Start-Ups in Italien

Italiens Start-up-Szene kommt in Bewegung

Italien zeichnet sich durch die Kreativität der Gründer aus, aber auch durch zögerliche Finanzierungsmöglichkeiten und Bürokratie. Oft verlassen Start-ups deswegen das Land.

28.01.2019

Wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Mangel an Förderung hemmen Entwicklung italienischer Start-ups

Die italienische Start-up-Szene ist noch ausbaufähig. Dem 2018 Global Entrepreneurship Index (GEI) zufolge kommt Italien auf Platz 42 von 137 Ländern. Die Gründe für die schleppende Entwicklung sind vielfältig. Hürden bestehen durch die fehlende Vernetzung von Akteuren sowie die schwache kulturelle Akzeptanz von Start-ups. Hinzu kommen die überbordende italienische Bürokratie sowie hohe Steuern und Abgaben. Auch die begrenzten Finanzierungsmöglichkeiten machen es Start-ups und Scale-ups in Italien schwer.

Seit 2012 hat die Regierung mehrere Initiativen gestartet, um das Start-up-Ökosystem zu fördern. Eckpfeiler ist das Programm „Start-up Innovative", in dem besonders innovative Jungunternehmen akkreditiert werden und Zugang zu vereinfachten Geschäftsbedingungen erhalten. Diese Start-ups können sich kostenlos in das Gewerberegister eintragen lassen, von Gründungsgebühren befreit werden und von flexibleren arbeitsrechtlichen Bedingungen profitieren. Hinzu kommen Steuererleichterungen und Unterstützung durch die italienische Exportagentur ICE. Für hochqualifizierte ausländische Arbeitskräfte gelten vereinfachte Visabestimmungen.

Dennoch gibt es eine Vielzahl von Bestpractice-Beispielen. Schließlich sind italienische Unternehmer überdurchschnittlich kreativ, innovativ und lösungsorientiert. Gemessen an den GEI-Teilindikatoren Produkt- und Prozessinnovation gehört das Land weltweit zu den Spitzenreitern.

Gründung häufig mit Eigenkapital

Laut einer Umfrage des italienischen Statistikamtes Istat mussten 75 Prozent der italienischen Start-ups auf Eigenkapital für die Gründung zurückgreifen, bei der Anschlussfinanzierung waren es sogar 90 Prozent. Die Rolle von Familien und Freunden bei der Finanzierung ist eher gering, da diese in der Regel Mitgründer sind, wenn sie Finanzmittel zur Verfügung stellen.

Öffentliche Zuschüsse sind in Italien nicht weit verbreitet: 7,7 Prozent der Start-ups konnten auf regionale oder lokale Fördermittel für die Gründung zurückgreifen, weitere 3 Prozent stellten ihr Unternehmen dank nationaler Mittel auf die Beine. Für die Anschlussfinanzierung spielen öffentliche Mittel eine wichtigere Rolle, insbesondere wenn das Unternehmen im Bereich Forschung und Entwicklung tätig ist.

In der Gründungsphase wird kaum auf Bankkredite zurückgegriffen. Der Anteil steigt jedoch nach Lebensdauer, Umsatz und Mitarbeiterzahl. Die Hälfte der Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 500.000 Euro hatte Zugang zu einem Bankkredit. Die zwei größten Banken Italiens, Unicredit und Intesa Sanpaolo, haben ihre Aktivitäten in der Start-up-Szene ausgeweitet. Beide Banken bieten neben dem klassischen Zugang zur Finanzierung auch Partnerschaften mit Inkubatoren sowie Beratung für Start-ups an.

Venturecapital Finanzierung noch schwach entwickelt

Der Bereich Venturecapital spielt für lediglich 8,2 Prozent der Firmen in der Gründungsphase eine Rolle. Bei der Anschlussfinanzierung erhöht sich der Anteil auf 11,2 Prozent. Die Unternehmen, die auf eine externe VC-Finanzierung zurückgreifen können sind in der Regel länger auf dem Markt und haben bereits hohe Umsätze.

Im Jahr 2017 wurden nach Angaben des EY Start-up-Barometer Europe rund 148 Millionen Euro in italienische Start-up-Unternehmen aus Venturecapitalfonds investiert. Dies entsprach einem Plus von 48 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im europäischen Vergleich liegt Italien weit hinter dem Vereinigten Königreich (6,4 Milliarden Euro), Deutschland (4,2 Milliarden Euro) und Frankreich (2,6 Milliarden Euro).

