Start-Ups in China

Chinas Hightech-Start-ups mischen an der Spitze mit

Chinas Start-up-Szene ist in den vergangenen fünf Jahren geradezu explodiert. Vor allem im Bereich künstliche Intelligenz sehen Experten China mittelfristig vorne.

28.01.2019

Chinesischer Staat bereitet Nährboden für Tech-Start-ups

Chinas Start-up-Szene ist seit 2014 buchstäblich explodiert. Heute zählt sie zu den stärksten weltweit – nicht ohne Grund. Genährt wird die Start-up-Kultur im Land aus Technologiebegeisterung und Internetgiganten, konfuzianisch geprägtem Unternehmertum, zahlreichen Tech-Talenten, hoher Risikobereitschaft und enorm viel Risikokapital. Bereitgestellt wird es von der Privatwirtschaft sowie vom Staat. Denn dessen umfassende staatliche Innovations- und Hightechstrategie, die China bis 2049 zur Technologieführerschaft in vielen Bereichen bringen will, überlässt wenig allein marktwirtschaftlichen Kräften. "Venture Communism" - unternehmerischer Kommunismus - betitelte 2016 die New York Times dieses Phänomen. Es trägt zum Start-up-Erfolg, aber auch zur Überhitzung des Sektors im Land bei.

Innovationszentren als Erfolgsrezept

Bereits früh legte die Regierung die Grundlagen zur Stärkung der Innovationsfähigkeit und damit letztlich die der heutigen Start-up-Szene. Ein wesentlicher Pfeiler war und ist bis heute das Torch-Program, Fackelprogramm, unter dem Ministerium für Wissenschaft und Technologie (MoST). Im Jahr 2018 feierte es 30-jähriges Bestehen. In seinem Rahmen entstanden bis Ende 2017 landesweit 156 Hightechzonen sowie der Suzhou Industrial Park. Rund 45 Prozent aller Unternehmensinvestitionen in Forschung und Entwicklung fanden 2017 innerhalb dieser Zonen statt und 46 Prozent aller nationalen Erfindungspatente wurden an Firmen erteilt, die sich dort niedergelassen hatten.

Jeden Tag werden allein in den Hightechzonen rund 1.000 neue Firmen registriert. Die meisten dürften Start-ups sein. Als Leuchtturm und Chinas Antwort auf das amerikanische Silicon Valley gilt der Hightechpark Zhonguancun im Universitätsbezirk Haidian der Hauptstadt Beijing. Hinzu kommen 115 nationale Forschungsparks der führenden Universitäten.

Wer sich in diesen Zonen oder Parks niederlässt, qualifiziert sich häufig für Steuervergünstigungen als Hightechunternehmen (Reduzierung der Körperschaftssteuer auf 15 Prozent), für erhöhte Forschungs- und Entwicklungsausgaben oder für Gelder im Rahmen marktorientierter Wissenschaftsprojekte des MoST. Stärker als zuvor hat China seit 2015 sein Innovationssystem auf strategisch wichtige Industriebereiche wie Elektromobilität, Biotechnologie, moderne Informations- und Kommunikationstechnologie, Big Data oder künstliche Intelligenz (KI) ausgerichtet. Insgesamt benennt das Modernisierungsprogramm "Made in China 2025" zehn strategische Bereiche. Für die meisten wie beispielsweise KI, Robotik oder Big Data gibt es spezielle Industrieförderpolitiken.

Vor allem bei KI sehen Experten chinesische Start-ups vorne. Bereits 2017 schob sich China bei Patentanmeldungen in der KI an den USA vorbei; ebenso bei Blockchain. Allein 48 Prozent des weltweit in KI investierten Risikokapitals (USA: 38 Prozent) floss 2017 nach China. Für die Entwicklung dieser strategischen Bereiche spielen Start-ups eine wichtige Rolle.

Tausende Inkubatoren und Acceleratoren

Genährt und unterstützt werden diese auch durch landesweit inzwischen über 4.000 Technology Business Incubators (TBI) auf nationaler und regionaler Ebene. Über die Hälfte liegt in den Hightechzonen. Hinzu kommen nochmals rund 5.700 MakerSpaces, die 2017 laut Torch High Tech Industrial Development Center des MoST (THTIDC) allein rund 182.500 Start-ups unterstützt haben, sowie Acceleratoren. Bis 2020 soll die Gesamtzahl in den drei Bereichen 10.000 erreichen, wie im 13. Fünfjahresprogramm 2016 bis 2020 formuliert wird. Bereits jetzt sieht die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua China weltweit an der Spitze.

