Energieeffizienz im Gebäudebau in den Niederlanden

Niederlande bieten Potenzial bei energetischer Gebäudesanierung

Die niederländische Bauwirtschaft ist nach jahrelanger Flaute wieder auf Wachstumskurs. An Bedeutung gewinnt das Thema Energieeffizienz. Der Standard ist bislang niedrig. Die Anforderungen an den Neubau steigen. Rund die Hälfte der Wohnimmobilien wurden vor 1976 erbaut und ist entsprechend nicht oder unzureichend isoliert. Deutsche Bauunternehmer, Installateure und Anbieter nachhaltiger Energiesysteme haben gute Chancen ihr Know-How auf dem Nachbarmarkt einzubringen.

17.11.2016

Bis 2020 müssen 300.000 niederländische Immobilien ihre Effizienz um 20-30% erhöhen

In den Niederlanden wurde 2013 ein Abkommen für Energieeffizienz und erneuerbare Energien geschlossen. Ein Hauptziel dieses Energiepakts ist, den Energieverbrauch bis 2020 um jährlich 1,5% zu senken und somit eine Einsparung von insgesamt 100 PJ zu erreichen. Die bestehende Bausubstanz verschlingt etwa 35% des Gesamtenergieverbrauchs. Dementsprechend hoch ist das Einsparungspotential, das im Gebäudesektor realisiert werden kann. In den Jahren 2013 und 2014 konnten Einsparungen von jährlich rund 9 PJ realisiert werden. Auf der Agenda steht auch eine vollständige Energieneutralität der bebauten Umgebung bis 2050. Bis 2020 müssen jährlich 300.000 Bestandsimmobilien ihre Energieeffizienz um zwei Effizienzklassen (A bis G bei Wohnimmobilien, A++++ bis G bei Gewerbeimmobilien) und somit um 20 bis 30% erhöhen.

Energielabel bei Wohnungsverkauf Pflicht

Bei dem Verkauf oder der Vermietung von Immobilien ist ein gültiges Energielabel verpflichtend. Dieses bewertet die Energieeffizienz des Gebäudes und verdeutlicht, welche einsparenden Maßnahmen noch umgesetzt werden können. Die Regierung will Eigentümer so zum Besitz nachhaltiger Immobilien stimulieren. Das Energieeffizienzlabel ist eine Sensibilisierungsmaßnahme. Im sozialen Mietwohnungssektor müssen bis 2020 etwa 80% des Bestandes das Label B besitzen, im privaten Mietwohnungssektor etwa 80% das Label C.

Auch die Anforderungen an Neubauten wurden verschärft. Ab 2020 müssen diese fast energieneutral sein. Um mit gutem Beispiel voranzuschreiten, sollen neue öffentliche Gebäude bereits ab 2018 energieneutral sein.

Ein weiteres Ziel des Energieabkommens ist, dass im Jahr 2020 rund 14% Energie aus regenerativen Quellen stammen müssen, 2023 soll dieser Anteil bei 16% liegen. Außerdem sollen durch die Maßnahmen 15.000 Vollzeitarbeitsplätze entstehen. Energieeinsparungen in der gebauten Umgebung sollen wesentlich zur Realisierung der Stellen beitragen.


Text: Marte-Marie van den Bosch

17.11.2016

Viele niederländische Wohnungen kaum gedämmt

Ungefähr 44% der insgesamt rund 7,6 Mio. Wohnimmobilien in den Niederlanden sind Mietwohnungen. Diese sind wiederum zu etwa 70% im Besitz von Baugenossenschaften. Rund die Hälfte des Wohnbestandes stammt aus der Zeit nach 1975, etwa 80% wurden nach dem zweiten Weltkrieg gebaut. Der größte Anteil (17%) wurde im Zeitraum 1965 bis 1974 erbaut. Es bestehen mehr Wohnungen, die nach 1995 erbaut wurden als in der Vorkriegszeit.

Die meisten Häuser, die vor 1975 gebaut wurden, also etwa die Hälfte des niederländischen Wohnbestandes, wurden ohne jegliche Isolierung der Wände oder Dächer gebaut. Die Wohnungen aus dem Zeitraum 1976 bis 1988 besitzen oft Dämmungen von niedriger Qualität, während die Gebäude aus der Zeit nach 1988 größtenteils gut isoliert wurden.