Die fünf wichtigsten Wagniskapitalfonds in Italien sind nach Angaben der Start-up Matching-Plattform Dealroom aus den Niederlanden Innogest Capital, P101, United Ventures, LVenture Group, und Italian Angels for Growth.

Crowdfunding noch wenig genutzt

Im Jahr 2012 wurden die gesetzlichen Rahmenbedingungen für das sogenannte Eigenkapitalcrowdfunding definiert, um neue Finanzierungskanäle zu ermöglichen. Bisher blieb dieses Instrument jedoch weitgehend ungenutzt.

Mit durchschnittlich 43 Jahren (60 Prozent der Gründer sind zwischen 25 und 44 Jahren) sind italienische Gründer etwas älter als ihre Kollegen in Europa. In der Informations- und Kommunikationstechnologie- sowie Softwarebranche ist das durchschnittliche Alter niedriger. In traditionellen Industriebranchen wie dem Maschinenbau ist es höher.

Ein Unternehmen direkt nach dem Studium zu gründen, ist in Italien ungewöhnlich. Etwa die Hälfte der Unternehmer hat vor der Gründung des Start-ups relevante Arbeitserfahrungen gesammelt, geht aus einer ISTAT-Umfrage hervor. Davon waren 87 Prozent schon im gleichen Arbeitsgebiet tätig. Dies deutet darauf hin, dass italienische Gründer Beziehungen zu ihrem früheren Arbeitsumfeld aufrechterhalten.

Fördermittel für forschungsorientierte Start-ups

Forschungsorientierte Start-ups sind häufig Spin-offs von Universitätseinrichtungen oder Forschungs- und Entwicklungszentren des nationalen Forschungsrates (CNR). Diese Unternehmen beziehen häufig Patente und können auf staatliche Fördermittel für die Forschung zurückgreifen.

Hinzu kommt, dass staatliche und universitäre Forschungseinrichtungen oft finanzielle Engpässe haben und kaum Personal einstellen können. Deshalb arbeiten viele Forscher in Start-ups, die den Universitäten und Forschungszentren eng verbunden sind.

Bürokratie ist hinderlich

Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen, insbesondere für Start-ups und andere kleine, kapitalschwache Firmen, sind in Italien schwierig. Sich häufig ändernde Gesetze, aufwendige und nicht berechenbare bürokratische Strukturen, die Zeit und Geld kosten, behindern nicht nur junge Firmen. Die bürokratische und steuerliche Belastung für Jungunternehmer wurde zwar seit 2012 verringert, dennoch hinkt Italien in diesem Bereich anderen europäischen Referenzländern noch deutlich hinterher.

Eine weitere Hürde ist das strenge und komplizierte Arbeitsrecht. Befristete Einstellungen sowie die Entlassung von Mitarbeitern sind äußerst kompliziert. Das macht es für Gründer schwierig. Hinzu kommt, dass die Gesetzgebung mit dem technischen Fortschritt nicht Schritt hält. Dies ist ein Grund dafür, dass Anbieter von neuen Produkten und Dienstleistungen immer wieder in einer rechtlichen Grauzone arbeiten. Zudem bestehen alte Seilschaften, die Barrieren für neue Marktteilnehmer schaffen. Nicht zuletzt ist auch die Akzeptanz der Start-up Kultur außerhalb der großen Städte eher gering.


Text: Robert Scheid

28.01.2019

Die meisten italienischen Start-ups entstehen in der Lombardei

Seit 2012 ist die Zahl der anerkannten innovativen Start-ups kontinuierlich gestiegen. Ende 2017 waren knapp 8.400 Unternehmen registriert. Wichtigste Sektoren der Start-up-Szene sind Software- und Informations- und Kommunikationstechnologie, Gesundheitswirtschaft, Lebensmitteltechnologie, Mode sowie Maschinenbau. Italienische Gründer sind in der Regel männlich (82 Prozent) und haben mindestens einen Bachelorabschluss (73 Prozent).