Auch bei der Bereitstellung von Risikokapital überlässt der Staat im Sinne des "Venture Communism" nichts dem Zufall, sondern mischt mit staatlichen Venture Capital Guidance Fonds kräftig mit, um Risikokapitalinvestitionen (Venturecapital) in Technologie orientierte Start-ups zu fördern: Durch Beteiligungen an Venturecapitalfirmen, Koinvestitionen mit privaten Venturecapitalfirmen sowie Risikoabsicherung von Venturecapitalfirmen. Nach Darstellung der Financial Times vom Dezember 2018 hat die Regierung auf diese Weise tausende - auch private - Venturecapitalfunds mit rund 1,8 Billionen US-Dollar (US$) ausgestattet und damit auch zur Marktverzerrung beigetragen.

Für Investitionen in Hightech-Start-ups in der Seed- beziehungsweise Frühphase können Venturecapitalfirmen zudem ihre Besteuerungsgrundlage um 70 Prozent verringern. Seit dem 1.Januar 2019 sind reduzierte Steuersätze für Partner von Singe-Investment-Fonds hinzugekommen – eine zuvor teilweise bereits von lokalen Steuerbüros eingesetzte Praxis. Ende 2017 registrierte das THTIDC insgesamt knapp 2.300 Venturecapitalinstitutionen. Regulatorische Unsicherheiten sowie eine Abkühlung des Wirtschaftsklimas brachte im Laufe 2018 jedoch für einige Firmen das Aus.

Nach rund 67 Milliarden US$ im Jahr 2017 wurden in China nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Preqin 2018 über 100 Milliarden US$ investiert – ein neuer Rekordwert. Sowohl Investitionssumme als auch Anzahl der Deals fielen im 2. Halbjahr 2018 jedoch von Quartal zu Quartal. Für 2019 dürfte aufgrund schwächerer Wirtschaftskonjunktur sowie des andauernden Handels- und Technologiekonflikts zwischen China und den USA eine weitere Abkühlung anstehen.

 

Tech-Giganten sorgen für Risikokapital

 

Für die Versorgung der Start-ups mit Risikokapital spielen Chinas etablierten Tech-Riesen Baidu, Alibaba und Tencent (Kurz: BAT) eine immer größere und fast schon dominierende Rolle. Dabei entfällt der Löwenanteil auf Alibaba und Tencent. Gemäß der Start-up-Datenbank IT Juzi war BAT Mitte 2018 an über der Hälfte der chinesischen Unicorns (Start-ups mit über 1 Milliarde US$ Unternehmensbewertung) beteiligt und an vier von fünf Unicorns, die mit über 5 Milliarden US$ bewertet wurden. Tendenziell gelten jedoch einige Start-ups im internationalen Vergleich als überwertet.

 

Damit versorgen die finanzstarken Internetgiganten Chinas Start-up-Szene einerseits mit Risikokapital. Andererseits wird es für erfolgsversprechende Start-ups immer schwieriger, sich einer BAT-Beteiligung gerade in späteren Finanzierungsrunden zu entziehen. Tendenziell verschiebt sich in den letzten Jahren der Börsengang als Exitstrategie nach hinten. Dabei versucht China, den Gang an eine chinesische Börse für Unicorns in den Sektoren Internet, KI, Umweltschutz und Biotechnologie zu vereinfachen und attraktiver zu machen. Gleichzeitig hofft es, durch die Einführung von China Depository Receipts und vereinfachten und beschleunigten Verfahren einige der in den USA an der Börse notierten chinesischen Tech-Giganten zurück an heimische Börsen zu bringen.


Text: Corinne Abele

28.01.2019

China und Nordamerika dominieren Risikokapitalinvestitionen weltweit

Wie viele Start-up-Firmen jährlich in China gegründet werden und wie viele bereits nach kurzer Zeit wieder verschwinden, wird statistisch nicht erfasst. Nach Angaben der Informationsplattformen 163Yun und ITJUZI soll es 2018 landesweit über 100.000 Start-ups gegeben haben. Über 65 Prozent davon befinden sich demnach in den drei Start-up-Hochburgen Chinas: Beijing, Shanghai und in der Provinz Guangdong mit dem Start-up-Zentrum Shenzhen.

