr 2026 setzt sich das Wirtschaftswachstum fort, wenn auch mit 1,9 Prozent langsamer als 2025. Trotz aktueller Konjunkturdelle bleiben die Aussichten vielversprechend. Öl- und Gassektor, Bergbau, Agribusiness sowie Infrastrukturprojekte sorgen auch 2026 für Impulse.
Im Herbst stehen Präsidentschaftswahlen an. Im Wahljahr schnürt die Regierung Konjunkturpakete im Gesamtwert von 45 Milliarden US-Dollar (US$), dies stützt die Investitionen und den Konsum. Unabhängig vom Wahlausgang steht die nächste Regierung aber vor der Herausforderung, die stark steigende Staatsverschuldung einzudämmen.
Chile und Peru: Investitionen in Bergbau und Infrastruktur
Trotz guter Voraussetzungen wächst die chilenische Wirtschaft 2026 schwächer als erwartet. Für 2027 rechnet die Zentralbank mit einem Wirtschaftswachstum von 2 bis 3 Prozent, angetrieben von dem hohen Kupferpreis und den damit verbundenen Investitionen der Bergbaukonzerne. Zusätzliche Impulse soll die sogenannte Megarreforma mit Steuererleichterungen und weniger Bürokratie bringen. Davon könnten auch deutsche Unternehmen profitieren – allen voran als Zulieferer, wenn die große Projektpipeline im Bergbau, bei erneuerbaren Energien, Entsalzungsanlagen und grünem Wasserstoff in Gang kommt.
Auch in Peru dürfte sich das Wirtschaftswachstum 2026 auf 2,5 Prozent verlangsamen. Eine Rolle hierbei spielt das Klimaphänomen El-Niño, das Landwirtschaft und Fischerei belastet. Zugleich könnte die neue Regierung die Umsetzung öffentlich-privater Projekte beschleunigen. Die Wirtschaftsförderagentur ProInversión verwaltet 2026 ein Portfolio von 46 Vorhaben im Wert von 8,2 Milliarden US$, vor allem in den Bereichen Infrastruktur, Wasserwirtschaft, Gesundheit und Tourismus.
Kolumbien und Argentinien: Reformen im Fokus
Kolumbiens designierter Präsident Abelardo de la Espriella setzte sich bei den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2026 durch und wird sein Amt im August antreten. Der parteilose Jurist vertritt wirtschaftspolitisch marktfreundliche Positionen und kündigte unter anderem eine stärkere Förderung privater Investitionen sowie eine restriktivere Haushaltspolitik an. Davon könnten insbesondere der Öl- und Gassektor sowie die rohstoffnahe Industrie profitieren.
Der rechtskonservative Präsident steht jedoch vor erheblichen Herausforderungen. Die angespannte Haushaltslage, der Inflationsdruck und hohe Defizite im Außenhandel belasten das wirtschaftliche Umfeld. Entsprechend dürfte die Wirtschaft 2026 lediglich um 2,5 Prozent zulegen.
Auch Argentinien setzt seinen wirtschaftlichen Erholungskurs fort, wenngleich die Dynamik hinter den Erwartungen zurückbleibt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte laut OECD 2026 um 2,8 Prozent zulegen, für 2027 erwarten die Analysten ein Plus von 3,5 Prozent. Kritisch bleiben der schwache Binnenkonsum und die stagnierenden Bruttoanlageinvestitionen. Wichtigste Stütze bleiben die Landwirtschaft und der Rohstoffsektor.
Zentralamerika und Karibik: Dynamische Nischenmärkte
Für Zentralamerika rechnet der IWF 2026 mit einem Wirtschaftswachstum von 3,7 Prozent. Im Jahr 2027 könnte sich die Dynamik leicht auf 4 Prozent erhöhen. Positiv sind die Prognosen auch für die Karibik. Dort erwarten die Analysten 2026 ein solides Plus von 5,7 Prozent. Im Folgejahr könnte die Wirtschaftsleistung der Karibikstaaten dann auf 8,6 Prozent steigen. Getragen wird die Entwicklung durch einen stabilen Tourismussektor, Dienstleistungsexporte und anhaltende Rücküberweisungen.
Deutsche Perspektive: Mercosur-Abkommen stärkt Zuversicht deutscher Unternehmen
Für deutsche Unternehmen bleibt Lateinamerika eine Region mit guten Zukunftsperspektiven, unterstützt durch neue Handelsabkommen mit dem Mercosur und Mexiko. Von einem klassischen Freihandelsabkommen ist gerade das EU-Mercosur-Abkommen längst zu einem geopolitischen Schlüsselprojekt geworden – vor dem Hintergrund der wachsenden Konkurrenz durch China, der protektionistischen Handelspolitik der USA und Europas schwindendem globalen Einfluss. Für deutsche Unternehmen zählt die Region damit zu den strategisch interessantesten Märkten weltweit.
Weitere Informationen:
AHK World Business Outlook Frühjahr 2026: Weltwirtschaft im Krisenmodus