Landestypische Bauweise führt zu hohem Energieverbrauch

Insbesondere die Gebäude der Jahrgänge 1946 bis 1980 sind Energiefresser. Durchschnittlich tragen diese das Energielabel C oder D. Das Label A ist für Bestandsimmobilien schwer zu realisieren. Nur mit Wärmerückgewinnungen und Sonnenenergie kommt diese Energieklasse in Reichweite. Durch die traditionelle niederländische Bauweise - hohe Decken und Fenster, keine Unterkellerung - haben niederländische Gebäude im Vergleich zum europäischen Durchschnitt einen sehr hohen Energieverbrauch. Bei rund 8% des Wohnbestandes wurde 2014 mindestens eine energieeffiziente Vorkehrung getroffen, im Gewerbebau bei 18%.

Der niederländische Bausektor ist nach jahrelanger Krise wieder auf Wachstumskurs. Zwar können alle Segmente wieder ein Plus verzeichnen, aber Impulse kommen vor allem vom Wohnungsmarkt. Die Nachfrage nach Neubauwohngen steigt nach langer Flaute wieder. Rund 48.000 Wohnimmobilien wurden 2015 gebaut, was einem Wachstum von etwa 0,6% des Bestandes entspricht. In den Städten Amsterdam und Utrecht war der Zuwachs am größten, in den Provinzen Limburg, Drenthe und Friesland am geringsten.

Eine von fünf Wohnungen in den Niederlanden ist kleiner als 75 qm. Etwa 64% des Bestandes sind Einfamilienhäuser, der Rest Apartments. Die Nachfrage nach Wohnungen wächst. Im ganzen Land werden zunehmend mehr Wohnungen und weniger Einfamilienhäuser gebaut. Dieser Trend ist nur in den vier großen Städten Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht umgekehrt. Hier wächst die Nachfrage nach Einfamilienhäusern stärker als nach kleineren Wohneinheiten.


Altersstruktur der Gebäude (Anteile in %)

Baujahr

Wohngebäude

vor 1925

10

1955 bis 1995

70

nach 1995

20

Quelle: CBS


Die niederländische Bauverordnung (bouwbesluit) stellt Anforderungen an die Energieeffizienz von Neubauten von Wohn- und Nichtwohngebäuden. Die wichtigste Anforderung ist der sogenannte Energieleistungskoeffizient (energieprestatiecoëfficiënt, EPC), eine Methode mit der die Einhaltung der Energieeffizienzrichtlinien rechenmethodisch überprüft wird. Zum 1. Januar 2015 wurden die Vorschriften für Neubauten um 20 bis 50% weiter verschärft. Der Koeffizient für neue Wohnimmobilien muss nun 0,4 gegenüber 0,6 im Jahr 2014 betragen. Die Berechnung des Koeffizienten geschieht gemäß NEN 7120- Energieeffizienz von Gebäuden. Je niedriger der Wert desto höher ist die Energieeffizienz. 

Im öffentlichen Gebäudebau wurde 2015 eine Initiative begonnen, die die Energieeffizienz von Schulgebäuden vorantreiben soll. Die etwa 9.000 Schulgebäude haben zusammen einen Energieverbrauch von 800 Mio. kWh. Die Sanierung von rund 2.000 Schulen soll spätestens 2017 beginnen.

Auch im Gesundheitssektor ist das Einsparpotential groß. Studien haben ergeben, dass mit einfachen Maßnahmen bereits 15% des Energieverbrauches gespart werden können. Gesundheitseinrichtungen mit einem Elektrizitätsverbrauch von über 50.000 kWh oder 25.000 m³ Gas pro Jahr, sind daher verpflichtet die Effizienz zu verbessern, so lange sie die Investitionen innerhalb von fünf Jahren zurückverdienen können.


Anforderungen an die Energieeffizienz von Neubauten 1)

Gebäudeart

2014

2015

Wohngebäude

0,4

0,6

Hotels, Wohnheime

1,8

1,0

Gebäude für Bildung

1,3

0,7

Bürogebäude

1,1

0,8

Verkaufsgebäude

2,6

1,7

1) EPC-Anforderungen (Energieleistungskoeffizient)
Quelle: RVO


Für den Neubau von Wohnungen und Büros mit einer Fläche von über 100 qm gelten Regeln für die Nachhaltigkeit der Baumaterialien.

Der Energieverbrauch aller Geschäfte in den Niederlanden entspricht dem von 725.000 Haushalten. Laut Angaben des nationalen Energieforschungszentrums (ECN) können die gesetzlich verankerten Maßnahmen im Gewerbebau zu einer Ersparnis von 29 PJ führen. Dies entspricht dem Jahresverbrauch von 450.000 Haushalten.