 

China hat die meisten Start-up-Milliardäre

 

Obwohl die genaue Zahl ständig im Fluss ist und jeweils nach Datenherkunft variiert, dürfte China Ende 2017 mehr Unicorns – Firmen mit einer Unternehmensbewertung von über 1 Milliarde Euro - beheimatet haben als die USA. Der im März 2018 veröffentlichte "2017 China Unicorn Enterprise Development Report" nannte 164 Unicorns mit einem Gesamtwert von 628,4 Milliarden US-Dollar (U$) zum Jahresende 2017 (Zum Vergleich: in den USA seien es 132 mit einem Gesamtwert von über 700 Milliarden US$). Die meisten chinesischen Unicorns wurden im Bereich E-Commerce (33), vor Gesundheit, Bildung und Tourismus (26) sowie Fintech (21) gezählt. Das Hurun Research Institute kam im September 2018 hingegen bereits auf 181 Unicorns in China mit einem Marktwert von über 700 Milliarden US$.

 

Chinas Top Unicorns 2018 *)

Rang

Unternehmen

Wert (in Mrd. US$)

Bereich

Unicorn seit

1

Ant Financial (Hangzhou)

150

Fintech

6/18

2

Aliyun (Hangzhou)

67

Unternehmensdienstleistungen (Cloud Computing)

7/18

3

Didi Chuxing (Beijing)

58

Transportbereich; Car-Hailing

7/17

4

ByteDance (Beijing)

40

Medien und Unterhaltung: Gründer der mobilen Informationsplattform Toutiao

9/17

5

Lufax (Shanghai)

30

Fintech

 

*) Stand Dezember 2018

Quelle: China Money Network: China Unicorn Ranking

 

Auch beim investierten Risikokapital lieferten sich China und Nordamerika 2018 ein Kopf-an-Kopf-Rennen. So stellten laut Preqin Nordamerika und Greater China (inklusive Hongkong, Macao und Taiwan) fast vier Fünftel der weltweiten Venturecapitalinvestitionen: 107 Milliarden entfielen auf Greater China, 113 Milliarden auf Nordamerika (Venturecapitalinvestitionen in der chinesischen Währung Renminbi scheinen unvollständig berücksichtigt). Dabei steigt der chinesische Anteil unter den Investoren in der Frühphase (Early-Stage).

 

Künftig werden Bereiche wie künstliche Intelligenz (KI), Big Data, Cloud Computing und Robotik für Investoren an Bedeutung gewinnen. Laut "China Startup Outlook 2018" der Silicon Valley Bank halten 36 Prozent der befragten chinesischen Firmengründer KI als das aussichtsreichste Segment vor Biowissenschaften und Gesundheit (16 Prozent), Big Data (11 Prozent) und Fintech (9 Prozent).

 

Start-up-Hubs in China haben eigene Schwerpunkte

 

Gerade für KI, Blockchain, aber auch für onlinebasierte Bildung (Edtech) verfügt die chinesische Hauptstadt Beijing über ein gutes Ökosystem. Laut der World Intellectual Property Organization (WIPO) lag sie 2017 auf dem siebten Platz der führenden Innovationscluster weltweit. Aus der Peking-Universität und Tsinghua-Universität kommen hochklassige Tech-Talente. Beijings Hightechzone Zhongguancun gilt vielen als Chinas Antwort auf das Silicon Valley. Die Hauptstadt investiert gezielt in die Ansiedlung von KI-Start-ups.

 

Die wohl internationalste Start-up-Szene ist in Shanghai beheimatet: Renommierte Universitäten, zahlreiche Forschungs- und Entwicklungszentren multinationaler Unternehmen, deren eigene Start-up-Programme sowie internationale Acceleratoren wie ChinaAccelerator, WeWork oder TechNode sorgen für eine gute internationale Anbindung der dortigen Start-up-Szene. Das meiste Risikokapital fließt in Shanghai in Fintech-Start-ups. Gleichzeitig gilt die Stadt als Zentrum der chinesischen Gamingindustrie. Hangzhou, Hauptstadt der Provinz Zhejiang, profitiert vom Firmensitz des E-Commercegiganten Alibaba. Um ihn herum hat sich eine für Start-ups sehr attraktive Pilotzone für E-Commerce entwickelt.

 

Als "Silicon Valley of Hardware" wird häufig Shenzhen in der Provinz Guangdong bezeichnet. Die WIPO hat die Stadt gemeinsam mit dem in unmittelbarer Nähe liegenden Hongkong 2017 zum zweitwichtigsten Innovationscluster weltweit erklärt. Shenzhen verfügt über eine hervorragende Produktions- und Innovationsinfrastruktur in der hardwarelastigen Informations- und Kommunikationstechnologie sowie zunehmend ebenfalls für Robotik. Seine Start-up-Szene ist stark lokal geprägt. Die Stadt ist Heimat von Tencent, Huawei, ZTE, BYD sowie DJI – um nur einige Toptechunternehmen zu nennen.