Anzahl der Start-ups

 

2015

2017

Insgesamt

5.143

8.391

darunter Software

1.535

2.641

IT Dienstleistungen

415

756

Wissenschaftliche Forschung und Entwicklung

793

1.131

Produktionstätigkeiten, Energie, Bergbau

977

1.614

Handel

216

355

Quelle: Camera di Commercio d‘Italia

Im Durchschnitt erzielte ein italienisches Start-up im Jahr 2017 einen Umsatz von 154.000 Euro und beschäftigte 3,25 Mitarbeiter. Die „Überlebensrate“ der seit 2012 akkreditierten innovativen Start-ups liegt bei 90 Prozent und ist damit höher als der Durchschnittswert für italienische Unternehmen insgesamt.

Beschäftigungs- und Umsatzwachstum von Start-ups

 

2014

2015

2016

2017

Anzahl der Beschäftigten (in Personen)

2.607

5.351

9.169

10.847

Gesamtproduktionswert (in Mio. Euro)

340

584

762

k. A.

Quelle: Camera di Commercio d‘Italia

Zentrum der Gründerszene ist die Lombardei

Das italienische Zentrum der Gründerszene ist die Lombardei. Fast ein Viertel der anerkannten Start-ups haben hier ihren Sitz. An zweiter Stelle liegt die Emilia-Romagna, gefolgt von der Region Latium. Die Zahl der Start-ups ist in den Großstädten Mailand und Rom am höchsten. Der Start-up-Anteil an der Gesamtzahl der Unternehmen ist in den innovationsstarken Städten Triest und Trient sehr hoch.

Vorzeigebeispiel ist der Onlinehändler für Luxusmode Yoox

Paradebeispiel für die italienische Start-up-Szene ist der 2000 gegründete Onlinehändler für Luxusmode Yoox. Der Gründer hatte durch den Fokus auf das Hochpreissegment eine Marktnische identifiziert. Nach mehreren Finanzierungsrunden ging Yoox 2009 an die italienische Börse. Im Jahr 2015 kam es zu einer Fusion mit Net-a-Porter aus Frankreich, inzwischen ist die Gruppe in 180 Ländern aktiv. Der Umsatz im Jahr 2017 betrug 2,1 Milliarden Euro.

Das 2012 gegründete Start-up Greenrail wurde 2017 vom Branchenverband als „Start-up des Jahres" prämiert. Die Firma hat nachhaltige Eisenbahnschwellen entwickelt, die aus Recyclingmaterialien wie Altreifen hergestellt werden. Ende 2017 erhielt Greenrail einen Auftrag über 75 Millionen Euro aus den USA.

Ein weiteres Start-up aus Mailand wurde 2017 von Frost & Sullivan ausgezeichnet. Der Video-on-Demand-Anbieter Chili wurde 2012 als Spin-off des italienischen Telekommunikationsunternehmens Fastweb gegründet. Die Firma etablierte sich schnell und ist in kurzer Zeit nach Deutschland, Österreich, Polen und in das Vereinigte Königreich expandiert. Eine aggressive Preisstrategie und ein breites, internationales Filmangebot haben dazu beigetragen, dass das Unternehmen mit Global Playern wie Netflix mithalten konnte. Im Jahr 2016 stiegen vier der größten US-Filmstudios als Investoren ein. Anfang 2018 investierte der italienische Kaffeehersteller Lavazza 25 Millionen Euro in Chili.

Neuer Fintech-District in Mailand

Der italienische Start-up-Verband mit circa 2.500 Mitgliedern nennt sich Italia Startup. Jedes fünfte junge Unternehmen arbeitet mit einem Inkubator, Accelerator oder einer Universität. Laut UBI-Index 2017/2018 kommt das PoliHub Startup District & Incubator des Mailänder Polytechnikums weltweit auf den 3. Platz der Inkubatoren. Auch H-Farm in Treviso (mit einem zweiten Sitz in Mailand), The Hive in Ancona sowie der Business Accelerator Knowbel in Modena wurden ausgezeichnet. Luiss Enlabs in Rom zählt zudem zu den wichtigsten Inkubatoren des Landes.

Hervorzuheben ist der neue Fintech-District in Mailand. Die 2017 eingeweihte Initiative bringt mehrere Start-ups in der Finanzdienstleistungsbranche zusammen. Die Betreiber hoffen, dass Mailand durch den Brexit als Finanzzentrum an Bedeutung gewinnt.