Text: Marte-Marie van den Bosch

17.11.2016

Niederlande fördern Energiesparmaßnahmen bei Wohngebäuden

Die niederländische Regierung hat Anfang 2016 rund 100 Mio. Euro Fördermittel für Energieeinsparungen im Eigenheimsektor bereitgestellt, um der Entwicklung Impulse zu verleihen. Wohnimmobilieneigentümern steht ein Großteil der Mittel für energieeinsparende Maßnahmen zur Verfügung. Ab dem 15.9.16 können Besitzer, die mindestens zwei nachhaltige Maßnahmen durchführen, Förderungen beantragen. Wer das gesamte Haus energieeffizient saniert, kann eine zusätzliche Vergütung erhalten.

Private Hausbesitzer können aus dem Energiesparfonds zinsgünstige Darlehen für den Einbau von Doppelverglasungen, Wandisolierungen und andere nachhaltige Renovierungen beantragen. Das Budget beträgt 300 Mio. Euro.

Anreize auch für Vermieter

Auch für Vermieter besteht ein Fonds, welcher zinsgünstige Darlehen bereitstellt. Kredite können für Projekte mit mindestens fünf Wohnungen bis zum 30.9.19 angefragt werden. Vermieter, die die Energieeffizienz ihrer Gebäude verbessern wollen, können bis zum 31.12.18 Förderungen beantragen. Die Höhe der Mittel hängt von der durch die Maßnahmen erreichten Effizienz ab.

Durch den Energie-Investitionsabzug (energie investeringsaftrek, EIA) können 41,5% der Investitionskosten in energieeffiziente Betriebsmittel abgeschrieben werden. Förderungswürdige Anlagen werden in der jährlich aktualisierten Energieliste (energielijst) veröffentlicht.

Der MIA (Millieu Investeringsaftrek, Umweltinvestitionsabzug) bietet Unternehmen Steuersenkungen, die bis zu 36% des Investitionsbetrages in umweltfreundliche Betriebsmittel betragen. Die Betriebsmittel, die in Frage kommen, werden in der sogenannten Mileulijst aufgelistet.

Die VAMIL Regelung bietet Unternehmen einen Liquiditäts- und Zinsvorteil. Bis zu 75% der Investitionen können beliebig abgeschrieben werden.

Die Exportinitiative Energie des BMWi unterstützt deutsche Anbieter nachhaltiger Energielösungen aus den Bereichen Energieeffizienz oder erneuerbare Energien, intelligente Netze und Speicher auf dem Weg in neue Auslandsmärkte.


Text: Marte-Marie van den Bosch

17.11.2016

Niederländisches Energielabel wird kritisiert

Bei Verkauf oder Vermietung von Immobilien sind Eigentümer verpflichtet ein Energieeffizienzklassenlabel vorzuweisen. Dies wird durch die zum Ministerium für Infrastruktur und Umwelt gehörende Instanz Inspectie Leefomgeving en Transport (ILT) kontrolliert. Bei Versäumnis fällt eine Strafe von 405 Euro an.

Die Wirkkraft des Energielabels wird durch viele Experten kritisiert. In einer Studie von Energy Efficiency Watch schnitten die Niederlande bei der Energiezertifizierung bei Gebäuden von allen EU-Ländern am schlechtesten ab. Auch die europäische Kommission hatte eine Kontrolle gestartet, ob das Energielabel den europäischen Regelungen entspricht. Im Februar 2016 wurde jedoch bekannt gemacht, dass das Land das Energielabel weiter nutzen darf.

Im Jahr 2016 wurden alle niederländischen Haushalte mit intelligenten Zählern für Gas und Elektrizität versehen. Die Lieferanten sind gesetzlich verpflichtet, den Kunden die Verbraucherdaten mitzuteilen, um so Energieeinsparungen zu stimulieren.

Energieeffizienzberatungen können durch zertifizierte EPA-Berater (Energie Prestatie Advies) durchgeführt werden. Diese benötigen für Beratungen im Wohngebäudebereich eine EPA-W Qualifizierung, im Gewerbebausektor eine EPA-U Qualifizierung. Sie beraten individuell über die einsparenden Maßnahmen, die an den entsprechenden Objekten durchgeführt werden können, kalkulieren Kosten sowie die potentiellen Einsparungen.