 

Text: Corinne Abele

28.01.2019

Auslandserfahrung trägt zu Chinas Start-up-Szene bei

Je nach Region zeigt sich Chinas Start-up-Szene mehr oder weniger international.

Während das Innovationszentrum Shenzhen eher stark durch die inländische Tech-Szene geprägt wird, finden sich im weltoffenen Shanghai zahlreiche ausländische Start-ups. Zu ihnen zählen auch Firmen wie beispielsweise Hotnest mit deutschem Mitgründer oder das deutsche Fintech-Start-up Ginmon.

 

Während das erstgenannte Start-up Datenanalyse nutzt, um die Werbebranche umzukrempeln, konzentriert sich letzteres auf die digitale Vermögensverwaltung der wachsender Mittelschicht Chinas. Und Elektroautohersteller Byton in Nanjing ist ein chinesisches Start-up mit ausschließlich deutschen Gründern. Sie alle operieren in China mit gemischten Managementteams. Denn ein tiefes Verständnis des lokalen Marktes und Schnelligkeit sind Grundvoraussetzungen, um sich am heiß umkämpften Markt zu behaupten.

 

Dennoch stammt nicht selten ein Mitgründer aus dem Ausland oder ist ein chinesisches Tech-Talent, das einen Teil seiner Karriere dort verbracht hat. Chinas universitäre Inkubationszenten oder Hightech- und Wissenschaftsparks wie das renommierte Zhonguancun in Beijing winken technologieversierten Rückkehrern mit umfangreichen Start-up-Paketen inklusive temporären Steuerbefreiungen und mietfreien Büros. Vor allem Chinas Biotech-Start-up-Szene ist geprägt durch chinesische Rückkehrer mit internationaler Erfahrung.

 

Ausländische Mitbegründer stehen hinter einigen der erfolgreichsten chinesischen Start-ups in der Volksrepublik. Dazu zählen das Onlinereiseportal Qunar oder die Einzelhandelsplattform für Luxuswaren Mei.com. Gleichzeitig wagen sich chinesische Start-ups zunehmend auf den internationalen Markt. Die Bandbreite ist groß. Dazu zählt beispielsweise Rollerhersteller Ninebot, der sein US-Vorbild Segway zuerst kopierte, 2015 übernahm und inzwischen Weltmarktführer bei Elektrotretrollern ist. Das auf intelligente und innovative Gesundheitslösungen für Senioren ausgerichtete chinesisch-singapurische Start-up HiNounou Intelligent Robot Company erhielt im Oktober 2018 in München den durch Insurtech Hub München gesponserten internationalen Digital Insurance Advance (DIA)-Preis.

 

International ausgerichtete Inkubatoren und Acceleratoren sind erste Anlaufstellen für ausländische Start-ups in China sowie chinesische Start-ups im Ausland. Dazu zählt beispielsweise Techcode, Betreiber von Inkubatoren in China, Deutschland, USA und Israel. Die Firmengründer sehen sich als Brückenbilder zwischen chinesischen und ausländischen Start-ups und bieten im jeweiligen Land lokale Infrastruktur und Netzwerk.

 

Talente aus dem Ausland gefragt

 

Zunehmend sind chinesische Inkubatoren und Acceleratoren im Ausland aktiv, allen voran im Silicon Valley. Im Fokus steht, frühzeitig ausländische Talente und erfolgsversprechende Produkte und Geschäftsmodelle für den chinesischen Markt zu gewinnen. Allein elf chinesische Acceleratorprogramme wurden 2013 bis 2018 im Silicon Valley in den USA gegründet. Zu ihnen zählen beispielsweise nichtstaatliche Acceleratoren wie "Plug and Play" oder InnoSpring sowie staatliche wie das Shanghai Lingang Overseas Innovation Center oder Z-Park, finanziert durch die staatliche Zhongguancun Development Group in Beijing.

 

Gleichzeitig entwickelt sich die Zusammenarbeit der multinationalen Konzerne in China mit der Start-up-Szene vor Ort dynamisch. Einige Firmen wie Bayer (Grants4Apps Shanghai Incubator Program), BASF (Joint Venture mit Plug and Play) oder Daimler (Startup Autobahn) haben inzwischen mit eigenen Wettbewerben, Inkubatoren oder Acceleratoren für Start-ups in China begonnen. Ziel ist es, frühzeitig chinesische Tech-Talente zu fördern und zu gewinnen. Noch steht jedoch die Zusammenarbeit mit lokalen Start-ups gerade für deutsche kleine und mittlere Unternehmen in China am Anfang.

 

Text: Corinne Abele

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