Eine Herausforderung besteht in der Geschäftspartnervermittlung zwischen hightech-orientierten Start-ups und klassischen Unternehmen, die von älteren, nicht technologieaffinen Managern gesteuert werden. Der Branchenverband Italia Startup bringt mit einem Onlinemarktplatz etablierte Unternehmen und Start-ups zusammen.


Text: Robert Scheid

28.01.2019

Italienische Gründer zieht es ins Ausland

Die italienische Start-up-Szene wird internationaler. Gründe hierfür sind einerseits der Reichtum an kreativen und innovativen Jungunternehmern, die ihre Ideen über die Grenzen Italiens hinaus weiterentwickeln wollen; andererseits die Beschränkungen des italienischen Standorts und die verbesserungsdürftigen Rahmenbedingungen für junge Unternehmen.

Mangelnde Finanzierungsmöglichkeiten treiben Start-ups in die USA

Ein Faktor, der viele italienische Start-ups ins Ausland treibt, ist der Zugang zur Finanzierung. Große internationale Wagniskapitalgeber sind in Italien wenig präsent und öffentliche Fördermittel vergleichsweise gering. Hinzu kommt die überbordende Bürokratie, die das Leben für Jungunternehmer schwer macht.

Das Eldorado für italienische Start-ups sind die USA, insbesondere Silicon Valley und New York. Der Schritt in die Vereinigten Staaten ist nicht leicht, doch einige italienische Unternehmer haben es geschafft. Cuebiq, ein erfolgreiches Business Intelligence Start-up, hat in New York seinen Sitz, ist jedoch ein Spin-off-Unternehmen des italienischen Beintoo. Ein weiteres Erfolgsbeispiel ist BioBeats, ein Technologieunternehmen für Gesundheit und menschliches Wohlbefinden mit Büros in San Francisco, London und Pisa.

Manche Unternehmen - wie Depop, eine E-Commerce-Plattform für Mode - wurden in Italien gegründet und haben im zweiten Schritt ihren Sitz ins Ausland verlegt. Im Fall von Depop liegt der Hauptsitz in London, von dort aus konnte das Unternehmen auch den amerikanischen Markt erschließen.

 

Die Anzahl von italienischen Jungunternehmen in London ist am höchsten. Sie decken ein breites Spektrum von Anwendungen und Marktnischen ab. Einige Erfolgsbeispiele sind Aggrade, ein italienisch-britisches Start-up im Bereich Arzneimittel; Bid to Trip, eine Onlineplattform für den Luxustourismus; oder Buzzmyvideos, ein Dienstleister für Videoersteller.

Auch Städte wie Berlin und Amsterdam sind beliebt. In Berlin sitzen erfolgreiche italienische Start-ups wie Urbi, Coureon, Skysense und Spreaker. In den Jahren zwischen 2010 und 2014 gab es einen Boom von italienischen Neugründungen in der deutschen Hauptstadt, allerdings hat dieser Trend in den letzten Jahren nachgelassen.

Internationale Start-ups suchen Verbindung zum italienischen Luxus

Italien hat viele Stolpersteine für internationale Start-ups, aber das Land bietet durch die hohe Kaufkraft (vor allem im Norden) viel Potenzial für innovative Gründer.

Internationale Gründer sind hauptsächlich im Bereich hochwertiger Konsumgüter erfolgreich. Italienische Konsumenten legen viel Wert auf Design und Qualität. Dies gilt unter anderem für Modeartikel, Möbel und Autos. Vor diesem Hintergrund haben Unternehmen wie Adzuki aus Kopenhagen den italienischen Markt erschlossen. Das Start-up ist ein Vorreiter im Bereich E-Commerce und Internetwerbung für Modeartikel. Ein weiteres Beispiel ist Right Shoes, ein Jungunternehmen aus der Schweiz, welches das Einscannen der Fußgröße ermöglicht, um Onlineshopping zu erleichtern.

Die italienische Tourismusbranche bietet viel Potenzial für ausländische Start-ups. Die steigende Anzahl von Reisenden aus der ganzen Welt eröffnet neue Marktchancen. Insbesondere der Luxustourismus wächst. Lodgify, eine Onlineplattform für Anbieter von Ferienwohnungen wurde in Barcelona gegründet, hat aber schnell die große Nachfrage in Italien erkannt. Auch das Yachtcharterunternehmen Sailogy aus der Schweiz ist in Italien erfolgreich.


Text: Robert Scheid

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