Text: Marte-Marie van den Bosch

17.11.2016

Deutsches Knowhow genießt guten Ruf in den Niederlanden

Die gesamte Europäische Union liegt auf Kurs um die Klimaziele 2020 zu erreichen. Allerdings hinken die Niederlande hinterher, besonders auf dem Gebiet der Energieeffizienz. Die Dynamik muss zunehmen. Die sich wieder auf Wachstumskurs befindende Bauwirtschaft des Landes bietet gute Perspektiven für eine energieeffiziente Gebäudesanierung. Für deutsche Unternehmen und Handwerker bietet der Markt Potenzial, weil die Entwicklungen im Bereich nachhaltigen Bauens und Sanierens in Deutschland deutlich weiter fortgeschritten sind. Deutsche Unternehmen genießen mit ihrem Know-How einen guten Ruf auf dem niederländischen Markt. Die geographische Nähe verstärkt das Interesse.

Der private Sektor bietet grundsätzlich ein hohes Potenzial für deutsche Anbieter. Für Ausschreibungen und Projekte im öffentlichen Sektor helfen Kenntnisse der lokalen Partner. Auch für Sanierungsprojekte müssen laut Angaben der Deutsch-Niederländischen Handelskammer manchmal Baugenehmigungen beantragt werden. In den meisten Fällen jedoch, können diese Bewilligungen durch den niederländischen Auftraggeber bereitgestellt werden. Wenn eine deutsche Firma für Projektarbeiten Personal in die Niederlande entsendet, wird häufig eine Genehmigung benötigt. Dies muss im jeweiligen Fall geprüft werden. Doppelverglasung und Dachisolierung stellen die am häufigsten durchgeführte Maßnahme dar. Angebote zu Komplettlösungen aus einer Hand gewinnen an Bedeutung.


Text: Marte-Marie van den Bosch

17.11.2016

Niederlande: Gesetzliche Grundlagen

Das niederländische Baurecht beinhaltet:

Auftragnehmerrecht (aannemingsrecht), in dem alle Rechten und Pflichten eines Auftragnehmers verankert sind.

Architektengesetz mit den Rechten und Pflichten der Architekten.

Flächennutzungsplan (bestemmingsplannen), durch den die städtebaulichen Entwicklungen gesteuert werden (wird regional festgelegt).

Der Bauerlass (bouwbesluit), der aus einer Ansammlung bautechnischer Vorschriften besteht. Hier gibt es auch Regeln zum Umbau von Wohnungen.

Die Bauverordnung (bouwverordening), in der neben den technischen Anforderungen sowohl Regeln für die Anwendung von Brandschutzeinrichtungen als auch Bedingungen für Baugenehmigungen verankert sind. (wird regional festgelegt).

Wohnungsgesetz (woningwet) fördert den Bau von angemessenem Wohnraum.

Eine Übersicht der Regelungen und Gesetze, die Auftraggeber beim Bauen beachten müssen.

Für nähere Informationen können Sie sich an die Rechtsabteilung der AHK Niederlande wenden. Weitere Anlaufstelle für Fragen zu privatem und öffentlichem Recht ist das Institut für Baurecht.


Text: Marte-Marie van den Bosch

17.11.2016

Niederlande: Wichtige Messen und Internetadressen

Messen/Institutionen

 

Baumesse Bouwbeurs

www.bouwbeurs.nl/nl-NL/Bezoeker.aspx

Fachmesse Energie

www.energievakbeurs.nl

Ministerium für Infrastruktur und Umwelt

www.rijksoverheid.nl/ministeries/ministerie-van-infrastructuur-en-milieu

Förderprogramme und gesetzliche Rahmenbedingungen

www.rijksoverheid.nl/onderwerpen/duurzaam-bouwen-en-verbouwen/inhoud/duurzaam-bouwen

Bauverband Bouwend Nederland

www.bouwendnederland.nl

Institut für Bauwirtschaft (Economisch Instituut voor de Bouw)

www.eib.nl

Unternehmerverband der Installationsbranche (UNETO-VNI )

www.uneto-vni.nl/homepage-zakelijk

Neprom, zentrales Bindeglied zwischen den staatlichen Behörden und den Baugesellschaften

www.neprom.nl/default.aspx

Branchenverein für mittelgroße Bauunternehmen aus der Baubranche (NVB Vereniging voor Ontwikkelaar en Bouwondernemers)

www.nvb-bouw.nl

Verband der niederländischen Wohnungsbaugesellschaften (Aedes Vereniging voor Woningcorporaties)

www.aedes.nl

Text: Marte-Marie van den Bosch

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